Neuere Aufsätze zur Informationskompetenz und darüber hinaus

Was es an neuen Aufsätzen zur Informationskompetenz gibt, ist kaum noch zu verfolgen. Unten sind ein paar Beiträge der letzten Zeit zu finden, die mir besonders auffielen. Und dann steht Ende Oktober auch noch die ECIL 2013, die erste European Conference on Information Literacy, mit spannenden Beiträgen ins Haus. Als Mitglied des Programm-Komitees war ich hier auch am Review-Prozess beteiligt. Leider werde ich aber nicht an der Konferenz teilnehmen können.

Daten-Theorie

Die Dissertation von Jakob Voß mit dem Titel "Describing data patterns – a general deconstruction of metadata standards " ist nun online. Die Arbeit ist ein umfassender Beitrag zu einer Philosophie und Theorie der Daten.

Für mich sind besonders die Kapitel zu den Grundlagen wie zur "Library and information science" und zur "Philosophy" besonders interessant. Man erhält hier wie auch im Kapitel "Semiotics" kurz und knapp gelungene Überblicke zur historischen Entwicklung und zum Stand der theoretisch-philosophischen Diskussion.

Jakobs Verwendung von "Patterns and pattern languages" im Hauptteil seiner Arbeit betont die Nähe von "information science" und Design, die auch in der deutschen Geschichte der Informationswissenschaft eine Rolle spielte. Horst Rittel, der in den fünfziger Jahren an der Hochschule für Gestaltung in Ulm Lehrer war, dann in Berkeley als Professor für Design wirkte, schrieb später mit dem Chemiker Werner Kunz das Buch die "Die Informationswissenschaften : ihre Ansätze, Probleme, Methoden und ihr Ausbau in der Bundesrepublik Deutschland / Kunz, Werner u. Horst Rittel. München: Oldenbourg, 1972. Vgl zur Beziehung zwischen Information und Design auch meinen Aufsatz "Wilhelm Ostwald’s Combinatorics as a Link between In-formation and Form" (Library Trends 61 (2012) 2, 286-303) und das Buch von Claudia Mareis: Design als Wissenskultur : Interferenzen zwischen Design- und Wissensdiskursen seit 1960 (Bielefeld : transcript, 2011).

Warum Geschichte?

"Information Systems history: What is history? What is IS history? What IS history? … and why even bother with history?" fragen Antony Bryant, Alistair Black, Frank Land and Jaana Porra in einem frei zugänglichen Beitrag in der Zeitschrift "Journal of Information Technology" der am Anfang von zwei Sonderheften mit dem Motto "Special Issue on History in IS" steht (Journal of Information Technology 28 (2013) 1-17).

Ein paar Kapitel-Überschriften, die vielleicht neugierig darauf machen, über die Frage "Wozu Geschichte?" nachzudenken:

  • History as disciplinary veneer (Fassade!)
  • History as collective memory and identity
  • History as teleology
  • History as a meeting of ourselves as ‘Other’
  • The uses of history

Hier noch zwei Beispiele, wie eine historische Betrachtungsweise Reflexionen aktueller Problemfelder fördern kann:

Noch ein paar Neuerscheinungen zur Informationsgeschichte:

  • Das Buch "International perspectives on the history of information science and technology : proceedings of the ASIS&T 2012 Pre-conference on the History of ASIS&T and Information Science and Technology" hrsg. von Toni Carbo und Trudi Bellardo Hahn (Medford, NJ: Information Today, 2012) erschien anläßlich des 75-jährigen Jubiläums der ASIST, die jetzt nur noch "Association for Information Science and Technology " heisst. Der Band enthält u.a. auch einen Aufsatz zur deutschen Informationsgeschichte: Pioneers of Information Science in Europe: The Œuvre of Norbert Henrichs von Katharina Hauk und Wolfgang G. Stock (S. 151ff). Weitere Beträge beschäftigen sich mit der Geschichte des Annual Review of Information Science and Technology, von Brenda Dervins Sense-making methodology, der französischen Informationswissenschaften, des niederländischen Informationspioniers Donker Duyvis u.a.
  • "Vor Google : eine Mediengeschichte der Suchmaschine im analogen Zeitalter" hrsg. von Thomas Brandstetter, Thomas Hübel und Anton Tantner (Bielefeld : Transcript-Verl., 2012, Einleitung als pdf) U.a. über Staatskalender, Diener, Anzeigenblätter, Vannevar Bushs Memex sowie die frühe Bibliometrie
  • Das Lehrbuch "An introduction to information science" von David Bawden and Lyn Robinson (London: Facet Publ., 2012, Kapitel 1 als pdf) enthält als Kapitel 2 "History of information: The story of documents" eine gute Zusammenfassung zur Geschichte der Information. Im Eingangskapitel gibt es zusätzlich ein paar Abschnitte zur Geschichte der Informationswissenschaft.

    Mit dieser besonderen Betonung der Geschichte unterscheidet sich das Lehrbuch von zwei fast parallel erscheinenden Lehrbüchern zur Informationswissenschaft, die beide historische Zusammenhänge kurz nur in allgemeinen Grundlagen-Kapiteln erwähnen:

    • Introduction to information science and technology / Charles H. Davis and Debora Shaw (Eds.) Medford, NJ : Information Today, 2011 (in Chapter 2: Foundations of Information Science and Technology).
    • Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation : Handbuch zur Einführung in die Informationswissenschaft und -praxis / Rainer Kuhlen, Wolfgang Semar, Dietmar Strauch (Hrsg.) 6., völlig neu gefasste Ausg. Berlin: De Gruyter Saur, 2013 (In Kapitel A.1 Information – Informationswissenschaft).

Warum jonglieren?

Vor mehr als 15 Jahren hatte ich mal im Rahmen eines Urlaubs zusammen mit meinen Söhnen angefangen, Jonglieren zu lernen. Seit drei Jahren, nachdem Jonglieren durch meine Initiative immer wieder eines der Themen des Standes der TU-Bibliothek beim alljährlichen Sommerfest der TUHH war, habe ich mich intensiver damit beschäftigt.

Beim Jonglieren lernt man etwas über das Lernen, wie folgendes Zitat von Claude E. Shannon (1916-2001) betont. Dieser Mathematiker und Ingenieur, Theoretiker der Information und Begründer der technischen Kommunikationstheorie, konstruierte sogar Jonglier-Maschinen!

“The art of juggling in all its many forms is that of learning the appropriate responses to stabilize unstable situations.”

Jonglieren kann aber auch Metapher für den Umgang mit Informationen in unserer modernen Informationsgesellschaft sein! Ja, viele Erfahrungen, die man beim Jonglieren macht, sind beim wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben, insbesondere auch im Management oder gar ganz allgemein in der zwischenmenschlichen Kommunikation nützlich!

Folgendes lernt man beim Jonglieren u.a.:

  • Geduld haben!
  • Loslassen können!
  • Kopf und Körper zusammenspielen lassen!
  • Den Kopf von Überflüssigem befreien!
  • Veränderungen erscheinen schwer und müssen schrittweise erarbeitet werden!
  • Misserfolge (hier besonders Bücken und Aufheben!) gehören zum Lernprozess!

Ansonsten, Jonglieren macht einfach Spass und ist aktive Entspannung!

(Zitat von Shannon aus dem Buch von Axel Roch: Claude E. Shannon: Spielzeug, Leben und die geheime Geschichte seiner Theorie der Information. Berlin: gegenstalt Verlag, 2009. S. 167)

Zum Zusammenhang zwischen Bildung und In-formation(s-kompetenz)

Die Diskussion von Kompetenz und Bildung wird im Bereich der Medienpädagogik besonders im Rahmen der Medienbildung geführt. Auch im Rahmen von Diskussionen, ob es ein spezifisch digitales Denken gibt bzw. inwieweit die digitalen Medien unser Denken und Lernen verändern, wird aus bildungswissenschaftlicher Sicht mit diskutiert, so z.B. von Gabi Reinmann: Digitales Denken – die Sicht der Erziehungs-wissenschaften oder: Freiheit und Zwang im digitalen Zeitalter.

Schaut man nun in ein vor kurzem erschienene Textsammling zum Thema Bildung mit dem Titel "Was ist Bildung? Eine Textanthologie." (Hrsg. Heiner Hastedt, Reclam, 2012), findet man auch hier Anknüpfungspunkte, um Informationskompetenz zu verorten, z.B. über den klassischen Bildungsbegriff hinausgehend im Werk von Michel Foucault, dessen "Sorge um sich" als Teil von Bildung die Selbstbildung und Reflexion betont (S. 15, S. 34ff). Zu dieser gehört eine kritische Funktion von Bildung (S. 39), ausserdem wird die Bedeutsamkeit des Zuhörens und des Schreibens als Aneignungsmethoden hervorgehoben (S. 45).

Im Buch von Sönke Ahrens mit dem Titel "Experiment und Exploration : Bildung als experimentelle Form der Welterschließung" (Bielefeld: transcript, 2011), sind mir weitere Verbindungen zwischen Bildung und Informationskompetenz aufgefallen. Ahrens‘ Buch ist für mich deshalb etwas Besonderes, weil es den seltenen Versuch unternimmt, Naturwissenschaft und Technik mit Bildung über Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte zu verbinden. Ahrens nutzt die Wissenschafts- und Technikforschung sowie die Beschäftigung mit der Geschichte der (Natur-)Wissenschaften, um über Bildung zu reflektieren und den Bildungsbegriff neu zu bestimmen.

Eine weitere Beziehung zwischen Information – oder In-formation, eine Schreibweise, die die Nähe zu Bildung besonders sichtbar macht – und Form ist vom Autor dieses Blogs in einem gerade erschienenden informations- bzw. wissenschaftshistorischen Aufsatz angerissen worden: Wilhelm Ostwald’s Combinatorics as a Link between In-formation and Form (Library Trends 61(2012)2, 286-303.

Für Interessierte hier noch ein paar, etwas längliche Auszüge aus meiner Rezension (Auskunft (32 (2012) 112-119) zu Ahrens‘ Buch:
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Nachdenken über Aufklärung

Relativ zufällig besuchte ich am 30. Januar einen Vortrag von Manfred Geier über das Thema "Anleitung zum Selbstdenken. Über Aufklärung in hochschulpädagogischer Hinsicht" im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung, die Teil eines Symposiums „Studium Generale – Netzwerk Nord“ an der Leuphana Universität Lüneburg war. Das "Studium Generale – Netzwerk Nord" ist ein Forum für den Informations- und Erfahrungsaustausch, an dem auch die TU Hamburg-Harburg beteiligt ist. Ziel des Netzwerks Nord ist die Förderung fachübergreifender Studienangebote. Es hat sogar ein eigenes Leitbild zum "Studium Generale" entwickelt.

Der anregende Vortrag von Manfred Geier bot eine Übersicht zur Geschichte der Aufklärung, bei der besonders John Locke, Immanuel Kant, Johann Georg Hamann und Wilhelm von Humboldt berücksichtigt wurden.

Kernpunkt der Ausführungen war die Bewusstmachung einer Dialektik der Aufklärung im Sinne des Spannungsverhältnisses zwischen Anleitung und Lernen bzw. zwischen Anleitung zum Denken und Selbstdenken, letztendlich zwischen einem wie immer gearteten Zwang und der individuellen Freiheit.

Im Rahmen der abschliessenden Diskussion wurde die Frage nach der heutigen Stoßrichtung von Aufklärung im Sinne von Emanzipation gestellt. Angesichts der modernen Situation sei zumindest in den Industrieländern Freiheit eher nicht das Thema und massenhaft Wissen über die neuen Medien vorhanden, so dass heutzutage eher Konzentration, Selektivität und Bewertung notwendig sind. Hier war man dann ganz nah beim Thema Medien- und Informationskompetenz im Sinne der Aufklärung, über deren Stellenwert in diesem Zusammenhang man sicher nochmals gründlich nachdenken muss.

Daran anknüpfend wäre es für mich an dieser Stelle auch reizvoll gewesen, die andere "Dialektik der Aufklärung", die von Theodor Adorno und Max Horkheimer, in die Überlegungen mit einzubeziehen.

Und noch ein Aspekt, der mir aufgefallen ist: Man sollte die Aufklärung auch als Teil eines spezifisch europäischen Denkens ansehen und dies in Beziehung setzen zum Denken in anderen Kulturen. Gerade für die heutige Welt ist dies ein wichtiges Thema, das aber noch wichtiger werden wird.

Fachübergreifendes Lernen im Studium Generale sollte daher neben fachkulturen-übergreifenden Aspekten auch kulturenübergreifendes Denken, Reflexion über Interkulturalität als Teil des Studium Generale ansehen. Interkulturelle Kompetenzen, die ja viel gefordert werden, würden sicher auch das Leitbild zum Studium Generale explizit sehr gut ergänzen.

Zur Geschichte der Globalisierung von Wissen

Das Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte hat 2012 einen von Jürgen Renn herausgegebenen Band mit dem Titel "The Globalization of Knowledge" veröffentlicht, dessen Beiträge auch auf einem Workshop aus dem Jahre 2007 beruhen. Das Werk ist Teil der "Edition Open Access" der "Max Planck Research Library for the History and Development of Knowledge".

Vorbildlicherweise steht die Publikation also Open Access zur Verfügung. Angeboten wird neben einer HTML-Version auch eine Version im PDF- sowie im epub-Format für eBook-Reader. Eine gedruckte Version via Publishing on Demand ist möglich. So sollten moderne elektronische Publikationen aussehen, sofern sie sich wie dieses Werk noch am herkömmlichen Buch orientieren!

Aber auch inhaltlich ist diese Buch eine Fundgrube. Vielleicht liegt es aber auch nur an meinem Hobby als Wissenschaftshistoriker, dass mich die Einlassungen auf die umfassende Entwicklung von Wissen im Laufe der Jahrhunderte so ansprechen. Insgesamt ist das Werk natürlich von kaum jemandem komplett durchzulesen angesichts des Umfangs. Aber auch die philosophisch bzw. wissenschafts- und erkenntnistheoretisch orientierten Teile sind eine genauere Lektüre wert.

Wissen wird hier verstanden …

"… as the capacity of an individual, a group, or a society to solve problems and to mentally anticipate the necessary actions. Knowledge is, in short, a problem-solving potential. Knowledge is often conceived (especially in disciplines such as psychology, philosophy and the cognitive sciences) as something mainly mental and private. But from the historical and social viewpoint, it is necessary to consider knowledge as something that moves from one person to another: something that may be shared by members of a profession, a social class, a geographic region or even an entire civilization." (S. 20)

Die Weitergabe von Wissen über die Zeit umfasst komplexe, vielfältig verwobene Prozesse, die von vielen Faktoren abhängig sind. Beim Browsen durch dieses Werk bekommt man davon eine Ahnung, wobei der Zeitrahmen der Beiträge umfassend ist und dabei viele Fachgebiete angesprochen werden.

Besonders interessant sind für mich noch zwei Entdeckungen in diesem Buch:

Daeumlinge, Partisanen und Sammler

Dies sind wir doch alle irgendwie! 😎

Däumlinge ist die Übersetzung des Titel eines neuen Buches des französischen Philosophen und Wissenschaftshistorikers Michel Serres, das es leider nur auf Französisch gibt und dass ich gern mal lesen würde. Mal schauen, wann und ob es auf Deutsch herauskommt. "Petite Poucette" (Éditions Le Pommier 2012) sind für Serres diejenigen, die mit den Daumen ihr Mobiltelfon bedienen und damit aus seiner Sicht die Welt verändern! Zwei der wenigen deutschen Beiträge zum Buch sind von Silke Bartel und Jürgen Kuri, der auf einen FAZ-Beitrag vom Mai letzten Jahres über Serres hinweist.

"Der Leser als Partisan" heisst der frei verfügbare Aufsatz von Philipp Felsch im aktuellen Themenheft "Droge Theorie" der Zeitschrift für Ideengeschichte. Hier geht es hauptsächlich um das theoriebeladene Publikationsprogramm des Berliner Merve-Verlages.

Und wer noch mehr Theorie mag, findet in der Zeitschrift Denkströme, dem Journal der Sächsischen Akademie der Wissenschaften in Leipzig, in Heft 8 (2012) zwei Aufsätze zum Sammeln, zu Sammlungen, Wissenschaft und Bibliotheken:

Zur Geschichte, Theorie und Praxis von Bibliothekskatalogen

Diese gelungene Mischung an Aufsätzen zu Geschichte, Theorie und Praxis von Bibliothekskatalogen und Discovery-Systemen ist zur Zeit frei verfügbar auf der Website der Zeitschrift Library Trends.

Passend dazu der Aufsatz "Der Katalog : Repräsentation von Medien als Geschichte des Denkens über Wissen, Information, Medien, Nutzerinnen und Nutzern" von Karsten Schuldt in der aktuellen Ausgabe "Bilder, Graphen, Visualisierungen" der Zeitschrift Libreas.

Kritische Informations- und Medienkompetenz

Das Buch mit dem Titel "Kritische Informations- und Medienkompetenz : Theoretisch-konzeptionelle Herleitung und empirische Betrachtungen am Beispiel der Lehrerausbildung" (Waxmann Verlag, 2012) ist mir schon im Frühjahr aufgefallen und zwischendurch entfallen. Das Buch steht frei im Internet zum Download zur Verfügung. Es betrachtet den spannenden Zusammenhang zwischen kritischem Denken und Informations- und Medienkompetenz.

Autorin des Werkes ist Mandy Schiefner-Rohs, die auch mit einen lesenswerten Blog mit dem Namen Head.Z betreibt. Das Buch wurde als Dissertation an der Universität der Bundeswehr München angenommenen. Betreuende war Gabi Reinmann, Professur für Lehren und Lernen mit Medien, die in diesem Blog schon mehrfach erwähnt wurde.

Philosophische Hintergründe und Diskussionen zum modernen Informationswesen

In letzter Zeit sind zwei interessante Artikel erschienen, die Phänomene des modernen Informationswesens wie hier Urheberrecht und Transparenz stark philosophisch betrachten:

Auf den Frankfurter, in Südkorea geborenen Philosophen Byung-Chul Han bin ich letztes Jahr erstmals durch sein Buch "Hyperkulturalität : Kultur und Globalisierung" (Berlin : Merve-Verl., 2005) aufmerksam geworden. Er hat einen Blick von außen, quasi einen "Anderen Blick" auf viele Dinge, die auch für die Informationswissenschaft interessant sind. Dieser kulturell-philosophisch geprägte Blick öffnet bei mir manchmal andere Sichten auf Begriffe, wie etwa beim für mich bisher vorgefasst positiv besetzten Begriff Transparenz. Und dann kann es hier auch ganz schnell aktuell politisch werden (siehe dazu auch die spannende und umfangreiche Diskussion zum Artikel von Han im Tagesspiegel!).

In seinem Buch "Transparenzgesellschaft" (Berlin : Matthes & Seitz, 2012), das obiger Artikel zusammenfasst, schreibt Byung-Chul Han z.B.:

"Die sozialen Medien und personalisierten Suchmaschinen errichten im Netz einen absoluten Nahraum, in dem das Außen eliminiert ist. Dort begegnet man nur sich und seinesgleichen. Es ist keine Negativität mehr vorhanden, die eine Veränderung möglich machen würde. Diese digitale Nachbarschaft präsentiert dem Teilnehmer nur jene Ausschnitte der Welt, die ihm gefallen. So baut sie die Öffentlichkeit, das öffentliche, ja kritische Bewusstsein ab und privatisiert die Welt. Das Netz verwandelt sich in eine Intimsphäre oder eine Wohlfühlzone. Die Nähe, aus der jede Ferne beseitigt ist, ist auch eine Ausdrucksform der Transparenz." (S. 58-59)

Theoretisch-philosophische Reflexionen zu Bibliothek und Information

Ausgehend von einem Durchblättern des schwergewichtigen Buches "The atlas of new librarianship" von R. David Lankes (Cambridge, Mass.: MIT Press, 2011), zu dem es auch eine spannende Website gibt, suchte ich nach ein paar Rezensionen, fand z.B. die von Dale Askey, und landete in einem Blog mit dem Namen "Sense and Reference".

Dieses enthielt nicht nur eine ausführliche, sehr kritische Besprechung von Lankes‘ Buch, sondern in anderen Beiträgen faszinierende Auseinandersetzungen mit grundsätzlichen philosophischen Fragen zu Bibliothek und Information, so auch einen Lankes‘ Ansatz weiter kritisierenden Beitrag mit dem Titel "Libraries are not in the construction business".

Ich stimme mit dem Autor des Blogs "Sense and Reference", Lane Wilkinson, in vielen Punkten nicht überein – so vertritt er aus meiner Sicht einer zu einseitig realistische Haltung. Trotzdem sind viele Beiträge spannend, um z.B. die eigene Haltung zu schärfen. In der Diskussion zum zuletzt genannten Blog-Beitrag hat Angela Pashia meine Haltung zur Position von Wilkinson so mit ausgedrückt:

We need a middle ground that breeds a healthy skepticism (I like to think of that as information literacy, the ability to evaluate an information resource) without denying either an objective external reality or the influence of social conditions on learned human behavior.

Ein ebenfalls interessanter Blog-Beitrag befasst sich mit den Themen Literacy und Transliteracy.

BTW: Innerhalb einer Umfrage zum Thema Meta-Literacy von Thomas P. Mackey (siehe auch seinen Aufsatz mit Trudy E. Jacobson "Reframing Information Literacy as a Metaliteracy") habe ich übrigens zur Frage "Which of the following literacies do you think are components of information literacy?" – es folgten "Media literacy, Digital literacy, Cyber literacy, Visual literacy, Mobile literacy, Critical literacy, Health literacy, Other (please specify)" – bemerkt:

You can find dozens of discussions which special literacy is part of which other special literacy. It is a question of the viewpoint and socialization of the discussion member. In case you define ‚literacy‘ as „engaging with information in all of its modalities“ like O’Farrill, Ruben Toledano: Information literacy and knowledge management. Preparations for an arranged marriage (In: Libri 58 (2008) p. 155-171, p. 16) all above is literacy! […] but perhaps you should define meta-literacy as ‚reflecting about literacy‘ what I would like.

Wilkinson bietet in seinem Blog auch eine Zusammenstellung von Lektüre zum Thema "Library and Philosophy".

Man müsste auch mal darüber nachdenken, was zum Thema "Theoretisch-philosophische Reflexionen zu Bibliothek und Information" in Deutschland sichtbar ist. Rafael Capurro und auch Uwe Jochum sind mir da sofort eingefallen. Und natürlich der umtriebige Libreas-Blog mit Ben Kaden, der gerade Anfang des Jahres einen Überblick zur Forschung im Bibliotheks- und Informationswissenschaft im Jahre 2011 gegeben hat! Auf dem letzten Bibliothekartag gab es immerhin eine Session zu ethischen Fragen!

Fragen Sie mich übrigens nicht, wann man dann Ganze lesen soll, wenn man als Praktiker in einer Bibliothek arbeitet! Daher hier auch nur ein Hinweis auf die Möglichkeiten, die ich so wahrgenommen habe.

Wir werden zu Metadaten!

In einem Tweet hatte ich vor Monaten mal auf eine britische Ausstellung mit dem Titel "How we became metadata" hingewiesen (Beitrag in einem Blog dazu). Ein Aufsatz vom britischen Kultur- und Medientheoretiker Gary Hall mit dem Titel "We Can Know It for You: The Secret Life of Metadata" findet sich im Katalog zur Ausstellung.

Nun ist in der Wochenzeitung "Die Zeit" ein passender Beitrag mit dem Titel "Automatisch vorsortiert" von Stefan Schmitt erschienen, der zeigt, dass individuelle Suche zu Metadaten führen, die zukünftige Suchen beeinflussen. Eine der Grundlagen des Artikels ist das Buch "The Filter Bubble" von Eli Pariser, das im nächsten Jahr auch auf Deutsch erscheinen soll. Im Guardian findet sich eine Kurzfassung von Parisers Buch, auf die am 14. Juli auch auf der Mailingliste Inetbib hingewiesen wurde (vgl. auch ein Vortrags-Video von Pariser).

Vielfalt und Informationskompetenz

Eigentlich kommt man kaum hinterher, um bei irgendeinem Thema auf dem Laufenden zu bleiben. Vielfalt und Informationsflut werden immer größer. Mein Versuch der Bewätigung dazu bildet sich hinsichtlich des Themas der Informationskompetenz oft nur noch in angesammelten Links auf Delicious oder in manchen Tweets ab. Trotzdem hier ein paar Hervorhebungen, die mir in letzter Zeit als wichtig aufgefallen sind:

In einem Aufsatz in der Wochenzeitung "Die Zeit" von Thomas Assheuer zum Thema der Bedeutung von Religion heute (ein Thema, das mich bisher eigentlich nur am Rande interessiert hat), wird am Schluss auf eine Kontroverse zwischen Jürgen Habermas und dem kanadischen Philosophen Charles Taylor eingegangen. Es heisst hier:

"Für Habermas muss es in einer Gesellschaft der explodierenden Gegensätze eine inklusive säkulare Sprache geben, mit der Normen begründet werden. Für Taylor ist das eine rationalistische Illusion; für ihn gibt es in radikal heterogenen und spannungsgeladenen Gemeinwesen keine Metasprache, die alle Differenzen ‚managt‘. Deshalb müssten wir selbst vielsprachig werden, wir müssten lernen, uns ‚im Tanz des Verstehens‘ auf Unterschiede einzulassen."

Ich finde, diese philosophische Kontroverse trifft erst recht auf die hier interessierende sogenannte Informations- oder Wissensgesellschaft zu und findet sich damit auch im Hintergrund von theoretischen Diskussionen um Informationskompetenz! Ich selbst finde mich dabei eher bei Taylor wieder.

Informationskompetenz kritisch betrachtet

In einem längeren Artikel in der Wochenzeitung "Die Zeit" vom 26. Mai 2011 mit dem Titel "Liebe Marie" beschreibt Henning Sussebach die Problematik und Konsequenzen der Schulzeitverkürzung von 9 auf 8 Jahre am Gymnasium. Dort finden sich auch folgende Sätze, die mit einem Zitat des Pädagogen Andreas Gruschka beginnen (S. 17):

"Er [Gruschka] sagt: ‚Die Kinder heute lernen Organisation und Präsentation.‘ Referate, Wochenpläne – er hält das alles für eine Vorbereitung auf ein kritikloses Büroleben, in dem der Chef in der Tür steht und sagt: ‚Frau Müller, stellen Sie mir bis Freitag bitte alles über die indischen Märkte zusammen!’"

Mir ist hier mal wieder bewusst geworden, dass man nicht nur die Praxis von Informationskompetenz-Aktivitäten von Bibliotheken kritisch betrachten kann, sondern insgesamt die Inhalte von Informationskompetenz kritisch hinterfragen muss.

Es geht nicht unbedingt darum, dass aufgrund von Informationskompetenz SchülerInnen und Studierende besser in der Arbeitswelt "funktionieren", sondern darum, dass sie gefördert werden, ihre Nutzung von Informationsressourcen kritisch zu reflektieren: Warum nutzen so viel Google und welche Gefahren sind damit verbunden? Warum sind viele Datenbanken kostenlos? Wie ist die gefundene Information entstanden und wie zuverlässig ist diese?

Am Schluss eines Aufsatzes zitierte ich mal aus einem Interview mit dem amerikanischen Informationstheoretiker Ronald Day (vgl. Day, Ronald E. and Ajit K. Pyati (2005): ‚We Must Now All Be Information Professionals‘: An Interview with Ron Day. In: InterActions: UCLA Journal of Education and Information Studies, 1(2), Article 10), das genau das, was das Zitat aus der Zeit meint, thematisierte:

"We don’t need to interpret information, we don’t need to ask how it is produced, we don’t need to ask any question of its powers; we simply need to make use of it. […]
Information, in this sense, has connotations of efficiency and of productivity[…]
We are always responsible, whether we want to be or not, in a larger sense than our institutional and professional roles. That is, we are always in response to other human beings and to other beings in general. We are in-formed, that is, always within processes of being formed by our way of responding. ‚In-formation’ in this sense, as ‘affective’ and becoming is inseparable from ‘communication’ – in the sense of responding within the condition of being in-common." (S. 3 und S. 7)

Beim Bibliothekartag nächste Woche in Berlin hält Wilfried Sühl-Strohmenger aus Freiburg einen vielversprechenden Vortrag mit dem Titel "Förderung von Informationskompetenz durch Bibliotheken – Aus berufsethischer Sicht". Primär geht es hier wohl um die Problembereiche des Urheberrechts und des Plagiarismus. Aber die spannende Frage, ob durch Form und Inhalt von bestehenden Informationskompetenz-Aktivitäten eher "funktionierende", statt kritische Bürgerinnen und Bürger das Ergebnis sind, wäre für mich auch eine berufsethische!?