Eine Kritik des Kompetenzbegriffs

In der neu erschienenen Festschrift "Hochschuldidaktik im Zeichen von Heterogenität und Vielfalt : Doppelfestschrift für Peter Baumgartner und Rolf Schulmeister" (hrsg. von Gabi Reinmann, Martin Ebner, Sandra Schön. Norderstedt: Books on Demand, 2013), die online frei verfügbar ist, findet sich ein Beitrag von Gabi Reinmann mit dem Titel "Lehrkompetenzen von Hochschullehrern: Kritik des Kompetenzbegriffs in fünf Thesen" (S. 215-234).

Hier die fünf Thesen, die mir bis auf die vierte auch in den Bereich Informationskompetenz hinein übertragbar und diskussionswürdig erscheinen:

  1. Dem Kompetenzbegriff ist das genuin Pädagogische abhandengekommen.
  2. Kompetenzdefinitionen haben ein gestörtes Verhältnis zum Wissen.
  3. Die Kompetenzdiskussion hat etwas von einer Tugendethik.
  4. Kompetenzmodelle für Hochschullehrer sind unspezifisch für die Profession.
  5. Ein Verzicht auf den Kompetenzbegriff wäre hochschuldidaktisch vorteilhaft.

Gerade im Text zur letzten These steht eine Frage (S. 228), die man problemlos auf Informationskompetenz übertragen kann:

Wie wäre es denn, wenn wir nicht Lehrkompetenzen [Informationskompetenz sic!] fördern, sondern das Wissen um Lehre [das Wissen um Information und Informationsprozesse], das Können in der Lehre [das Können beim Informieren, Schreiben, Zitieren, Publizieren usw.] und die Haltung zur Lehre [die Haltung zum kritischeren und bewussteren Umgang mit Information] positiv verändern wollten? Was wären die Gefahren und was die Chancen, wenn man auf den Kompetenzbegriff verzichten und in seine wichtigsten Komponenten zerlegen würde?

Folgende weitere Beiträge in der Festschrift sind mir noch besonders aufgefallen:

  • Muster und digitale Werkzeuge für kreatives Denken im Hochschulstudium (Christian Kohls), S. 113ff
  • Bloggen und Microblogging in Lehrveranstaltungen – Variationen aus sieben Jahren eigener Lehrpraxis (Andrea Back), S. 151ff

Warum Geschichte?

"Information Systems history: What is history? What is IS history? What IS history? … and why even bother with history?" fragen Antony Bryant, Alistair Black, Frank Land and Jaana Porra in einem frei zugänglichen Beitrag in der Zeitschrift "Journal of Information Technology" der am Anfang von zwei Sonderheften mit dem Motto "Special Issue on History in IS" steht (Journal of Information Technology 28 (2013) 1-17).

Ein paar Kapitel-Überschriften, die vielleicht neugierig darauf machen, über die Frage "Wozu Geschichte?" nachzudenken:

  • History as disciplinary veneer (Fassade!)
  • History as collective memory and identity
  • History as teleology
  • History as a meeting of ourselves as ‘Other’
  • The uses of history

Hier noch zwei Beispiele, wie eine historische Betrachtungsweise Reflexionen aktueller Problemfelder fördern kann:

Noch ein paar Neuerscheinungen zur Informationsgeschichte:

  • Das Buch "International perspectives on the history of information science and technology : proceedings of the ASIS&T 2012 Pre-conference on the History of ASIS&T and Information Science and Technology" hrsg. von Toni Carbo und Trudi Bellardo Hahn (Medford, NJ: Information Today, 2012) erschien anläßlich des 75-jährigen Jubiläums der ASIST, die jetzt nur noch "Association for Information Science and Technology " heisst. Der Band enthält u.a. auch einen Aufsatz zur deutschen Informationsgeschichte: Pioneers of Information Science in Europe: The Œuvre of Norbert Henrichs von Katharina Hauk und Wolfgang G. Stock (S. 151ff). Weitere Beträge beschäftigen sich mit der Geschichte des Annual Review of Information Science and Technology, von Brenda Dervins Sense-making methodology, der französischen Informationswissenschaften, des niederländischen Informationspioniers Donker Duyvis u.a.
  • "Vor Google : eine Mediengeschichte der Suchmaschine im analogen Zeitalter" hrsg. von Thomas Brandstetter, Thomas Hübel und Anton Tantner (Bielefeld : Transcript-Verl., 2012, Einleitung als pdf) U.a. über Staatskalender, Diener, Anzeigenblätter, Vannevar Bushs Memex sowie die frühe Bibliometrie
  • Das Lehrbuch "An introduction to information science" von David Bawden and Lyn Robinson (London: Facet Publ., 2012, Kapitel 1 als pdf) enthält als Kapitel 2 "History of information: The story of documents" eine gute Zusammenfassung zur Geschichte der Information. Im Eingangskapitel gibt es zusätzlich ein paar Abschnitte zur Geschichte der Informationswissenschaft.

    Mit dieser besonderen Betonung der Geschichte unterscheidet sich das Lehrbuch von zwei fast parallel erscheinenden Lehrbüchern zur Informationswissenschaft, die beide historische Zusammenhänge kurz nur in allgemeinen Grundlagen-Kapiteln erwähnen:

    • Introduction to information science and technology / Charles H. Davis and Debora Shaw (Eds.) Medford, NJ : Information Today, 2011 (in Chapter 2: Foundations of Information Science and Technology).
    • Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation : Handbuch zur Einführung in die Informationswissenschaft und -praxis / Rainer Kuhlen, Wolfgang Semar, Dietmar Strauch (Hrsg.) 6., völlig neu gefasste Ausg. Berlin: De Gruyter Saur, 2013 (In Kapitel A.1 Information – Informationswissenschaft).

Diskussionen um Informationskompetenz

Karsten Schuldt spricht mit seinem Beitrag "Das Unbehagen mit der Informationskompetenz" wichtige Diskussionspunkte zum Verständnis von Informationskompetenz an.

Mit den sich laufend weiterentwickelnden Informationslandschaften müssen bisherige Konzepte und Praxis zur Förderung von Informationskompetenz auch weiterentwickelt werden. Deshalb finde ich solche Diskussionen immer wieder sehr wichtig und erhellend. Die bisherige Popularität des Themas Informationskompetenz im Bibliotheksbereich hat ganz sicher auch mit der historischen Situation von Bibliotheken zu tun. Darum ist ein grundsätzliches Hinterfragen immer wieder wichtig!

Information literacy wurde von einem amerikanischen Kollegen mal als „critical attitude“ beschreiben und auch für mich ist dies ein wesentlicher Kern von Informationskompetenz (IK). Meine eigene, eher theoretisch orientierte Haltung habe ich letztes Jahr im "Handbuch Informationskompetenz" publiziert (als Preprint nun auch Open Access zur Verfügung). Eine kürzliche Rezension des Handbuches von Lars Müller, über die ich mich aus verständlichen Gründen sehr gefreut habe, ist gerade bei Libreas erschienen.

Seit die TU-Bibliothek ihr Discovery-System TUBfind als primären Sucheinstieg nutzt, hat sich der Zugriff auf ihre elektronischen Volltext-Ressourcen erheblich gesteigert! Das Argument, lieber Informationssysteme zu verbessern statt zu viel Aufwand in IK-Aktivitäten zu stecken, ist so alt, wie das Thema IK selbst. Aus meiner Sicht ist beides notwendig. Aber die Frage ist, was genau wird mit IK gemeint (kann auch eine uferlose Diskussion sein, ist halt eine „diskursive Konstruktion“ der Begriff 😎 ) und wie kann man diese (nicht nur die Diskussion, sondern das, was mit information literacy gemeint ist!) sinnvoll fördern. Letzteres ist auch durch Marketing-Massnahmen, durch den Einsatz von Embedded Librarians, durch qualifizierte Beratung an der Information / Auskunft (die leider immer weniger nachgefragt wird), durch eine klaren, strukturierten und nicht überladenen Webauftritt oder z.B. durch interessante Blog-Beiträge, wie es sie von vielen Bibliotheken gibt, möglich.

Ich finde das Thema IK und deren Förderung immer dann fraglich, wenn es als Begründung für ein Überleben von Bibliotheken herhalten muss, wobei oft so getan wird, dass Bibliotheken die einzigen sind, die Informationskompetenz als Themenfeld beackern, was ja mitnichten der Fall ist. Zudem habe ich manchmal den Eindruck, dass man auf bibliothekspolitischer Bühne etwas überzogene Vorstellungen zum Thema hat. Man darf bei welchem Thema auch immer das jeweilige Thema bibliothekspolitisch nicht den jeweiligen Experten überlassen. 😎

Auch anderswo gibt es viele Diskussionen, wie Bibliotheken am besten das (sogar lebenslange) Lernen und Informationskompetenz fördern koennen. Hier ein paar Beispiele:

Warum jonglieren?

Vor mehr als 15 Jahren hatte ich mal im Rahmen eines Urlaubs zusammen mit meinen Söhnen angefangen, Jonglieren zu lernen. Seit drei Jahren, nachdem Jonglieren durch meine Initiative immer wieder eines der Themen des Standes der TU-Bibliothek beim alljährlichen Sommerfest der TUHH war, habe ich mich intensiver damit beschäftigt.

Beim Jonglieren lernt man etwas über das Lernen, wie folgendes Zitat von Claude E. Shannon (1916-2001) betont. Dieser Mathematiker und Ingenieur, Theoretiker der Information und Begründer der technischen Kommunikationstheorie, konstruierte sogar Jonglier-Maschinen!

“The art of juggling in all its many forms is that of learning the appropriate responses to stabilize unstable situations.”

Jonglieren kann aber auch Metapher für den Umgang mit Informationen in unserer modernen Informationsgesellschaft sein! Ja, viele Erfahrungen, die man beim Jonglieren macht, sind beim wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben, insbesondere auch im Management oder gar ganz allgemein in der zwischenmenschlichen Kommunikation nützlich!

Folgendes lernt man beim Jonglieren u.a.:

  • Geduld haben!
  • Loslassen können!
  • Kopf und Körper zusammenspielen lassen!
  • Den Kopf von Überflüssigem befreien!
  • Veränderungen erscheinen schwer und müssen schrittweise erarbeitet werden!
  • Misserfolge (hier besonders Bücken und Aufheben!) gehören zum Lernprozess!

Ansonsten, Jonglieren macht einfach Spass und ist aktive Entspannung!

(Zitat von Shannon aus dem Buch von Axel Roch: Claude E. Shannon: Spielzeug, Leben und die geheime Geschichte seiner Theorie der Information. Berlin: gegenstalt Verlag, 2009. S. 167)