Reflexion über Wissenschaftlichkeit und epistemische Kompetenz

Angesichts von Diskussionen um Fake-News, angesichts von notwendigen wissenschaftlichen Kompetenzen im Zeitalter eines von wissenschaftlich-technischem Fortschritt und der Digitalisierung geprägten Alltags, erscheint ein Nachdenken darüber, was Wissenschaftlichkeit heutzutage bedeutet, unumgänglich. Auch Themen wie Open Access und Open Science als aktuelle Herausforderung für die Wissenschaften betonen besonders Fragen von Wissenschaftlichkeit und die Qualität von Wissenschaft. Und nicht zuletzt hat eine kritische Wissenschaftlichkeits-Kompetenz als Teil einer ökologischen Kompetenz große Bedeutung für die ökologischen Herausforderungen in Gegenwart und Zukunft.

Epistemic competence - B. Bußmann und M. Kötter - CC BY NC 4.0

Abbildung aus: Bußmann, Bettina u. Mario Kötter: Between scientism and relativism. epistemic competence as an important aim in science and philosophy education. In: Research in Subject-matter Teaching and Leaning RISTAL 1 (2018). S. 82–101. https://doi.org/10.23770/rt1819 – Hier: S. 95, Fig. 2: Table of Epistemic Competence. CC BY NC 4.0 International License.

Die von Bettina Bußmann und Mario Kötter in ihrem Aufsatz „Between scientism and relativism. epistemic competence as an important aim in science and philosophy education“ (Research in Subject-matter Teaching and Leaning RISTAL 1 (2018). S. 82–101) beschriebene „epistemic competence“ trifft daher meine Vorstellungen, vgl. auch den kurzen deutschen Text „Epistemische Kompetenz – eine transdisziplinäre Aufgabe für Philosophie- und Naturwissenschaftsdidaktik“ von Mario Kötter, der 2018 im Rahmen einer Fachtagung des des Forums für Didaktik der Philosophie und Ethik mit dem Titel „Lebenswelt und Wissenschaft im Philosophie- und Ethikunterricht“ entstanden ist.

Aufmerksam wurde ich auf diesen Aufsatz durch die "Opinion Page" im Februar Newsletter HPS&ST monthly note (Direktlink zur Opinion Page vom Februar), der monatlich Hinweise auf Neuigkeiten zur "History and Philosophy of Science, and Science Teaching" bringt. Die Themen der Opinion Page sind immer wieder sehr interessant.

Eine wie oben beschriebene epistemische Kompetenz ist für mich Teil einer umfassend gemeinten Informationskompetenz – und umgekehrt 😎 -, wie an anderen Stellen schon beschrieben wurde. An diesen wurde der von Ilkka Tuomi beschriebene Begriff der „epistemic literacy“ verwendet (vgl. Tuomi, Ilkka: Epistemic Literacy or a Clash of Clans? A Capability-based View on the Future of Learning and Education. In: European Journal of Education 50 (2015) H. 1. S. 21–24 – OA-Version).

Ein Nachdenken über Wissenschaftlichkeit anregen und damit als Einstieg auch epistemische Kompetenz fördern, ist mit dem Wissenschaft-O-Maten möglich. Dieser wird als Open Educational Resource in einem Blog zum wissenschaftlichen Arbeiten an der TU Hamburg angeboten. Auf einfacher Ebene lassen sich damit unterschiedliche Sichten auf Wissenschaft bewusst machen. Je nach ausgewählten einzelnen Statements über Wissenschaft gibt das Tool aufgrund der Antworten am Ende automatisch diejenige Sicht der Wissenschaft aus, zu denen die Antworten am besten gepasst haben. Das Fragespiel kann danach beliebig wiederholt werden.

Sichten auf Wissenschaft - mit einem H5P-Modul

Werkzeuge und Formate wissenschaftlicher Kommunikation historisch

Mit dem Buch "The Scientific Journal : Authorship and the Politics of Knowledge in the Nineteenth Century" (University of Chicago Press, 2018) zeigt Alex Csiszar, dass die heutigen Formate und Werkzeuge wissenschaftlicher Kommunikation wie Zeitschriften, Zitier-Datenbanken, das Peer Review u.a. eine Geschichte haben und dass deren Entstehen Auswirkungen darauf hatte, wie Wissenschaft funktioniert, von Wissenschaft Treibenden "gelebt" wird sowie wie Wissenschaft von Öffentlichkeit und Politik wahrgenommen wird.

„Formats and genres [of creating and publishing scientific knowledge] have epistemic consequences.“ (S. 3)

Eine Reihe der Aufsätze von Alex Csiszar sind zur Zeit frei zugreifbar:

Die Schriften von Csiszar fügen sich ein in eine Reihe weiterer wissenschaftshistorischer Werke, die zeigen, wie institutionelle Veränderungen der Art, wie Wissenschaft getrieben wurde, etwa in Bezug zu Universitäten oder zu Kommunikationsmitteln, immer auch Auswirkungen darauf haben, wie Ergebnisse von Wissenschaft veröffentlicht werden und welche ethische Sicht auf gute wissenschaftliche Praxis sich ausbildet.

Dies erscheint verwandt zu aktuellen Fragen zur Zukunft von Universitäten und des wissenschaftlichen Wissens. So werden etwa durch die Tendenz zu Offenheit, zu Themen wie Open Access und Open Science, als aktuelle Herausforderung für die Wissenschaften besonders Aspekte von Wissenschaftlichkeit und die Qualität von Wissenschaft betont und kritisch hinterfragt (vgl. zum Letzteren meinen Text: Wissenschaft und Offenheit, Preprint 2018).

Der amerikanische Historiker Chad Wellmon (Organizing enlightenment. Information overload and the invention of the modern research university. Baltimore: Johns Hopkins University Press 2015) betont, dass das Erkennen in der Wissenschaft immer auch mit Ethik, also mit wertorientierten wissenschaftlichen Handlungen, verbunden ist.

„[…] the research university, for which epistemology was always inextricable from ethics“ (S.8)

Gerade die institutionelle Entwicklung der Wissenschaft in Universitäten verbunden mit einer immer stärkeren Ausdifferenzierung der Disziplinen war, wie Wellmon zeigt, eine Antwort auf Fragen, welches Wissen wie legitimiert wird und eine Reaktion auf Entwicklungen des ausufernden Publikationswesens am Ende des 18. Jahrhunderts („information overload“).

Beschreibt Wellmon Herausforderungen an Wissenschaftlichkeit zur Wende zum 19. Jahrhundert, so hinterfragt der Wissenschaftshistoriker Paul Ziche (Wissenschaftslandschaften um 1900. Philosophie, die Wissenschaften und der
nichtreduktive Szientismus. Zürich: Chronos 2008) das Verständnis von Wissenschaftlichkeit am Beginn des 20. Jahrhunderts im Rahmen pluralistischer „offener Wissenschaftslandschaften“, in denen es zu einem pluralistischen, nichtreduktiven Verständnis von Wissenschaft kommt, das nicht in Relativismus abgleitet.

Sichten auf Open Access: Moralische Ökonomie und Grenzobjekt

Der folgende Text erschien erstmals im Blog der Universitätsbibliothek der TU Hamburg am 28.10.2018 im Rahmen der Blog-Reihe zur Open Access Week 2018.

Flaschenöffner an Hauswand mit Bezeichnung
Offenheit, Open Science und Open Access sind in aller Munde. Dieser Beitrag am letzten Tag der Open Access Woche 2018 soll mit Verweisen auf andere Texte bewusster machen, dass sich hinter jedem dieser Begriffe durchaus unterschiedliche Sichten, Akteure und Interessen verbergen. Diese Texte und Sichten auf „Openness“ bieten gleichzeitig vielleicht Anregungen für neue, interessante Gedankengänge zu Open Access. So unterscheiden Pomerantz und Peek (2016) eine Vielzahl an Bedeutungen von „open“, und Fecher und Friese (2014) sprechen von fünf Denkschulen bzgl. „Open Science“.

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Open Access und OER

Im Rahmen eines HOOU Workshop zu „Open Access“ auf der Campus Innovation 2017 (Donnerstag, 23.11.2017) ging es um Fragen nach Schnittstellen und möglichen Synergien zwischen Open Educational Resources (OER) und Open Access. Dies ist ein kurzer Bericht zum Impuls-Vortrag mit dem Titel „Open Access. Bibliothek in Zukunft?! – und was dies mit Open Educational Resources (OER) zu tun hat“ und von der daran anknüpfenden Diskussion.

Die Impulspräsentation begann mit einer Sicht auf „Offenheit in Forschung und Lehre“, die aufgrund der ständig zunehmenden Digitalisierung und deren Einfluss auf die Hochschulbildung und das wissenschaftliche Publizieren sich in den Schlagwörtern „Open Science“ und „Open Education“ manifestiert. In Hamburg illustrieren die laufenden Projekte „Hamburg Open Science“ (HOS) (Bürgerschaft Hamburg Drucksache 21/10485 vom 26.09.2017) und „Hamburg Open Online University“ (HOOU) (Drucksache 21/10426 vom 19.09.2017) diese Schlagwörter.

Das in der Ankündigung zur Impulspräsentation zu findende „Bibliothek in Zukunft?!“ umfasst die Frage der Verortung von Bibliotheken in diesen Open-Szenarien. Die Universitätsbibliothek der TUHH, die tub., versucht in beiden Szenarien aktiv ihre Kompetenz z.B. bzgl. Repositorien, Schnittstellen, eindeutigen Identifikatoren und Metadaten im Bereich Informations-Infrastrukturen einzubringen, vgl. etwa https://openscience.tuhh.de.

Die tub. führte ein Early Bird Projekt im Rahmen der HOOU mit dem Titel „Wie funktioniert eigentlich Forschung?“ durch. Als OER zum Wissenschaftlichen Arbeiten entstand unter anderen Ressourcen ein Weblog, das ein Bachelor-Seminar an der TUHH begleitet.
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Klimabildung und Bildung für Wissenschaft

Beim Lesen des schönen Artikels von Nina Kolleck und Mareike Well mit dem Titel „Mehr Action fürs Klima! Pariser Abkommen: Angesichts mächtiger ‚Klimaskeptiker‘ wie Trump ist es wichtig, die Wissenschaft auch in Schule und Uni weiter zu stärken“ (TAZ. Die Tageszeitung, Freitag, 29. September 2017, S.12) schwankte ich zwischen Phasen von gefühlsmäßig absoluter Zustimmung und grundsätzlicher Kritik, die ich mit diesen Anmerkungen loswerden will. Damit kann der Text vielleicht zur „lebhaften Streitkultur“ (so die Überschrift über dem letzten Absatz des Artikels) beitragen. Selten hat man in Tages- und Wochenzeitungen Texte, die zumindest bei mir so „einschlagen“ und einen zum Anschluss-Denken anregen, wobei dieses auch basiert auf manchen der letzten Beiträge in diesem Blog.

Letztlich fordert der Text mehr Klimabildung, ein Punkt, dem man nur zustimmen kann. Aber: Auch wenn ich selbst eher bildungsorientiert statt kompetenzorientiert denke (vielleicht ist dies aber auch eine Debatte von gestern?!), greift der Begriff Klimabildung für mich zu kurz. Das Klima bildet sich von alleine. 😎 In der gleichen TAZ-Ausgabe, in der dieser Artikel erschien, war übrigens auch eine Beilage der Umwelt- und Entwicklungsorganisation German Watch enthalten, die vor allem der nachhaltigen Landwirtschaft gewidmet ist. Hier wurde im letzten Text dieser Beilage die „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung (BnE)“ diskutiert. Das wäre für mich als Begriff wesentlich besser, es sei denn man denkt Klimabildung als Synonym für BnE. BnE ist viel umfassender gedacht, wobei in den Zielen für nachhaltige Entwicklung der UN (Sustainable Development Goals, SDGs) das Thema Klimawandel mit enthalten ist.

Die zweite Forderung des Textes, die nach der Stärkung von Wissenschaft in Schule und Universität, ist auch nur zu unterstreichen. Aber: Trotz kritischer Bemerkungen zur „Enttäuschende[n] Wissenschaft“ (auch eine Überschrift im TAZ-Artikel beim dem zweiten Abschnitt des Textes von Kolleck und Well) klingt doch für mich eine zu starke affirmative Bewertung von Wissenschaft durch, die teilweise auch bei den Marches of Science im Frühjahr dieses Jahres zu beobachten war. Es gibt nicht „die“ Wissenschaft, sondern ganz viele Wissenschaften und unterschiedliche Sichtweisen, was Wissenschaft ist und wie diese funktioniert.
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"Cogitamus" in "Kollaboration"

Der Titel dieses Beitrages enthält die Titel der beiden interessantesten Bücher, die ich im letzten halben Jahr gelesen habe. Bruno Latour (Cogitamus. Edition Unseld: Vol. 38. Berlin: Suhrkamp, 2016) beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Politik (Rezension), während Mark Terkessidis (Kollaboration. Berlin: Suhrkamp, 2015) über zeitgemäße Formen der Zusammenarbeit, genauer das Leben von Zusammenarbeit nachdenkt.

Cogitamus

Latours sechs Briefe an eine Studentin umfassen eine Einführung in sein Denken über die Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Er rät der Studentin ein „Bordtagebuch“ zu führen, um hier Ereignisse, Beispiele und deren Quellen (z.B. aus Tageszeitungen) festzuhalten, die zeigen, wie sehr wissenschaftliche Ergebnisse Einfluss auf gesellschaftlich-politische Entscheidungen haben und umgekehrt.

„Keine Information ohne Transformation.“ (S. 189)

Meine Lieblingsformulierung von Latour erinnert an meinen Lieblingssatz bei Ernst Bloch. Weiterlesen

Was es heisst, Informationskompetenz kritisch zu sehen

Was heisst es genau, wenn man Informationskompetenz kritisch sieht? Schaut man nämlich genauer hin, lassen sich verschiedene Ebenen und Aspekte unterscheiden, und es gibt ganz verschiedene kritische Sichten auf Informationskompetenz. Auf ein paar von diesen soll hier hingewiesen werden.

Eigentlich wollte ich einen Beitrag schreiben für einen durch die Gemeinsame Kommission Informationskompetenz von VDB und dbv publizierten „Call for Papers: Themenschwerpunkt Informationskompetenz“ zu einem Themenheft der Zeitschrift o-bib. Denn gewünscht wurden „auch durchaus provokative Beiträge […], die neue Impulse in die Diskussion um die Förderung von Informationskompetenz in Deutschland einbringen“. Und weiter heisst es, daß „bereits der Titel aus einer aussagekräftigen These bestehen [kann], die dann im Text ausgeführt wird.“ Toll, Kritik und Kreativität sind also gefragt. Für mich war bei den möglichen Themen, „E-Learning und Gaming, Referenzrahmen und Schwellenkonzepte, IK und Forschungsdaten, Evaluation und Assessment, neue Zielgruppen und Kooperationen, Qualifikationsprofil und Ausbildung, Raumkonzepte, Netzwerke und neue biblio­thekarische Wege“ nichts wirklich Provokatives dabei. Ich bin sehr gespannt auf die Aufsätze des Themenheftes. Aus diversen Gründen schaffte ich es leider nicht, einen formalen Aufsatz zu verfassen, daher dieser Blog-Beitrag, der die Frage der Kritik im Rahmen von Informationskompetenz aufnimmt.

Kritische Sichten

Die Diskussion zu einer kritischen Sicht auf Informationskompetenz (Critical Information Literacy = CIL) nimmt, international gesehen, immer mehr zu. Ein aktuelles Review zur CIL stammt von Eamon Tewell.

CIL ist auch als Teil der sogenannten critlib-Bewegung zu sehen. Hinweise auf Literatur zu dieser bietet eine Zotero-Gruppe dieser Gruppe. Eine ähnliche britische Gruppe nennt sich Radical Librarians Collective. Schon lange bekannt ist die Progressive Librarians Guild, die schon seit Jahrzehnten eine eigene Zeitschrift herausgibt. In Deutschland zählt der Arbeitskreis Kritische Bibliothek zu dieser Bewegung, in Österreich der Arbeitskreis kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI).

„Kritisch“ als Begriff hat ja nach dem Griechischen ursprünglich etwas mit scheiden, urteilen bzw. auch unterscheiden zu tun (siehe auch meinen Text in der 2. Auflage des Handbuch Informationskompetenz). Auch die Nähe von Kritik zu Information ist deutlich, wenn man an die bekannte Definition von Bateson denkt: „Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht.“ Ein anderer französischer Philosoph schreibt „Informieren heisst Differenzen bestimmen“ (François Châtelet, 1975) Weiterlesen

Nachdenken über Offenheit #OAWeek2016

Nachdem die Open Access Week auch 2016 wieder zu einer Fülle an Blog-Beiträgen bei vielen Bibliotheken geführt hat, etwa bei der TIB, der Bibliothek der Hochschule Hannover oder meiner tub.tuhh, hier Hinweise auf ein paar Texte, die auch Offenheit als solche reflektieren.

Dass Offenheit durchaus als wissenschaftliche Tugend anzusehen ist, behaupte ich in einem Beitrag im Blog zum wissenschaftlichen Arbeiten an der TUHH.

Der französische Philosoph Michel Serres hat dazu in einem auch sonst sehr lesenswerten Vorwort zu seinem zusammen mit Nayla Farouki herausgegebenen "Thesaurus der exakten Wissenschaften" (Frankfurt a.M.: Zweitausendeins, 2001 – Besprechung) zum Aspekt der Bildung durch und mit Wissenschaft geschrieben:

Bildung ist eine gleichermaßen technische, politische und moralische Frage. Umgekehrt betrifft das erste Problem, das die Wissenschaft aufwirft, deren Verbreitung. Wenn finanzkräftige Unternehmen wissenschaftliche Ergebnisse aufkaufen, werden sie aus Eigeninteresse mit Blick auf einen möglichen Verkauf geheim gehalten und nur noch selektiv publiziert. Alles für Profit und Ruhm, ansonsten herrschte Schweigen, Debatten wären ausgeschlossen. Die bezahlte Veröffentlichung liefe der kostenlosen den Rang ab. Das käme einer Regression auf die archaischen Zustände der vorhomerischen Defintion von aletheia gleich, wonach Wahrheit ihr Maß an der Bekanntheit hätte. Wenn man ansieht, in welchem Maß Forschung von der Finanzierung abhängig geworden ist, welche Blüten die Publikationsbesessenheit treibt und wie die reichsten Gruppen Ergebnisse für sich behalten, scheinen wir solch einer Regression gefährlich nahe zu sein. Hier verbietet der berufliche Ehrenkodex eine Geheimhaltung, die auf kurz oder lang die gesamte Wissenschaft zersetzt und zerstört. Die egalitäre Veröffentlichung allen Wissens, die nichts zurückhält und nichts maßlos forciert und in den Vordergrund spielt, wird damit zur sittlichen Pflicht. Wissen muss öffentlich sein, davon ist nicht nur die Wissenschaft betroffen, sondern auch deren ethische Grundlage.
[Hervorhebung T.H.] S. XXXVII – XXXVIII

Zur (eigenen) Geschichte und Gegenwart des Nachdenkens über Wissenschaft in der Hochschulausbildung

Beim Aufräumen meiner Papierberge 😎 bin ich vor einiger Zeit auf einen Leserbrief von mir gestoßen, der im Mai 1983 in der Berliner Tageszeitung „Der Tagesspiegel“ veröffentlicht wurde:

Lernen mit Sinn
In Ihrem Artikel in Nr. 11 432 über die Verteterversammlung des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) kommt eine Widersprüchlichkeit voll zum Ausdruck, die vielen Bildungspolitikern und Pädagogen offenbar immer noch nicht ganz bewußt ist: Einerseits sprach sich der Bundesgeschäftsführer des VBE „dagegen aus, zunehmend gesellschaftliche und politische Probleme in der Schule zu behandeln …“, andererseits sollten Kinder in der Schule „auch Verantwortlichkeit, Kritikfähigkeit und Solidarität“ lernen. Wie aber ist es möglich, diese offensichtlich politischen Ziele zu erreichen, ohne wenigstens einen kleinen Ausschnitt aus der ganzen Problematik unserer Geesellschaft zu entfalten? Richtig dagegen ist meiner Meinung nach, daß sich Lehrer die Zeit nehmen sollten, „nach Grund und Sinn zu fragen, und nicht nur einseitig Fakten weitergeben“. Demnach sollten zum Beispiel in den angeblich politikfreien Naturwissenschaften auch gesellschaftliche Probleme den Unterricht bereichern, etwa durch Behandlung der Umweltproblematik oder Untersuchung der Entstehungsbedingungen der heutigen Naturwissenschaft, die die Natur ausschließlich quantitativ erfaßt und nicht auch qualitativ. Vielleicht kann man damit ‚Dem Lernen einen neuen Sinn geben‘ und die oben erwähnten drei Ziele erreichen.“
Der Tagesspiegel, Berlin, Sonntag, 29. Mai 1983

Für mich ist das Inhaltliche hier noch immer aktuell, und das gilt auch für Hochschulen. Studierende aller Fächer sollten Lehrveranstaltungen besuchen, in denen sich Wissenschaft selbst zum Thema macht, wo also über Wissenschaftlichkeit nachgedacht wird. „Bildung“ als ein Zweck von Wissenschaft (Schummer, Joachim: Wozu Wissenschaft? Neun Antworten auf eine alte Frage. Berlin: Kadmos 2014.) umfasst die Notwendigkeit des Nachdenkens über Wissenschaft auf einer Meta-Ebene, die Reflexion über die eigene Disziplin und deren sozial-gesellschaftliche Einbettung in die moderne Gesellschaft.

Um heutzutage wissenschaftlich begründete Entscheidungen in Alltag (z.B. beim Gesundheitsschutz) und Politik (etwa bzgl. der Umweltproblematik und des Nachhaltigkeits-Imperativs) treffen zu können, müssen Entscheidende, also heutztage eigentlich alle, ein grundlegendes Verständnis des Funktionierens von Wissenschaft haben. Und dies kann auch, zumindest ansatzweise, in Aktivitäten zur Förderung von Informationskompetenz integriert werden, wie ich an anderer Stelle betont habe (hier noch ein Beispiel für eine praktische Auswirkung).
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Schreiben als In-Form-Bringen des Denkens

Die Überschrift dieses Beitrages ist mir vor Kurzem beim eigenen sogenannten Warmschreiben oder Free-Writing im Rahmen des Seminars "Wissenschaftliches Arbeiten" an der TUHH in den Sinn gekommen. Gerne nutze ich immer die Gelegenheit, diese Übung im Seminarteil von Birte Schelling mitzumachen. Ulrike Scheuermann (Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln. 2. Aufl. Opladen: Budrich, 2013) spricht auch von Gedanken- oder Fokussprints (S. 78-79). Man schreibt innerhalb von 5 Minuten ohne abzusetzen alles auf, was einem durch den Kopf geht bzw. man wählt vorab ein Thema und schreibt dann.

Kurz vorher hatte ich ein Buch durchgeblättert und angelesen, dass auch in die Richtung des Themas dieses Textes geht: Hornuff, Daniel: Denken designen. Zur Inszenierung der Theorie. Paderborn: Fink 2014. Es passt auch zu dem schönen Aufsatz von Philipp Mayer "Wissenschaftlich schreiben heißt vor allem denken. Zwölf Techniken für mehr Effizienz. Das Hochschulwesen, 58 (2010) 1, 28-32. Diese Blog-Beitrag befasst sich also mit philosophischen Gedanken zum Schreiben.

Hier mein Text vom Warmschreiben:

„Bibliotheken fördern auch akademische Tugenden und Kompetenzen. Eine der wichtigsten akademischen Kompetenzen ist die Reflexion, die Reflexion über das, was Wissenschaft kennzeichnet und wie wissenschaftliches Wissen entsteht. Kurse zum wissenschaftlichen Arbeiten bieten nicht nur Tipps und Rezepte sondern sollen gerade das Nachdenken anregen, über das, was man selbst tut, die Auswirkungen der eigenen Tätigkeit, und das Schreiben von eigenen Gedanken ist Teil des Denkens, Schreiben ist so etwas wie In-Form-Bringen des eigenen Denkens. Es hat also mit Form und Formalisierung des Denkens zu tun, andererseits wird durch das In-Form-Bringen auch deutlich, dass dadurch Denken trainiert werden kann. Beim Schreiben kommt man auf neue Gedanken, Assoziationen und Ähnliches, die einem vielleicht weiterhelfen, sein Tun fortzuentwickeln. Schreiben erleichtert das Denken durch die Ablage und Speicherung von Gedanken.“

Man kann vielleicht auch sagen, „Schreiben ist In-formation des Denkens“, Information hier benutzt im Sinne einer seiner etymologischen Wurzeln als Einprägen bzw. Formen des Denkens, denkt man an die englische Sprache auch als "Bildung" des Denkens, im Sinne von Anregen des Denkens. Denken wird durch das Schreiben aber eben auch in Form gebracht, formalisiert.

Bei der diesjährigen Kleinen Nacht des wissenschaftlichen Schreibens an der TUHH am 11. Mai 2016 (Kurzbericht zur Podiumsdiskussion am Beginn der Kleinen Nacht von Nadine Stahlberg) gab es überraschenderweise auch einen Vortrag zu einer, wie ich es nennen würde, „"Philosophie des Schreibens", der bei mir zu einer Vielzahl von Assoziationen führte. Der Vortragende Bertrand Schütz gestaltet seit Jahren ein Seminar "Literatur und Kultur" an der TUHH.

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Was unter Informationskompetenz verstanden wird, verändert sich

Was unter Informationskompetenz verstanden wird bzw. wie diese wahrgenommen wird, verändert sich im Bereich der Hochschulbibliotheken auch in Deutschland. Informationskompetenz wird nicht nur aus Sicht von Bibliotheken gesehen. Ein Auslöser dazu war sicher das Papier der Hochschulrektorenkonferenz "Hochschule im digitalen Zeitalter: Informationskompetenz neu begreifen – Prozesse anders steuern".

Die Förderung von Informationskompetenz ist zwar heutzutage essentieller Teil der Dienstleistungen von Bibliotheken. Oliver Schoenbecks Aufsatz "Informationskompetenz als Gestaltungsaufgabe" (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 62 (2015) H. 2. S. 85–93 – Nicht Open Access!) zeigt aber, dass Informationskompetenz nicht immer unter einem pädagogisierenden Blickwinkel gesehen werden muss. Einen vergleichbaren Ansatz bieten Thorsten Bocklage, Julia Rübenstahl und Renke Siems in "Informationskompetenz als Kuratieren von Wissensräumen" (Preprint eines Beitrages zur zweiten Auflage des "Handbuchs Informationskompetenz", hrsg. von Willy Sühl-Strohmenger. Berlin: De Gruyter 2016). Wenn es Bibliotheken im Hochschulbereich vermeiden, ein Sendungsbewusstsein zu entwickeln, dafür aber bedarfsgerecht und anfrageorientiert mit ihren Angeboten auf die Bedürfnisse der Nutzenden reagieren, kann Informationskompetenz als ein Thema der Förderung von Schlüsselkompetenzen durch die Hochschule insgesamt betrachtet werden. Die Angebote der Bibliothek sind also im Optimum vor allem Teil der Aktivitäten der Hochschule.

Hinwendung zur Forschung und zum wissenschaftlichen Arbeiten
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Systematische Literatur-Reviews

Studierende sollten während ihres Studiums die Forschungslandschaft ihres Faches erkunden, insbesondere den aktuellen Stand der Literatur. Hier kann ein systematischer Literatur-Ansatz sinnvoll sein, damit die Recherche auf einem methodischen Unterbau steht. Ein Mitarbeitender der wirtschaftsorientierten Institute der TUHH hatte mir gegenüber als Weihnachtswunsch 😎 geäussert, die Erstellung systematischer Literatur-Reviews in einem Blog-Beitrag zu behandeln.

Gerade in heutiger Zeit der Informationsflut und in Bereichen inter- bzw. transdisziplinärer Forschung ist ein bewerteter Literaturüberblick zu einem bestimmten Thema oder zu einer definierten Forschungsfrage eine wichtige Voraussetzung am Beginn jedes wissenschaftlichen Arbeitens und Forschens.

Systematische Literatur-Reviews sind besonders in den Fachgebieten der Medizin, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften von Bedeutung, da hier oft für Praxis und Politik "evidenz-basiert" über die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung im Rahmen der Wissenschaftskommunikation berichtet werden soll. Zur Entwicklungsrichtung der evidenzbasierten Medizin werden dabei aber durchaus auch Gegenpositionen eingenommen.

Für "Systematische Literatur-Reviews" ist charakteristisch, dass die Kriterien für die Auswahl der Quellen offen dargelegt wird. Auch das Vorgehen bei der Literatursuche wird ausreichend detailliert erläutert. Als Ergebnis des Reviews soll ersichtlich sein, was bekannt ist hinsichtlich der Fragestellung und was unbekannt ist bzw. wo noch Forschungsbedarf besteht.

Systematische Reviews in den verschiedenen Fachgebieten

Zum Thema "Systematisches Literatur-Review" gibt es in den einzelnen Fachgebieten eine Fülle an Ansätzen.

Es gibt sogar eine Open-Access-Zeitschrift zum Thema "Literature Reviews". Und auch in die Ingenieurwissenschaften dringt das Thema langsam ein:

  • Borrego, Maura; Foster, Margaret J.; Froyd, Jeffrey E. (2014): Systematic Literature Reviews in Engineering Education and Other Developing Interdisciplinary Fields. In: J. Eng. Educ. 103 (1), S. 45–76. DOI: 10.1002/jee.20038 (Paywall).
  • Kitchenham, Barbara; Brereton, Pearl (2013): A systematic review of systematic review process research in software engineering. In: Information and Software Technology 55 (12), S. 2049–2075. DOI: 10.1016/j.infsof.2013.07.010 (Paywall).

Letzter Aufsatz stellt ein systematisches Review über systematische Reviews dar, so wie dieser Blog-Beitrag eine Art narratives Kurz-Review über systematische Reviews darstellt. Bei narrativen Reviews werden die Artikel subjektiv und unsystematisch ausgewählt. 😎 Bei systematischen Reviews wird versucht, diese Subjektivität und Zufälligkeit durch verstärkten methodisch-formalen Aufwand zu verringern. Die Recherche nach interessanten Aufsätzen zum Thema Reviews wird ja etwas erschwert dadurch, dass viele Reviews zu fachlichen Fragen den Begriff ebenfalls mit sich führen und den Ballast bei der Recherche überproportional erhöhen.

Insgesamt erschien mir das Thema sehr "formalisiert", erinnerte es mich doch an die Standards der Informationskompetenz, eine lineare Folge von zu bewältigenden Schritten, um in jedem Kontext trotz der vielfältigen Einfluss-Faktoren ein optimales Ergebnis zu bekommen. Trotzdem kann ein Rahmen für Literatur-Reviews in Form einer einzuhaltenden Abfolge von Schritten eine sinnvolle Hilfestellung beim Einarbeiten in die Literatur darstellen.

Ausserdem verknüpft das Thema „Literatur-Reviews“ das Thema Informationskompetenz mit dem wissenschaftlichen Schreiben, ein Kernpunkt des von mir an der TUHH durchgeführten Seminars zum Wissenschaftlichen Arbeiten. Überzeugt vom Thema hat mich dann eine Gegenüberstellung zum "linking critical reading with self-critical writing" in der oben genannten Website der Cardiff Business School: die Fähigkeit, kritisch die vorhandene Literatur zu bewerten, ist natürlich notwendig, um selbst geschriebene Texte zu erstellen und zu strukturieren, aber auch um diese dann selbstkritisch zu bewerten und zu korrigieren.

Phasen eines systematischen Reviews

Weitere interessante Papers, die – nicht immer einheitlich – die Phasen eines Literatur-Reviews aufführen: Weiterlesen

Zum Wandel des Publikationsbegriffs in der post-digitalen Wissenschaft

Vor mehreren Wochen fand in Lüneburg an der Leuphana Universität "The Post-Digital Scholar Conference" statt. Veranstalter war das Hybrid Publishing Lab am dortigen Centre for Digital Cultures (Die Gelegenheit, einem anregenden Workshop vom Hybrid Publishing Lab zum Thema Open Access zu besuchen, nutzte ich schon einmal vor einem Jahr.). Vortragende aus Deutschland und der Welt diskutierten die Entwicklung des wissenschaftlichen Publizierens mit Schwerpunkt im Bereich der Kulturwissenschaften. Die Konferenz ist von den Veranstaltenden reich dokumentiert, mit einem Nachbericht in deutscher Sprache, Twitter-Reviews und Blog-Posts mit Berichten nach der Konferenz, aber auch mit Kurz-Interviews mit den Vortragenden vor der Konferenz. Im Januar sollen die Videos der Panels ins Netz gestellt werden.

Hier folgen punktuelle Eindrücke, Entdeckungen und sonstige persönliche Nachwirkungen von der Konferenz. Im beruflichen Alltag war der Besuch einer solchen Konferenz sicher eine Ausnahme, jedoch möchte ich die vielfältigen aus ihr entstandenen und langfristig wirkenden Anregungen und Gedankenhorizonte nicht missen. Trotz eines eigenen Panels zu Bibliotheken waren aus dem deutschen Bibliothekswesen nur sehr wenige vertreten. Alle anderen verpassten die Möglichkeit eine interessante und kritische Gemeinschaft von Forschenden und ihren Themen zur Weiterentwicklung digitaler Kulturwissenschaften kennenzulernen.

Die Konferenz war eine gute Gelegenheit, internationale Wissenschaftler im Bereich kulturwissenschaftlichen Publizierens wie Kathleen Fitzpatrick, David M. Berry, Geert Lovink oder Gary Hall zu hören oder neu zu entdecken. Das Nachdenken über die Entwicklung der wissenschaftlichen Kommunikation findet in den Geistes- und Kulturwissenschaftlen speziell im Rahmen des Themenfeldes "Digital Humanities" statt. Vergleichbare Spezialgebiete sind in den von der digitalen Entwicklung viel früher betroffenen Natur- und Technikwissenschaften die sich nennenden Bereiche "e-Science" und "Science 2.0", die aber beide wesentlich weniger kritisch wirken als manche der Vertretenden der Digital Humanities (zumindest auf dieser Konferenz!) erscheinen.

Am Ende der nachstehenden Punkte folgen noch ein paar Gedanken zur Transformation des Publikationsbegriffes!

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Wissenschaft, Datenbanken und Bildung

Auf das Buch „Wozu Wissenschaft“ von Joachim Schummer (Wozu Wissenschaft? Neun Antworten auf eine alte Frage. Berlin: Kulturverlag Kadmos Berlin, 2014 – Einleitung auf der Website des Autors) wurde hier schon mal hingewiesen. Die Frage des Buches wird meistens nur in zweierlei Weise beantwortet: Wissenschaft werde getrieben um ihrer selbst willen oder zur Förderung der technischen Entwicklung. Der Autor entwickelt ausgehend auch von einer historischen Betrachtungsweise neun Zwecke von Wissenschaft: „Weltverbesserung, Methodenentwicklung, Erklärung und Aufklärung, Vorhersage, Innovation, Befriedigung von Neugier, Lebensform, Weltorientierung und Bildung“ (S. 179).

Der folgende Satz im Abschnitt Innovation hat mir besonders gut gefallen: 😎

„Für ein Wissenschaftspolitik, welche die Innovationskultur tatsächlich stärken wollte, ließen sich aus der Geschichte wichtige Schlüsse ziehen. Sie würde sich in erster Linie um das Dokumentationswesen kümmern, also die fachliche Strukturierung und Bereitstellung von Wissen in Bibliotheken, Archiven, Datenbanken und wissenschaftlichen Internetportalen.“ (S. 90-91)

Trotz dieser positiven Sicht auf Datenbanken hinsichtlich der Förderung von Innovation weist der Autor an anderer Stelle auch auf eine Herausforderung hin, bei der Datenbanken die Kreativität von Forschenden negativ beeinflussen können:

„Das Dokumentationswesen in Gestalt der Datenbanken optimiert zwar die Bewertung von Neuheit, bildet aber auch einen subtilen Druck für Forscher, genau diejenigen Untersuchungen durchzuführen, deren Ergebnisse leicht in die Datenstruktur einzufügen sind.“ (S. 100)

Das Buch von Schummer ist auch ein Beispiel dafür, warum historische Betrachtungen nützlich und hilfreich zum Umgang mit gegenwärtigen Herausforderungen sind. Dazu passt ein Hinweis auf das Essay „Mit Leidenschaft – Studiert Geschichte! Jahrelang!“ von Vincent-Immanuel Herr in der Zeit vom 11. September 2014 (S. 15).

Im Abschnitt "Bildung" als Zweck von Wissenschaft betont Joachim Schummer die Notwendigkeit des Nachdenkens über Wissenschaft auf einer Meta-Ebene, die Reflexion über die eigene Disziplin und deren sozial-gesellschaftliche Einbettung in die moderne Gesellschaft:

„Die Integration der Ethik, einschließlich der Entwicklung von geeigneten Lehrmethoden, die zur selbständigen Wertereflexion und zum Verständnis der jeweiligen Fächer in einem größeren Gesellschaftsrahmen befähigen, ist heute das größte Desiderat in der schulischen und disziplinären Bildung.“ (S. 172)

Dies passt zu Thesen, die von mir im Sommer während des Roundtables am Ende einer kleinen Konferenz mit dem Titel "New Directions in Digital History of Science" der IUHPS-DHST Commission on Bibliography and Documentation (CBD) am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin vorgetragen wurden:

The purpose is to argue for a proposal to integrate compulsory courses in the history, philosophy and sociology of the sciences in the curricula of all disciplines in higher education. The realization of this proposal would be a good possibility in all subjects to practice research methods and to develop media and information literacy as well as academic writing skills. A form of “Bildung” for information as information literacy is part of any learning to develop something like a “transformative literacy” which is necessary in a society, whose present and whose future depends on science and technology and which is urged to develop sustainably. This also implies reflection about science – about its characteristics and history, its theories, its methods, its purposes, its visibility and its benefits. Giving alternatives a chance within research and technology appears to be necessary for a transformation to a sustainable society.

Auch in Seminaren zum Wisenschaftlichen Arbeiten gehören Fragen nach dem Wesen von Wissenschaft zumindest am Rande mit in das Lernprogramm.

Sehr schön passt hier übrigens ein fiktiver Film-Dialog zum Thema "Was ist Wissenschaft?" zwischen Einstein, Nietzsche, Mach und anderen im Rahmen einer nun nur noch virtuellen Einstein-Ausstellung des Max-Planck-Institus für Wissenschaftsgeschichte.

Informationskompetenz als Teil wissenschaftlichen Arbeitens

Im Wintersemester 2103/2014 wurde von mir an der TUHH in Zusammenarbeit mit KollegInnen aus der TU-Bibliothek, einer Kollegin vom FinishING-Projekt der TU-Studienberatung, einer Kollegin aus der Arbeitsgruppe Arbeit-Gender-Technik (M-1) der TU sowie einer externen Dozentin ein Seminar zum "Wissenschaftlichen Arbeiten" durchgeführt. Ein Weblog zum Seminar dient als Schaufenster und Einführung in die Seminar-Themen auch für diejenigen, die leider bei der Auslosung der 30 Plätze aus mehr als 150 Interessenten nicht erfolgreich waren. Im Kommentierten Vorlesungsverzeichnis heisst es zum Seminar:

„[Es] bietet eine Hinführung zu den vielfältigen Aspekten wissenschaftlichen Arbeitens: Themenfindung, Fachinformation, Wissensorganisation, Schreiben, Präsentieren, Publizieren. Anregungen zum Nachdenken über eigene Lern-, Informations- und Schreibprozesse – ergänzt durch praktische Empfehlungen und Tipps – erleichtern den Einstieg in die Erstellung von Bachelor- und Masterarbeiten, Arbeiten, die durchaus auch Erfüllung bringen und Spass machen können.“

Durch das Seminar hat sich auch mal wieder mein Blickwinkel auf Informationskompetenz leicht verändert. Pragmatisch gesehen möchten Studierende aus meiner Sicht im Bereich Informationskompetenz primär Antworten auf drei Fragen haben, wenn sie an ihrer Examensarbeit sitzen:

  1. Wie komme ich an Volltexte?
  2. Wie kann ich sicherer sein, nichts Wesentliches übersehen zu haben?
    • Systematische Informationssuche
    • Nutzung von Fach-Datenbanken
  3. Wie bewältige ich die Informationsflut?

Ein weiteres implizites Ziel des Seminars war es, auch mal über das Phänomen "Wissenschaft" als solches nachzudenken. Im Rahmen des normalen Curriculums besonders der Natur- und Ingenieurwissenschaften findet ein solches Reflektieren in der Regel viel zu selten statt. Hier wäre ein Ausbau von Komponenten des "Studium generale" vielerorts sicher wünschenswert. Im Seminar sollten also Rezepte und Reflexion möglichst eine Einheit bilden. Nichtzuletzt sollen, der Schluss des oben zitierten Abstracts zum Seminar deutet dies an, auch negative und positive Gefühle beim wissenschaftlichen Arbeiten nicht verschwiegen werden, wie es auch ein Life-Cycle zur wissenschaftlichen Kommunikation als eine Art von „Advanced Organizer“ zum Seminar verdeutlichen soll.