Sichten auf Open Access: Moralische Ökonomie und Grenzobjekt

Der folgende Text erschien erstmals im Blog der Universitätsbibliothek der TU Hamburg am 28.10.2018 im Rahmen der Blog-Reihe zur Open Access Week 2018.

Flaschenöffner an Hauswand mit Bezeichnung
Offenheit, Open Science und Open Access sind in aller Munde. Dieser Beitrag am letzten Tag der Open Access Woche 2018 soll mit Verweisen auf andere Texte bewusster machen, dass sich hinter jedem dieser Begriffe durchaus unterschiedliche Sichten, Akteure und Interessen verbergen. Diese Texte und Sichten auf „Openness“ bieten gleichzeitig vielleicht Anregungen für neue, interessante Gedankengänge zu Open Access. So unterscheiden Pomerantz und Peek (2016) eine Vielzahl an Bedeutungen von „open“, und Fecher und Friese (2014) sprechen von fünf Denkschulen bzgl. „Open Science“.

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"Cogitamus" in "Kollaboration"

Der Titel dieses Beitrages enthält die Titel der beiden interessantesten Bücher, die ich im letzten halben Jahr gelesen habe. Bruno Latour (Cogitamus. Edition Unseld: Vol. 38. Berlin: Suhrkamp, 2016) beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Politik (Rezension), während Mark Terkessidis (Kollaboration. Berlin: Suhrkamp, 2015) über zeitgemäße Formen der Zusammenarbeit, genauer das Leben von Zusammenarbeit nachdenkt.

Cogitamus

Latours sechs Briefe an eine Studentin umfassen eine Einführung in sein Denken über die Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Er rät der Studentin ein „Bordtagebuch“ zu führen, um hier Ereignisse, Beispiele und deren Quellen (z.B. aus Tageszeitungen) festzuhalten, die zeigen, wie sehr wissenschaftliche Ergebnisse Einfluss auf gesellschaftlich-politische Entscheidungen haben und umgekehrt.

„Keine Information ohne Transformation.“ (S. 189)

Meine Lieblingsformulierung von Latour erinnert an meinen Lieblingssatz bei Ernst Bloch. Weiterlesen

Fake-News und Informationskompetenz

Seit meinem Text zum epistemologischen Kern von Informationskompetenz hat sich für mich durch weltweite politische Entwicklungen die Notwendigkeit verstärkt, über die im Hintergrund stehende philosophische Frage nach dem Wesen von Wahrheit und Wissen, auf den akademischen Bereich bezogen über das Wesen und das Funktionieren von Wissenschaft und Forschung nachzudenken. Spätestens seit den amerikanischen Präsidentschaftswahlen ist das Thema Fake-News ein Dauerbrenner in den Medien.

Bibliotheken schreiben Blog-Beiträge zu Fake News. Fake News ist auch für die IFLA ein Thema. Es gibt z.B. Veranstaltungen mit Titeln wie „Digital Literacy and Fake News“ oder einen schönen Aufsatz mit dem Titel „Fake news and alternative facts: five challenges for academic libraries„.
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Vor 40 Jahren starb der Philosoph Ernst Bloch

Ernst Bloch bleibt einer meiner Lieblingsphilosophen. Er starb am 4. August 1977.

Mein Lieblingszitat von Bloch ist: "Erkannt wird […] zum Ziel der In-Formatio über die Welt und der Welt selber." (Tübinger Einleitung in die Philosophie, 1977, S. 44). Dies ist ein Hinweis darauf, dass jedes Erkennen und Lernen nicht nur auf Vorhandenes gerichtet ist ("sich informierend über bereits Formiertes", Logos der Materie : eine Logik im Werden. 200, S. 238) sondern auch praktische Veränderung für die Zukunft enthält, die heutzutage so nötig ist, als "aktive In-formation eines Wirklichen selbst" (ebd.).

In einem vor kurzem Open Access erschienenden, zur Lage der Welt passenden Buch "Symptoms of the planetary condition: A critical vocabulary" (Bunz, M., Kaiser, B. M., & Thiele, K. (Eds.). 2017. Lüneburg: Meson Press.) heisst es am Schluss in einem Aufsatz von Jennifer A. Wagner-Lawlor auf Bloch und den Begriff Utopie bezogen:

"(…) utopian process effectively performs “the principle of Hope” (Bloch 1995). These performances are forms of transitive imagining, and not immobile ideologic constructions. Utopia is plastic, mobile, performative, and inviting: it invites us always to wonder, the most reliable and objective sign of hope."

Es ist immer spannend , was man so zufällig findet! 😎

Der Verlag Meson Press, der mit der Leuphana Universität in Lüneburg verbunden ist, hat noch eine Reihe weiterer interessanter Titel im Angebot. Für mich zum Beispiel wichtig:

  • Library life: Werkstätten kulturwissenschaftlichen Forschens. Krentel, F. et al. (2015). Lüneburg: Meson Press. So etwas wie ethnografische Feldforschung zu „Orten, Materialien und Praktiken kulturwissenschaftlicher Wissensproduktion“. Verwendet habe ich das schöne Coverbild bei einem Beitrag mit dem Titel "Schon früh ans Schreiben denken!" im Blog der tub. zum Wissenschaftlichen Arbeiten
  • Critical Keywords for the Digital Humanities umfasst eine Sammlung von einzelnen kurzen Texten zu Begriffen wie Copyfight, Knowledge, Metadata, Open, Open Access u.a. die vor ein paar Jahren unter dem Titel "CDC Keywords" unter einer offenen CC-Lizenz verfügbar waren, dann aber lange verschwunden waren. Leider sind bei den Texten zur Zeit keine der Autoren genannt, zu denen z.B. Gary Hall, Mercedes Bunz, Janneke Adema u.a. gehörten. Der Twitter-Account existiert noch, verweist aber auf eine nicht mehr existierende Webseite.

Was es heisst, Informationskompetenz kritisch zu sehen

Was heisst es genau, wenn man Informationskompetenz kritisch sieht? Schaut man nämlich genauer hin, lassen sich verschiedene Ebenen und Aspekte unterscheiden, und es gibt ganz verschiedene kritische Sichten auf Informationskompetenz. Auf ein paar von diesen soll hier hingewiesen werden.

Eigentlich wollte ich einen Beitrag schreiben für einen durch die Gemeinsame Kommission Informationskompetenz von VDB und dbv publizierten „Call for Papers: Themenschwerpunkt Informationskompetenz“ zu einem Themenheft der Zeitschrift o-bib. Denn gewünscht wurden „auch durchaus provokative Beiträge […], die neue Impulse in die Diskussion um die Förderung von Informationskompetenz in Deutschland einbringen“. Und weiter heisst es, daß „bereits der Titel aus einer aussagekräftigen These bestehen [kann], die dann im Text ausgeführt wird.“ Toll, Kritik und Kreativität sind also gefragt. Für mich war bei den möglichen Themen, „E-Learning und Gaming, Referenzrahmen und Schwellenkonzepte, IK und Forschungsdaten, Evaluation und Assessment, neue Zielgruppen und Kooperationen, Qualifikationsprofil und Ausbildung, Raumkonzepte, Netzwerke und neue biblio­thekarische Wege“ nichts wirklich Provokatives dabei. Ich bin sehr gespannt auf die Aufsätze des Themenheftes. Aus diversen Gründen schaffte ich es leider nicht, einen formalen Aufsatz zu verfassen, daher dieser Blog-Beitrag, der die Frage der Kritik im Rahmen von Informationskompetenz aufnimmt.

Kritische Sichten

Die Diskussion zu einer kritischen Sicht auf Informationskompetenz (Critical Information Literacy = CIL) nimmt, international gesehen, immer mehr zu. Ein aktuelles Review zur CIL stammt von Eamon Tewell.

CIL ist auch als Teil der sogenannten critlib-Bewegung zu sehen. Hinweise auf Literatur zu dieser bietet eine Zotero-Gruppe dieser Gruppe. Eine ähnliche britische Gruppe nennt sich Radical Librarians Collective. Schon lange bekannt ist die Progressive Librarians Guild, die schon seit Jahrzehnten eine eigene Zeitschrift herausgibt. In Deutschland zählt der Arbeitskreis Kritische Bibliothek zu dieser Bewegung, in Österreich der Arbeitskreis kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI).

„Kritisch“ als Begriff hat ja nach dem Griechischen ursprünglich etwas mit scheiden, urteilen bzw. auch unterscheiden zu tun (siehe auch meinen Text in der 2. Auflage des Handbuch Informationskompetenz). Auch die Nähe von Kritik zu Information ist deutlich, wenn man an die bekannte Definition von Bateson denkt: „Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht.“ Ein anderer französischer Philosoph schreibt „Informieren heisst Differenzen bestimmen“ (François Châtelet, 1975) Weiterlesen

Nachdenken über Offenheit #OAWeek2016

Nachdem die Open Access Week auch 2016 wieder zu einer Fülle an Blog-Beiträgen bei vielen Bibliotheken geführt hat, etwa bei der TIB, der Bibliothek der Hochschule Hannover oder meiner tub.tuhh, hier Hinweise auf ein paar Texte, die auch Offenheit als solche reflektieren.

Dass Offenheit durchaus als wissenschaftliche Tugend anzusehen ist, behaupte ich in einem Beitrag im Blog zum wissenschaftlichen Arbeiten an der TUHH.

Der französische Philosoph Michel Serres hat dazu in einem auch sonst sehr lesenswerten Vorwort zu seinem zusammen mit Nayla Farouki herausgegebenen "Thesaurus der exakten Wissenschaften" (Frankfurt a.M.: Zweitausendeins, 2001 – Besprechung) zum Aspekt der Bildung durch und mit Wissenschaft geschrieben:

Bildung ist eine gleichermaßen technische, politische und moralische Frage. Umgekehrt betrifft das erste Problem, das die Wissenschaft aufwirft, deren Verbreitung. Wenn finanzkräftige Unternehmen wissenschaftliche Ergebnisse aufkaufen, werden sie aus Eigeninteresse mit Blick auf einen möglichen Verkauf geheim gehalten und nur noch selektiv publiziert. Alles für Profit und Ruhm, ansonsten herrschte Schweigen, Debatten wären ausgeschlossen. Die bezahlte Veröffentlichung liefe der kostenlosen den Rang ab. Das käme einer Regression auf die archaischen Zustände der vorhomerischen Defintion von aletheia gleich, wonach Wahrheit ihr Maß an der Bekanntheit hätte. Wenn man ansieht, in welchem Maß Forschung von der Finanzierung abhängig geworden ist, welche Blüten die Publikationsbesessenheit treibt und wie die reichsten Gruppen Ergebnisse für sich behalten, scheinen wir solch einer Regression gefährlich nahe zu sein. Hier verbietet der berufliche Ehrenkodex eine Geheimhaltung, die auf kurz oder lang die gesamte Wissenschaft zersetzt und zerstört. Die egalitäre Veröffentlichung allen Wissens, die nichts zurückhält und nichts maßlos forciert und in den Vordergrund spielt, wird damit zur sittlichen Pflicht. Wissen muss öffentlich sein, davon ist nicht nur die Wissenschaft betroffen, sondern auch deren ethische Grundlage.
[Hervorhebung T.H.] S. XXXVII – XXXVIII

Zur (eigenen) Geschichte und Gegenwart des Nachdenkens über Wissenschaft in der Hochschulausbildung

Beim Aufräumen meiner Papierberge 😎 bin ich vor einiger Zeit auf einen Leserbrief von mir gestoßen, der im Mai 1983 in der Berliner Tageszeitung „Der Tagesspiegel“ veröffentlicht wurde:

Lernen mit Sinn
In Ihrem Artikel in Nr. 11 432 über die Verteterversammlung des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) kommt eine Widersprüchlichkeit voll zum Ausdruck, die vielen Bildungspolitikern und Pädagogen offenbar immer noch nicht ganz bewußt ist: Einerseits sprach sich der Bundesgeschäftsführer des VBE „dagegen aus, zunehmend gesellschaftliche und politische Probleme in der Schule zu behandeln …“, andererseits sollten Kinder in der Schule „auch Verantwortlichkeit, Kritikfähigkeit und Solidarität“ lernen. Wie aber ist es möglich, diese offensichtlich politischen Ziele zu erreichen, ohne wenigstens einen kleinen Ausschnitt aus der ganzen Problematik unserer Geesellschaft zu entfalten? Richtig dagegen ist meiner Meinung nach, daß sich Lehrer die Zeit nehmen sollten, „nach Grund und Sinn zu fragen, und nicht nur einseitig Fakten weitergeben“. Demnach sollten zum Beispiel in den angeblich politikfreien Naturwissenschaften auch gesellschaftliche Probleme den Unterricht bereichern, etwa durch Behandlung der Umweltproblematik oder Untersuchung der Entstehungsbedingungen der heutigen Naturwissenschaft, die die Natur ausschließlich quantitativ erfaßt und nicht auch qualitativ. Vielleicht kann man damit ‚Dem Lernen einen neuen Sinn geben‘ und die oben erwähnten drei Ziele erreichen.“
Der Tagesspiegel, Berlin, Sonntag, 29. Mai 1983

Für mich ist das Inhaltliche hier noch immer aktuell, und das gilt auch für Hochschulen. Studierende aller Fächer sollten Lehrveranstaltungen besuchen, in denen sich Wissenschaft selbst zum Thema macht, wo also über Wissenschaftlichkeit nachgedacht wird. „Bildung“ als ein Zweck von Wissenschaft (Schummer, Joachim: Wozu Wissenschaft? Neun Antworten auf eine alte Frage. Berlin: Kadmos 2014.) umfasst die Notwendigkeit des Nachdenkens über Wissenschaft auf einer Meta-Ebene, die Reflexion über die eigene Disziplin und deren sozial-gesellschaftliche Einbettung in die moderne Gesellschaft.

Um heutzutage wissenschaftlich begründete Entscheidungen in Alltag (z.B. beim Gesundheitsschutz) und Politik (etwa bzgl. der Umweltproblematik und des Nachhaltigkeits-Imperativs) treffen zu können, müssen Entscheidende, also heutztage eigentlich alle, ein grundlegendes Verständnis des Funktionierens von Wissenschaft haben. Und dies kann auch, zumindest ansatzweise, in Aktivitäten zur Förderung von Informationskompetenz integriert werden, wie ich an anderer Stelle betont habe (hier noch ein Beispiel für eine praktische Auswirkung).
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Schreiben als In-Form-Bringen des Denkens

Die Überschrift dieses Beitrages ist mir vor Kurzem beim eigenen sogenannten Warmschreiben oder Free-Writing im Rahmen des Seminars "Wissenschaftliches Arbeiten" an der TUHH in den Sinn gekommen. Gerne nutze ich immer die Gelegenheit, diese Übung im Seminarteil von Birte Schelling mitzumachen. Ulrike Scheuermann (Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln. 2. Aufl. Opladen: Budrich, 2013) spricht auch von Gedanken- oder Fokussprints (S. 78-79). Man schreibt innerhalb von 5 Minuten ohne abzusetzen alles auf, was einem durch den Kopf geht bzw. man wählt vorab ein Thema und schreibt dann.

Kurz vorher hatte ich ein Buch durchgeblättert und angelesen, dass auch in die Richtung des Themas dieses Textes geht: Hornuff, Daniel: Denken designen. Zur Inszenierung der Theorie. Paderborn: Fink 2014. Es passt auch zu dem schönen Aufsatz von Philipp Mayer "Wissenschaftlich schreiben heißt vor allem denken. Zwölf Techniken für mehr Effizienz. Das Hochschulwesen, 58 (2010) 1, 28-32. Diese Blog-Beitrag befasst sich also mit philosophischen Gedanken zum Schreiben.

Hier mein Text vom Warmschreiben:

„Bibliotheken fördern auch akademische Tugenden und Kompetenzen. Eine der wichtigsten akademischen Kompetenzen ist die Reflexion, die Reflexion über das, was Wissenschaft kennzeichnet und wie wissenschaftliches Wissen entsteht. Kurse zum wissenschaftlichen Arbeiten bieten nicht nur Tipps und Rezepte sondern sollen gerade das Nachdenken anregen, über das, was man selbst tut, die Auswirkungen der eigenen Tätigkeit, und das Schreiben von eigenen Gedanken ist Teil des Denkens, Schreiben ist so etwas wie In-Form-Bringen des eigenen Denkens. Es hat also mit Form und Formalisierung des Denkens zu tun, andererseits wird durch das In-Form-Bringen auch deutlich, dass dadurch Denken trainiert werden kann. Beim Schreiben kommt man auf neue Gedanken, Assoziationen und Ähnliches, die einem vielleicht weiterhelfen, sein Tun fortzuentwickeln. Schreiben erleichtert das Denken durch die Ablage und Speicherung von Gedanken.“

Man kann vielleicht auch sagen, „Schreiben ist In-formation des Denkens“, Information hier benutzt im Sinne einer seiner etymologischen Wurzeln als Einprägen bzw. Formen des Denkens, denkt man an die englische Sprache auch als "Bildung" des Denkens, im Sinne von Anregen des Denkens. Denken wird durch das Schreiben aber eben auch in Form gebracht, formalisiert.

Bei der diesjährigen Kleinen Nacht des wissenschaftlichen Schreibens an der TUHH am 11. Mai 2016 (Kurzbericht zur Podiumsdiskussion am Beginn der Kleinen Nacht von Nadine Stahlberg) gab es überraschenderweise auch einen Vortrag zu einer, wie ich es nennen würde, „"Philosophie des Schreibens", der bei mir zu einer Vielzahl von Assoziationen führte. Der Vortragende Bertrand Schütz gestaltet seit Jahren ein Seminar "Literatur und Kultur" an der TUHH.

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Das Denken ausstellen …

Nein, nicht Ausstellen im Sinne von Abstellen, das machen manche "Vereinfacher" und "Selbstdarsteller" – beides tritt häufig zusammen auf – heutzutage genug. Hier soll es um Ausstellungen des Denkens und zum Nachdenken gehen, besonders um Ausstellungen zur Philosophie, die ich letztes Jahr besuchen konnte.

  • Die eine Ausstellung läuft im Garten der Burg Lenzen, einem Besucher- und Tagungszentrum im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg. Ein Besuch lohnt sich, denn hier ist "Ein naturphilosophischer Spaziergang durch die Jahrhunderte" (Broschüre) im dem die Burg umgebenden "Naturpoesiegarten" möglich. In den Garten integrierte Kunstwerke laden ein zum Nachdenken über die Natur.

    Hier fand ich einen meiner Lieblingsphilosophen, Ernst Bloch, wieder, aber auch alle hier hervorgehobenen Philosophen wie etwa Böhme, Comenius, Leibniz, Kant und Schelling findet man in Bloch Schriften, der immer wieder das Verhältnis zur Natur thematisiert: "Unsere bisherige Technik steht in der Natur wie eine Besatzungsarmee im Feindesland, und vom Landesinneren weiß sie nichts.", ein Kernsatz aus einem Hauptwerk "Prinzip Hoffnung". Dass Bloch auch im Zeitalter der Digitalisierung das Denken anregen kann, beweisen Beiträge im Bloch-Blog.

  • Die zweite Ausstellung ging in eine ganz andere philosophische Richtung. Die Universität Wien bot letztes Jahr im Zusammenhang mit ihrem 650-Jahre-Jubiläum die Ausstellung "Der Wiener Kreis – Exaktes Denken am Rand des Untergangs". Der logische Positivismus ist zwar keine Philosophie, die mir nahesteht, aber durch die Beschäftigung mit Wilhelm Ostwald bewegt man sich auch etwas im Dunstkreis dieses Kreises, der in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts bestand und danach einen großen Einfluss auf die Entwicklung insbesondere der Hauptströmungen der anglo-amerikanischen Philosophie hatte. Im Juni 2015 haben die Macher in der Wochenzeitung "Die Zeit" ihre Ausstellung vorgestellt.

    In den von Ostwald herausgegebenen Annalen der Naturphilosophie wurde 1921 der "Tractatus Logico-Philosophicus" des dem Wiener Kreis nahestehenden Ludwig Wittgenstein erstmals publiziert. Jüngst erschien ein Aufsatz zu Ostwald und Carnap (Dahms, Hans-Joachim (2016): Carnap’s Early Conception of a "System of the Sciences": The Importance of Wilhelm Ostwald. In: Christian Damböck (Hg.): Influences on the Aufbau. Cham: Springer International Publishing, S. 163–185).

    Auch der österreichische Wissenschaftstheoretiker und Arbeiter- und Volksbildner Otto Neurath gehörte zum Wiener Kreis. Neuraths Aktivitäten, wie z.B. seine universale Bildsprache Isotype, haben teilweise bis heute Bedeutung. In der von ihm begründeten Schriftenreihe "International Encyclopedia of Unified Science" publizierte Thomas S. Kuhn 1962 sein einflussreiches Buch "The Structure of Scientific Revolutions", das als Meilenstein ein Nachdenken über die Entstehung von Wissen innnerhalb von Wissenschaftsgeschichte und -theorie anregte.

    Faszinierend an der Ausstellung waren die vielfältigen Kontexte und Netzwerke zu ganz unterschiedlichsten Strömungen und Menschen der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. So unterschiedliche Menschen wie Ingeborg Bachmann, Berthold Brecht, Paul Feyerabend, Lászlo Moholy-Nagy, Robert Musil, Karl Popper, Edgar Zilsel u.a. standen in einer Beziehung zum Wiener Kreis.

  • Beim netzbasierten "Nachdenken" 😎 über das Thema dieses Blog-Beitrags bin ich noch auf die faszinierende Ausstellung des französischen Philosophen Jean-François Lyotard "Les Immatériaux" gestoßen, die z.B. von Antonia Wunderlich in ihrem Buch genau beschrieben wird. Die Meson Press der Leuphana Universität Lüneburg hat dazu aktuell einen Open Access zugänglichen Sammelband vorgelegt.

Übrigens auch die Universitätsbibliothek der Technischen Universität Hamburg (TUHH) hat im Rahmen der Nacht des Wissens im letzten Jahr eine Poster-Ausstellung veranstaltet, die zum Nachdenken anregen sollte. Das Thema war Offenheit und damit zusammenhängende Aspekte. Dabei war auch ein Plakat und ein paar Vitrinen "Zur Geschichte der Offenheit von Wissen".

Das Denken kann ja eigentlich auch in Medien wie Büchern oder solchen Blogs wie diesen hier ausgestellt werden. Letztlich kann man Menschen auch via Twitter beim Denken zuschauen. Bei mir z.B. wandern manche Tweets eventuell mal in einen Blog-Beitrag und vom Blog vielleicht auch in eine "richtige" 😎 Publikation.

Das Denken beobachten lässt sich auch auf der Website Edge, auf der John Brockman Wissenschaftlern jährlich eine spannende Frage stellt, die dann vielfältig beantwortet wird. Die Frage von 2015 lautete "What do you think about machines that think?", 2016 soll die Frage "What do you consider the most interesting recent [scientific] news? What makes it important?" beantwortet werden.

Auf deutsch sind gerade die Antworten der Frage von 2014 erschienen: "What scientific idea is ready for retirement?" (Welche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand? /hrsg. von John Brockman. Fischer, 2016. Titel der englischen Buchausgabe: This idea must die. Scientific theories that are blocking progress.)

Mit dabei bei den Antworten sind solche, die auf recht populäre Weise eine Reflexion gerade zum Wesen der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Methode in Gang setzen, u.a.:

  • Einfachheit (Simplicity – A. C. Grayling)
  • Ursache und Wirkung (Cause and Effect – W. Daniel Hillis)
  • Wissenschaft macht Philosophie überflüssig (Science Makes Philosophy Obsolete – Rebecca Newberger Goldstein)
  • "Wissenschaft" („Science“ – Ian Bogost)
  • Unsere enge Definition von Wissenschaft (Our Narrow Definition of „Science“ – Sam Harris)
  • Informationsüberlastung (Information Overload – Jay Rosen)
  • Die Wissenschaft korrigiert sich selbst (Science Is Self-Correcting – Alex Holcombe)
  • Wissenschaftliche Erkenntnis als "Literatur" strukturiert (Scientific Knowledge Should Be Structured as „Literature“ – Brian Christian)
  • Die Art und Weise, wie wir Wissenschaft produzieren und fördern (The Way We Produce And Advance Science – Kathryn Clancy)
  • Nur Wissenschaftler können Wissenschaft betreiben (Only "Scientists" Can Do Science – Kate Mills)
  • Die wissenschaftliche Methode (The Scientific Method – Melanie Swan)
  • Reproduzierbarkeit (Reproducibility – Victoria Stodden)
  • Gewissenheit. Absolute Wahrheit. Genauigkeit (Certainty. Absolute Truth. Exactitude – Richard Saul Wurman)
  • Die Illusion wissenschaftlichen Fortschritts (The Illusion of Scientific Progress – Paul Saffo)

Rancières "Unwissender Lehrmeister" und Informationskompetenz

Vom französischen Philosophen Jacques Rancière habe ich das erste Mal durch einen Aufsatz von Sönke Ahrens gehört: Ahrens, Sönke: Die Unfähigkeit des Lehrmeisters und die Wirksamkeit des Lehrens (In: Koller, H.-C. ; Reichenbach, R. ; Ricken, N. (Hrsg.): Philosophie des Lehrens. Paderborn : Schöningh, 2012, S. 129–144). Mittlerweile habe ich das in diesem Aufsatz genannte Buch von Rancière gelesen: Rancière, Jacques ; Engelmann, P. (Hrsg.) ; Steurer, R. (Übers.): Der unwissende Lehrmeister: fünf Lektionen über die intellektuelle Emanzipation. 2., überarb. Aufl. Aufl. Wien : Passagen-Verl., 2009.

Am Beispiel des französischen Gelehrten Jean Joseph Jacotot (1770 – 1840) philosophiert Rancière mit Jacotot über "intellektuelle Emanzipation", ein Ziel, das letztendlich auch jeder Förderung von Informationskompetenz innewohnt. Jacotot hatte durch Zufall eine Unterrichtsmethode entwickelt, mit der er niederländischen Studenten die französische Sprache beibrachte, ohne dass Jacotot selbst niederländisch sprechen konnte. Grundlage und Medium seiner Methode war eine zweisprachige Buch-Ausgabe eines Textes eines französischen Schriftstellers, durch den sich die Studenten selbst Französisch beibrachten. Für ihn als "unwissenden Lehrmeister" wurden damit grundlegende Annahmen der Pädagogik in Frage gestellt.

Ich muss gestehen, dass ich beim Hören des Titels zuerst an uns in Bibliotheken Arbeitende gedacht habe, die versuchen, Studierenden, Forschenden und Lernenden die Welt der Information aus Bibliothekssicht zu erklären, oft ohne selbst die Lebenswirklichkeiten hinsichtlich der Informationsgesellschaft dieser Gruppen zu kennen oder erfahren zu haben. In einem gewissen Sinne geben wir uns als unwissende Lehrmeister. Beruhigt hat mich dann ein Satz in Sönke Ahrens‘ Aufsatz: „Rancière ernst zu nehmen, hieße also nicht nur zuzugeben: Jeder kann lernen, sondern auch: Jeder kann lehren.“ (S.132) Richtig verstanden ist hier nämlich auch das Konzept des Peer-to-Peer-Lernen angesprochen.

Das dieses Buch insgesamt fürs Bibliothekswesen nicht nur aus meiner Sicht wichtig sein kann, beweist die Aufnahme in die Liste an Werken im "Manual for the Future of Librarianship" des Centers for the Future of Librarianship der American Library Association. Im Folgenden sollen für mich entscheidende Zitate aus Rancières Text kurz erläutert werden. Letztlich bietet Rancière auch so etwas wie eine Theorie der Kommunikation unter Gleichen!

Zugegeben, das Folgende klingt teilweise ganz schön theoretisch, aber wenn man sich mal darauf einlässt, wird einem Manches bewusster und man sieht Vieles gelassener, auch im Bereich der Förderung von Informationskompetenz. Ein Auseinandersetzen mit dem Denken Rancières bietet sich auch als Grundlage einer kritischen Theorie bzw. Kritik von Informationskompetenz an.
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Nachdenken über Information, Kommunikation und Wissen

"Information" ist seit langem ein vielfältig und oft benutzter Begriff im Alltag. Dessen Bedeutung erscheint dabei so vielfältig wie die Kontexte von dessen Benutzung. Dies ist die veränderte Online-Kurzfassung einer Besprechung, die vor kurzem auch gedruckt erschienen ist (Auskunft 34 (2014) 317-324). Behandelt wird das Buch „Theories of information, communication and knowledge : a multidisciplinary approach„, herausgegeben von Fidelia Ibekwe-SanJuan und Thomas Dousa (Dordrecht: Springer, 2014). Es umfasst Vorträge zu einem Kolloquium mit dem Titel “Colloque sur l’épistémologie comparée des concepts d’information et de communication dans les disciplines scientifiques (EPICIC)“ im Jahre 2011.

Anspruch des Bandes ist ein “multidisziplinärer” Ansatz, “Information” im Zusammenhang mit zwei weiteren wichtigen Schlagworten unserer Zeit, Kommunikation und Wissen, zu diskutieren. Begriffe definieren sich innerhalb von Theorien aber auch in der Praxis oft nur im jeweiligen Gebrauch und jeweiligen Bezug zueinander. Ein eindeutiger Gebrauch oder gar eine Definition der drei Begriffe ist nicht absehbar, wie auch in den Beiträgen dieses Bandes deutlich wird. Insofern greift das Hervorheben der drei genannten Begriffe noch zu kurz. Mindestens drei weitere wären hier zu nennen. In Zeiten von „Big Data“ sind Begriffe wie Daten, Medien und Dokumente genauso wichtig wie Information, Kommunikation und Wissen. All hier genannten Begriffe sind nur in einer "trans- und metadisziplinären" Sicht, welche der Band anstrebt, in ihrem Bedeutungsgefüge zu erfassen.

Die Diskussion um den Informationsbegriff ist einerseits geprägt von Versuchen, einheitliche Informationstheorien zu schaffen. Die ersten drei Beiträge von Søren Brier, Wolfgang Hofkirchner und Luciano Floridi bieten jeweils eher eine sehr einheitliche Sicht auf den Informationsbegriff, was natürlich die Gefahr erhöht, die eigene Sicht zu verabsolutieren und andere Sichten nicht mehr wahrzunehmen, wie Andrew P. Carlin in einer Rezension kritisch bermekt (Journal of the Association for Information Science and Technology 65, Nr. 6 (2014): 1299–1302, S. 1300). Andererseits werden unterschiedliche Informationsbegriffe teilweise pluralistisch und gleichberechtigt nebeneinander diskutiert. Auch Marcia J. Bates hebt in ihrem einschlägigen Enzyklopädie-Artikel das vielfältige Verständnis von Information hervor. Eine philosophische Sicht bietet der Eintrag „Information“ von Peter Adriaans in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2013 Edition).

Über die Verarbeitung von Information kann Wissen erzeugt werden, aus Wissen kann aber auch Information für andere stehen. Geht man davon aus, dass Information und Wissen z.B. in solcher Weise zusammenhängen, kommt man bei theoretischen Überlegungen zu Information und Wissen ohne erkenntnistheoretische (epistemologische) Betrachtungen nicht aus. Weiterlesen

Zum Wandel des Publikationsbegriffs in der post-digitalen Wissenschaft

Vor mehreren Wochen fand in Lüneburg an der Leuphana Universität "The Post-Digital Scholar Conference" statt. Veranstalter war das Hybrid Publishing Lab am dortigen Centre for Digital Cultures (Die Gelegenheit, einem anregenden Workshop vom Hybrid Publishing Lab zum Thema Open Access zu besuchen, nutzte ich schon einmal vor einem Jahr.). Vortragende aus Deutschland und der Welt diskutierten die Entwicklung des wissenschaftlichen Publizierens mit Schwerpunkt im Bereich der Kulturwissenschaften. Die Konferenz ist von den Veranstaltenden reich dokumentiert, mit einem Nachbericht in deutscher Sprache, Twitter-Reviews und Blog-Posts mit Berichten nach der Konferenz, aber auch mit Kurz-Interviews mit den Vortragenden vor der Konferenz. Im Januar sollen die Videos der Panels ins Netz gestellt werden.

Hier folgen punktuelle Eindrücke, Entdeckungen und sonstige persönliche Nachwirkungen von der Konferenz. Im beruflichen Alltag war der Besuch einer solchen Konferenz sicher eine Ausnahme, jedoch möchte ich die vielfältigen aus ihr entstandenen und langfristig wirkenden Anregungen und Gedankenhorizonte nicht missen. Trotz eines eigenen Panels zu Bibliotheken waren aus dem deutschen Bibliothekswesen nur sehr wenige vertreten. Alle anderen verpassten die Möglichkeit eine interessante und kritische Gemeinschaft von Forschenden und ihren Themen zur Weiterentwicklung digitaler Kulturwissenschaften kennenzulernen.

Die Konferenz war eine gute Gelegenheit, internationale Wissenschaftler im Bereich kulturwissenschaftlichen Publizierens wie Kathleen Fitzpatrick, David M. Berry, Geert Lovink oder Gary Hall zu hören oder neu zu entdecken. Das Nachdenken über die Entwicklung der wissenschaftlichen Kommunikation findet in den Geistes- und Kulturwissenschaftlen speziell im Rahmen des Themenfeldes "Digital Humanities" statt. Vergleichbare Spezialgebiete sind in den von der digitalen Entwicklung viel früher betroffenen Natur- und Technikwissenschaften die sich nennenden Bereiche "e-Science" und "Science 2.0", die aber beide wesentlich weniger kritisch wirken als manche der Vertretenden der Digital Humanities (zumindest auf dieser Konferenz!) erscheinen.

Am Ende der nachstehenden Punkte folgen noch ein paar Gedanken zur Transformation des Publikationsbegriffes!

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Kritisches zum neuen Entwurf eines Framework for Information Literacy

Die ACRL ist dabei ihre Standards zu reformieren und ein neues sogenanntes „Framework for Information Literacy for Higher Education“ [Aktuelle Version, Zusatz 21.7.2015] zu entwickeln und zu diskutieren. Es wurde in diesem Blog schon mal darauf hingewiesen. An dieser Stelle wurden auch die Grundpfeiler des Frameworks, sogenannte "Threshold concepts", erläutert.

Im immer wieder lesenswerten Blog „Sense und Reference“ von Lane Wilkinson wurden in den letzten Wochen die „Threshold concepts“ des neuen Framework-Entwurfs einer kritischen Analyse unterzogen. Im letzten Beitrag zum Konzept „Information has value“ sind alle diese noch einmal verlinkt. Hier nochmal die im Framework im aktuellen Entwurf genannten „Threshold Concepts“:

  1. Scholarship is a Conversation
  2. Research as Inquiry
  3. Authority is Contextual and Constructed
  4. Format as a Process
  5. Searching as Exploration
  6. Information has Value

Dies ist eine sehr spannende Entwicklung, geht diese doch in Richtung einer Diskussion zum Kern von Informationskompetenz, wie ich dies z.B. auch in meinem letzten Vortrag mit dem Titel „Informationskompetenz in sich ständig verändernden Informationsumgebungen – zum Kern von Informationskompetenz“ besonders betont habe.

Ich hoffe, die Entwicklung geht nicht erneut hin zu sozusagen festgeschriebenen "Threshold concepts" im Bereich Informationskompetenz. Ich fasse diesen Entwurf als Vorschlag für eine nicht abzuschließende Diskussion auf, und zu dieser sollten im Optimum auch Lernende beitragen. So wie ich "Treshold concepts" verstanden habe, sollten diese möglichst zusammen mit Lernenden, Studierenden bzw. Informationen und Informationssysteme Nutzenden diskutiert und erarbeitet werden.

"Threshold concepts" sind keine Konzepte, die Ausdruck des Denkens eines Berufsstandes oder von Institutionen wie Bibliotheken sein sollten, sondern sie sind das Verständnis eines Fachgebietes oder wie hier den Umgang mit Informationen prägende "Schwellenbegriffe", durch die erst ein tieferes, "wirkliches" (aus wessen Sicht auch immer! 😎 ) Verständnis desselben bzw. hier von Informationsprozessen möglich ist. Berücksichtigt man dies, kann das neue Framework für mich durchaus ein vielversprechender Ansatz sein.

Nachdenken über Wissenschaft – nachhaltig!

Die Fragen "Was ist eigentlich Wissenschaft?" bzw. "Wie funktioniert Wissenschaft?" oder "Wie kommt Wissenschaft zu Wissen?" sollten Teil jeder Lehrveranstaltung zum Thema „"Wissenschaftliches Arbeiten" sein. Genauso sollte eigentlich jedes Studium Gelegenheit bieten, über Wissenschaft im Rahmen von Studienanteilen zur Wissenschaftsforschung, -geschichte, – philosophie, -soziologie und -theorie zu reflektieren.

Gerade aktuell erscheint ein Nachdenken über alternative Veränderungen von Wissenschaft immer wichtiger. Aus wissenschaftlich-technischer Sicht betrifft dies Entwicklungen in Richtung einer „Open Science“ (vgl. Bartling, S. & Friesike, S. (Hrsg.). (2014). Opening Science. The Evolving Guide on How the Internet is Changing Research, Collaboration and Scholarly Publishing. Cham: Springer International Publishing.), aus (umwelt-)politischer Sicht die Frage, wie eine Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft mit Hilfe von Wissenschaft und Technik gelingen kann (Vgl. die Notwendigkeit einer „transformative literacy“, dargestellt von Schneidewind, U. (2013). (Transformative Literacy. Gesellschaftliche Veränderungsprozesse verstehen und gestalten. GAIA – Ecological Perspectives for Science and Society, 22 (2), 82–86).

Für die breite Öffentlichkeit bestimmte Werke zum Phänomen Wissenschaft unterstreichen die aktuelle Bedeutung von Reflexion über Wissenschaft, sind doch gerade in jüngster Zeit eine Reihe von schmalen, leicht zu lesenden Büchern dazu publiziert worden:

  • Zu Kennzeichen und Theorie von Wissenschaft lesenswert:
    • Mühlhölzer, F. (2011). Wissenschaft (Reclam-Taschenbuch). Stuttgart: Reclam.
    • Tetens, H. (2013). Wissenschaftstheorie : eine Einführung. München: Beck.
       
  • Zu Sichtbarkeit und Nutzen von Wissenschaft im Rahmen der gegenwärtigen Gesellschaft ein guter Einstieg:
    • Hoffmann, C. (2013). Die Arbeit der Wissenschaften. Zürich: Diaphanes.
    • Schummer, J. (2014). Wozu Wissenschaft? Neun Antworten auf eine alte Frage. Berlin: Kulturverlag Kadmos Berlin (Im Erscheinen, vgl. auch die Einleitung auf der Website des Autors).

Der Versuch, Wissenschaft zu verstehen, kann auch durch einen historischen Blick auf die Entstehung der verschiedenen Formen wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens unterstützt werden. Hier ein paar interessante Beispiele:

  • Rheinberger, H.-J. (2007). Historische Epistemologie zur Einführung. Hamburg: Junius-Verl. Vgl. zur Frage Was ist und wozu dient die historische Epistemologie? ein Konferenzbericht von 2008. Der Autor des Buches hat auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg im Oktober 2013 einen Vortrag mit dem Titel "Wissenschaftsgeschichte und das Wissen der Medien" (YouTube-Video) gehalten.
  • Daston, L. & Galison, Peter (2007). Objektivität. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Hier werden Abbildungen bzw. Repräsentationen als Ausgangspunkt für die historische Entwicklung des Objektivitätsgedankens in den Wissenschaften genommen. Dabei kommen beim Thema besonders auch die Subjektivität der Wissenschaft Treibenden und deren notwendige wissenschaftliche Tugenden in den Blick.
  • Ziche, P. (2008). Wissenschaftslandschaften um 1900. Philosophie, die Wissenschaften und der nichtreduktive Szientismus. Zürich: Chronos. Zur Geschichte klassifikatorischer Überlegungen zur Grundlegung von Wissenschaft als Teil einer Wissenschaftlichkeitsgeschichte. Vgl. auch folgenden Artikel zum Thema Wissenschaft, an dem der Autor dieses Buches auch beteiligt war: Ziche, Paul; Driel, Joppe van: Wissenschaft, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2011-11-29. URL: http://www.ieg-ego.eu/zichep-drielj-2011-de URN: urn:nbn:de:0159-2011112141

Nachdenken über Open Access

"Open Up! The Politics and Pragmatics of Open Access" war der Titel eines höchst anregenden Workshops am 4. Oktober auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft vom 3. bis 5. Oktober 2013 in Lüneburg.

Nachdem kurz zuvor in Hamburg die Open-Access-Tage stattfanden (zugehörige Tweets, siehe auch die Zusammenfassung von Christian Heise), wurden in Lüneburg grundsätzliche Fragen des Open Access diskutiert, die im Programm des Hamburger Treffens wohl nur am Rande eine Rolle spielten (Im schönen von Ulrich Herb herausgegebenen Sammelband "Open Initiatives: Offenheit in der digitalen Welt und Wissenschaft" sind übrigens teilweise ebenfalls solche grundsätzlichen Fragestellungen angesprochen.):

  • Was bedeutet Offenheit eigentlich genau? Beim Workshop stellten Marcus Burkhardt und Christian Heise die Open Definition der Open Knowledge Foundation vor. Dass das Konzept der Offenheit auch kritisch zu sehen ist, wurde u.a. durch einen Hinweis auf einen Aufsatz von Nathaniel Tkacz mit dem Titel "From open source to open government: A critique of open politics" (Ephemera 12(2012)4, 386-405) betont. Ein weiterer Text zur Beantwortung der Frage stammt von Michael A. Peters: The Idea of Openness.
  • Angesichts der Entwicklung, dass heutzutage fast jeder Verlag ein Open-Access-Angebot vermarktet, dass es zweitens immer mehr Verlage gibt, deren Geschäftsmodell grenzwertig erscheint (vgl. Beall’s list) bzw. dass drittens die Qualität des Peer Reviews gerade von Open-Access-Journals hinterfragbar ist (vgl. den Hinweis und Kommentar zum aktuellen Special der Zeitschrift Science zur Wissenschaftskommunikation von Fabiana Kubke), wird deutlich, dass etwas gut Gedachtes bzw. Gemeintes auch seine Schattenseiten haben kann.
    Beim Begriff Open Access schwingen immer die Themen Peer Review bzw. Bewertung von Wissenschaft sowie auch geistiges Eigentum bzw. Urheberrecht mit. Hier ist besonders zu betonen, dass das Peer Review auch bei klassischer Verlagspublikation schon lange ein Diskussionsgegenstand ist. Auch bei der Sokal-Debatte Mitte der neunziger Jahres des letzten Jahrhunderts war dies implizit mit thematisiert.
    Ein philosophisches und systematischeres Nachdenken über Offenheit erscheint notwendig, wofür dieser Workshop für mich einen schönen Ausgangspunkt darstellte. (Ob es also die Definition von Offenheit gibt, erscheint mir damit eher fraglich.)
  • In ihrem Workshop-Beitrag mahnte die Britin Janneke Adema eine kritischere Sicht auf Open Access an, die aber nicht gleich negativ sein muss. Sie zeigte am britischen Finch-Report "Accessibility, sustainability, excellence: how to expand access to research publications", dass Open Access auch als neoliberaler Versuch gesehen werden kann, die Effizienz der wissenschaftlichen Kommunikation zu steigern, wie solche Sätze zeigen:

    "Improving the flows of the information and knowledge that researchers produce will promote

    • enhanced transparency, openness and accountability, and public engagement with research
    • closer linkages between research and innovation, with benefits for public policy and services, and for economic growth;
    • improved efficiency in the research process itself, through increases in the amount of information that is readily accessible, reductions in the time spent in finding it, and greater use of the latest tools and services to organise, manipulate and analyse it; and
    • increased returns on the investments made in research, especially the investments from public funds" (S. 5)

    Nach Janneke Ademas Meinungs impliziert "radical open access" auch ein Infragestellen jetziger Institutionen und Praktiken der wissenschaftlichen Kommunikation, des Wesens des Buches sowie des Wesens akademischer Autorenschaft und der Generierung wissenschaftlich relevanten Wissens heute. Die heutigen technischen Möglichkeiten erlauben vielfältiges Experimentieren mit Alternativen. Dabei verwies sie auch auf zwei interessante Projekte "remixthebook" und "Living Books About Life".

  • Der Inder Nishant Shah erinnerte in seinem Beitrag an die heutige Herausforderung "Big Data", in der Offenheit hinsichtlich von Datenschutz und Privatsphäre durchaus kritisch zu sehen ist. Vor kurzem schrieb er in seinem Blog unter dem Titel "Big Data, People’s Lives, and the Importance of Openness" einen Text, der so endet:

    We need to remind ourselves that engagement with data is not a sterile engagement, rendered beautiful through visualizations and infographics that can make reality intelligible. It is perhaps time to realize that Data has replaced People as the central concern of being human, social and political. Time to start re-introducing People back into debates around Data, and acknowledging that Data Informatics is People Informatics and data wars have a direct effect on the ways in which people live. And Die.

  • Mercedes Bunz, die Leiterin des diesen Workshop organisierenden, ambitionierten Projektes Hybrid Publishing Lab der Leuphana Universität, unterschied in der Diskussion nochmals zusammenfassend die unterschiedlichen angesprochenen Kontexte von Offenheit: die politische Verwaltungsebene (Open Data), die forschungs- bzw- wissenschaftsbezogene (Open Access) und die ebenfalls politische, eher veränderungsbezogene Ebene von Offenheit. Darüberhinaus werden durch Open Access größere und erweiterte Öffentlichkeiten erreicht, sowohl vom Umfang her als auch von vermittlungsbezogener, eher populärer Ebene aus gesehen.