Noch mehr Informationskompetenz auf dem Bibliothekskongress

Weitere aus der Sicht von Informationskompetenz für mich interessante Beiträge in Leipzig habe ich leider erst hinterher wahrgenommen:

Informationskompetenz plus – zur Zukunft der Bibliotheken : Beobachtungen vom Bibliothekskongress in Leipzig 2010

Bibliothekskongresse oder Bibliothekartage bieten eigentlich immer eine Fülle von Anregungen für die eigene Praxis oder Reflexion, nicht anders diesmal mein zweitägiger Besuch des Bibliothekskongresses in Leipzig. Zufällig 😎 war ich bei den meisten der Sessions zum Thema Informationskompetenz mit dabei, herausragend dabei diejenige am Mittwoch nachmittag mit Vorträgen, die das klassisch-bibliothekarische Verständnis von Informationskompetenz weiterdenken. Ein weiteres Highlight war für mich die Frage der Zukunft der Bibliotheken, ein Thema, das sich durchaus mit meinem normalen Schwerpunkt vereinbaren lässt. Viele der Vorträge stehen schon jetzt als Folien auf dem BIB-Dokumentenserver zur Verfügung.
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Wohin entwickelt sich das, was wir Informationskompetenz nennen?

Die obige Frage treibt mir schon lange im Kopf herum. Ein Preprint zur Zeitschrift College & Research Libraries Journal (C&RL), ein Aufsatz von Thomas P. Mackey und Trudi E. Jacobson mit dem Titel "Reframing Information Literacy as a Metaliteracy", der online zugreifbar ist, hat diese Frage erneut angestoßen!

Michael Stephens hat in seinem Vortrag letzte Woche in Hamburg das Konzept "transliteracy" erwähnt. Dies machte im Sommer 2009 auf der IFLA-Tagung auch Suzie Andretta. Auch von "multimodal literacy" war hier die Rede. Auch mein in diesem Blog oftmaliges Erwähnen von "Informationskultur", die eigentlich das ausmacht, was ein breites Verständnis von Informationskompetenz umfasst, geht in die Richtung der Frage dieses Posts.

Wir leben in einer Welt, in der neben Lesen und Schreiben dieses weite Verständnis von Informationskompetenz so etwas wie eine dritte Kulturtechnik wird, in der alle einfach und schnell eigene Informationsressourcen aufbauen, die auch von anderen mitgenutzt werden können, in der jedes Agieren immer mehr ein Informieren wird und in der ein kritisches Verständnis des eigenen Informationsprozesses und der auf einen einwirkenden Informationsquellen unabdingbar wird. Gerade die immer einfacher zu nutzenden Informationsressourcen verdecken dabei oft die notwendige kritische Komponente von Informationskompetenz. Gerade läuft eine Umfrage eines amerikanischen Kollegen (Robert Schroeder, Portland State University) zum Verhältnis von critical thinking und information literacy. Für mich gilt dabei eher "Information literacy is critical thinking applied to information" und deutlich wird, dass Informationskompetenz schon lange nicht nur ein Thema von Bibliotheken ist, sondern Teil jedes Lernens.

Integration von Chemie-Bibliothekaren in die Lehre

Im neuen Chemical Information Bulletin, Vol. 62(1) Spring 2010, der ACS Division of Chemical Information (CINF) findet sich ein Interview (S. 24-26) mit René Deplanque, dem Managing Director des FIZ Chemie.

Deplanque plädiert darin für eine verstärkte Integration von Bibliothekaren in den „education process“ (S. 25-26):

There is quite a difference in the position of an American librarian and a German librarian. In Germany, the librarian has still a very traditional role. They are the ones to whom you go only to get information. Unfortunately, the librarian is seldom in the position of partner to the researcher. This is unfortunate because in most cases, the librarians have to have an academic degree in librarianship to work in a scientific library. Only very rarely do scientists decide to go into a career as a librarian. I think that one of the problems that we have to cope with is that universities depend on reputation, and reputation depends on research; librarians in Germany are not part of the research process. Therefore, the librarians do not have their true position within this framework. In recent years, this very traditional positioning of the librarian is weakening a bit, but it will still take many years before the librarian is accepted as a valued partner for the scientist. […]

The librarian in Germany is highly educated but only very seldom introduced into the education process, especially not in the sciences. Very few universities have courses on teaching the use of information systems that are actually led by a librarian. It is very sad that, within the educational system in Germany, the true value of the librarian is underestimated, and because of this librarians are not used to their full potential.

Ein Plädoyer für mehr Informationskompetenz-Aktivitäten durch Fachreferenten an Bibliotheken! An manchen Orten ist die Integration in die Lehre aber auch schon Realität, zum Beispiel in der Verfahrenstechnik an der TU Hamburg-Harburg! 😎 Am nächsten Montag ist für mich als Fachreferent für Verfahrenstechnik wieder die wichtigste Veranstaltung des Jahres, eine Präsentation zur "World of process engineering information" im Rahmen des Projektierungskurses Verfahrenstechnik. Mehr als 80 Studierende der Verfahrens- und Biotechnik der TUHH bearbeiten drei Wochen ein gemeinsames Projekt und bekommen am Anfang einen Überblick zur Fachinformation!

Grenzüberschreitungen

Michael Buckland hat in der ACM-Zeitschrift "Interactions online : new visions of human-computer interaction" einen Artikel mit dem Titel "As We May Recall: Four Forgotten Pioneers" (16 (2009)6, S. 76-79) verfasst. Die vier Pioniere sind Paul Otlet, Wilhelm Ostwald, Emanuel Goldberg und Suzanne Briet.

Der Zugang zum Volltext ist wohl nur mit Subskription möglich, jedenfalls über diese Seite. Mit einem anderen Link kann ich zumindestens im TUHH-Netz den Volltext sehen!

Zwei weitere Aufsätze, auf die ich in diesem Heft aufmerksam wurde, tragen die Titel "Learning from architecture" (von Brett Ingram, S. 64-67) und "People-centered innovation or cultural evolution" (von Michele Visciola, S. 42-45). Der erste passt zu einem Aufsatz zu Ostwald, den ich vor kurzem im Entwurf geschrieben habe, der mein Poster auf der Konferenz Analogous spaces in Ghent 2008 genauer ausführt. Der zweite Beitrag greift mit dem Thema Innovation eine Problematik auf, die mich im Zusammenhang mit der TUHH-Bibliothek und der dort gerade stattgefundenen Zukunftswerkstatt beschäftigt. Zu einem von der TUHH-Bibliothek veranstalteten Kolloquium zum Thema eBooks und zur Zukunft der Bibliothek im November 2009, das das Thema Innovation implizit auch gestreift hatte, ist gerade online der "Proceedingsband" erschienen.

Innovation wird z.B. durch Grenzüberschreitungen und Blicke über den Tellerrand gefördert. Allein die Recherche nach der Zeitschrift Interactions führt zu zwei Zeitschriften gleichen Namens, die mir auch spannend erscheinen: "InterActions: UCLA Journal of Education and Information" und "Interactions: Studies in Communication & Culture" (1. Ausgabe hat freien Zugang!)! Zeit zum Lesen müsste man haben! 😎

Theoretisches zum Thema Information aus deutschen Landen

Nachdem ich in der Blog-Kategorie "Philosophy of information" bisher relativ oft anglo-amerikanische Autoren erwähnt habe (Ausnahme Rafael Capurro!), hier ein paar Hinweise auf philosophisch-theoretische Beiträge zum Informations- und Bibliothekswesen aus deutschen Landen.

Der oben erwähnte Beitrag von Adrian Pohl "Kommunikation statt Information" hat mir nochmal deutlich gemacht, dass ich für mich keinen eindeutigen Informationsbegriff habe.

Den angesprochenen Perspektivwechsel von Information zur Kommunikation halte ich zwar aus praktischen Gründen auch für nötig, aber nicht weil sich der Kommunikationsbegriff einfacher fassen ließe als der Informationsbegriff. Beide, wie auch deren "Abgrenzung zu ‚Daten‘, ‚Wissen‘, ‚Kommunikation‘, ‚Quelle‘, ‚Text‘ oder gar ‚Schrift’" oder auch Medium und Dokument (siehe Jakob Voß), für alle diese Begriffe gibt es unterschiedlichste Bestimmungen und damit auch unterschiedlichste gegenseitige Abgrenzungen.

Für mich hat z.B. die Definition von Information als "einen Unterschied, der einen Unterschied macht" von Gregory Bateson einen gewissen Charme, z.B. mit seiner Nähe zum Lernen, denn Lernen ist auch Unterscheiden (Dies ist mir durch den schönen Vortrag von Wiebke Derboven zur Woche der Lebensentwürfe mit dem Titel Lebenslanges Lernen an der TUHH richtig bewusst geworden!).

Ich würde auch nie von "Wissensressourcen (die die Grundlage von Information sein können)" sprechen, wie Till Kinstler in einem Kommentar zum Blog-Eintrag von Adrian Pohl! Für mich ist Wissen nur etwas, was sich in den Köpfen abspielt, man kann dies veröffentlichen als Information für andere, so das man Information auch als "veröffentlichtes Wissen" bezeichnen könnte (dies habe ich zuerst irgendwo in einem Text von Gabi Reinmann gelesen!). Information hat für mich immer etwas Potentielles für den Rezipienten, je nachdem, ob er diese versteht oder nicht! Information als Teil der Kommunikation hat nach Luhmann also immer auch mit Selektion zu tun.

Noch ein Aspekt, der mir immer wichtig ist, ist das im Informationsbegriff enthaltende Formgebende, das ich vor kurzem in den Schriften des Computer- und Medienkünstler Lev Manovich, hier in vorbereitenden Texten für sein geplantes Buch "Info-aesthetics", gelesen habe:

"The contrast between form and information is one of the fundamental cultural dimensions which accompanies the shift from industrial to information society; or from modernism to what I would like to brand ‘informationalism’ […] And yet, as the word inFORMation implies itself, there is a hidden form-making impulse in information society."

"Rather, info-aesthetics refers to various new contemporary cultural practices which can be best understand as responses to the new priorities of information society: making sense of information, working with information, producing knowledge from information."

Und von hier ist dann ein Schwenk möglich zur Förderung von Informationskompetenz bzw. Informationskultur! 😎