Chemie-Information und Forschungsdaten

Am 10. März 2016 nahm ich die Gelegenheit wahr, am ersten Tag der 15. Scifinder-HBZ Tagung in Hamburg teilzunehmen. Organisiert von Vertretern vom Chemical Abstracts Service (CAS) bot diese Veranstaltung Gelegenheit, sich beim Thema Chemie-Information auf dem Laufenden zu halten, was ich lange nicht mehr gemacht habe. Insgesamt sind mir aber auch recht allgemeine spannende Fragen zur wissenschaftlichen Kommunikation aufgefallen, die angesprochen und diskutiert wurden.

CAS als neben Reaxys von Elsevier immer noch wichtigster Anbieter von Chemie-Information, dessen Hauptangebot als fachbezogene bibliografische Referenz-Datenbank weiterhin als Geschäftsmodell gut zu laufen scheint, verändert aus meiner Sicht von den Nuancen her langsam sein Service-Angebot. Gut jede Firma, die am Markt bestehen bleiben will, ist gut beraten, dies zu machen, insofern ist dies nichts Neues.

Aber bei der Vorstellung des Produktes MethodsNow, das ein Tool zur Recherche nach chemischen Synthese- und Analyse-Methoden darstellt, wurde deutlich, dass dieses Informationsangebot zwar auf der bibliografischen Grundlage von CAS beruht, aber das sogenannte "Full Record" auch die detaillierten Anleitungen für die jeweiligen Methoden enthält. Damit entfällt der bisherige Zwang die jeweiligen Original-Artikel zu konsultieren, die ja oft nur in Zeitschriften verfügbar sind, die genauso hochpreisig sind wie die CAS-Produkte.

Von der Tendenz her werden sich also immer mehr Informationsangebote auf dem Markt nur halten k&oouml;nnen (und dies gilt nicht nur für CAS!), die zusätzlichen Mehrwert bieten, indem sie das Arbeiten erleichtern, denn mit bibliografischen Datenbanken allein wird wohl bald kaum noch Geld zu verdienen sein. Auch wenn im Chemiebereich durch die besonderen fachlichen Recherche-Notwendigkeiten (Suche nach Strukturformeln hier nur als Beispiel!) aber auch durch die besondere Bedeutung für die (Chemie-)Wirtschaft sich das Geschäftsmodell noch halten dürfte. CAS bietet mit der möglichen Integration der Daten des Chemischen Zentralblattes (ChemZent) und der Volltext-Ansicht von Patent-Dokumenten (PatentPak) in SciFinder interessante neuere Produkte, die aber insgesamt die Preise noch höher machen.

In zwei weiteren, externen, also nicht von CAS präsentierten Beiträgen auf der Tagung ging es dann um Forschungsdaten.

  • Nicole Jung vom Karlsruhe Institute of Technology (KIT) stellte das Projekt Chemotion, ein "Repository for molecules and research data" vor. Als Teil dieses Projektes wurde auch ein open-source-basiertes elektronisches Laborbuch (electronical laboratory notebook = ELN) entwickelt, das zusammen mit einem Laborinformationssystem (laboratory information management system = LIMS) durch die Nutzung einer SciFinder API auch mit bibliografischen Daten "versorgt" wird bzw. diese recherchierbar sind. Durch das Repository Chemotion selbst werden dann quasi aus dem Laborbuch heraus „bisher nicht publizierte Daten sichtbar“, welche auch mit einem DOI versehen sind.

    Durch den letzten Punkt entstand dann eine spannende Diskussion zu wesentlichen Fragen des wissenschaftlichen Publizierens. Zunächst wurde klargestellt, dass natürlich Daten nicht automatisch aus dem Laborbuch heraus sichtbar werden, sondern das dies eine explizite Entscheidung darstellt. Betont wurde auch, das letztlich die Veröffentlichung in einem Repository wie Chemotion, und damit die Publikation von Fosrchungsdaten selbst, wirklich eine eigene Publikation darstellt. In der Diskussion wurde für mich implizit sichtbar, dass zur Zeit immer noch mit "Publikation" zumeist Veröffentlichung in einem Peer-review-Journal meint (zumindest in der Chemie?!).

    Die Frage nach der Qualität von Publikation von Forschungsdaten ist hier dann natürlich auch zu diskutieren. Gibt es hier zukünftig eine eigene Form von Peer Review, vielleicht auch in Form von Altmetrics?! Oder erfolgt dieses im Zusammenhang mit einer eventuellen parallelen, klassischen Publikation in einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Aber auch hier werden die Grenzen zwischen Zeitschrift und Datenbank verschwimmen bzw. verschwimmen diese schon. Und die Frage ist hier auch, wie die professionellen Informations-Dienstleister wie CAS mit der Publikation von Forschungsdaten umgehen.

    Nebenbei bermerkt: Gerade erst vor Kurzem wurde im Blog zum Seminar "Wissenschaftliches Arbeiten" an der TU Hamburg ein Beitrag zum Thema "Laborbücher" publiziert, sind diese doch in der Lehre ein schönes Beispiel um Aspekte des digitalen Wandels, der Bedeutung von Forschungsdaten, rechtlicher Frage zu Richtlinien zur sogenannten Guten Laborparxis (GLP), und zum „Beweissicheren elektronischen Laborbuch“, zur wissenschaftlichen Integrität und zur Tradition des "Notizen machens" (note-taking) zu reflektieren.

  • Ein umfassendes "Research Data Respository", das im April diesen Jahres in Produktion gehen wird, präsentierte Angelina Kraft von der Technischen Informationsbibliothek (TIB): RADAR, ein DFG-gefördertes Projekt von der TIB zusammen mit dem FIZ Karlsruhe, dem KIT und anderen Institutionen, dient zur Ablage und Nachnutzung von Forschungsdaten, ist als modulare Software Open Source verfügbar und wirkt als sehr professionelles Angebot hinsichtlich Dienstleistungsmodell, Metadaten, Datensicherheit und Nachhaltigkeit. Ähnlich wie beim Gold Open Access zahlen die einstellenden Autoren bzw. Institutionen neben einer Grundgebühr je nach Datenvolumen und je nachdem, ob nur eine Datenarchivierung oder auch einer Datenpublikation gewünscht ist.

Das Denken ausstellen …

Nein, nicht Ausstellen im Sinne von Abstellen, das machen manche "Vereinfacher" und "Selbstdarsteller" – beides tritt häufig zusammen auf – heutzutage genug. Hier soll es um Ausstellungen des Denkens und zum Nachdenken gehen, besonders um Ausstellungen zur Philosophie, die ich letztes Jahr besuchen konnte.

  • Die eine Ausstellung läuft im Garten der Burg Lenzen, einem Besucher- und Tagungszentrum im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg. Ein Besuch lohnt sich, denn hier ist "Ein naturphilosophischer Spaziergang durch die Jahrhunderte" (Broschüre) im dem die Burg umgebenden "Naturpoesiegarten" möglich. In den Garten integrierte Kunstwerke laden ein zum Nachdenken über die Natur.

    Hier fand ich einen meiner Lieblingsphilosophen, Ernst Bloch, wieder, aber auch alle hier hervorgehobenen Philosophen wie etwa Böhme, Comenius, Leibniz, Kant und Schelling findet man in Bloch Schriften, der immer wieder das Verhältnis zur Natur thematisiert: "Unsere bisherige Technik steht in der Natur wie eine Besatzungsarmee im Feindesland, und vom Landesinneren weiß sie nichts.", ein Kernsatz aus einem Hauptwerk "Prinzip Hoffnung". Dass Bloch auch im Zeitalter der Digitalisierung das Denken anregen kann, beweisen Beiträge im Bloch-Blog.

  • Die zweite Ausstellung ging in eine ganz andere philosophische Richtung. Die Universität Wien bot letztes Jahr im Zusammenhang mit ihrem 650-Jahre-Jubiläum die Ausstellung "Der Wiener Kreis – Exaktes Denken am Rand des Untergangs". Der logische Positivismus ist zwar keine Philosophie, die mir nahesteht, aber durch die Beschäftigung mit Wilhelm Ostwald bewegt man sich auch etwas im Dunstkreis dieses Kreises, der in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts bestand und danach einen großen Einfluss auf die Entwicklung insbesondere der Hauptströmungen der anglo-amerikanischen Philosophie hatte. Im Juni 2015 haben die Macher in der Wochenzeitung "Die Zeit" ihre Ausstellung vorgestellt.

    In den von Ostwald herausgegebenen Annalen der Naturphilosophie wurde 1921 der "Tractatus Logico-Philosophicus" des dem Wiener Kreis nahestehenden Ludwig Wittgenstein erstmals publiziert. Jüngst erschien ein Aufsatz zu Ostwald und Carnap (Dahms, Hans-Joachim (2016): Carnap’s Early Conception of a "System of the Sciences": The Importance of Wilhelm Ostwald. In: Christian Damböck (Hg.): Influences on the Aufbau. Cham: Springer International Publishing, S. 163–185).

    Auch der österreichische Wissenschaftstheoretiker und Arbeiter- und Volksbildner Otto Neurath gehörte zum Wiener Kreis. Neuraths Aktivitäten, wie z.B. seine universale Bildsprache Isotype, haben teilweise bis heute Bedeutung. In der von ihm begründeten Schriftenreihe "International Encyclopedia of Unified Science" publizierte Thomas S. Kuhn 1962 sein einflussreiches Buch "The Structure of Scientific Revolutions", das als Meilenstein ein Nachdenken über die Entstehung von Wissen innnerhalb von Wissenschaftsgeschichte und -theorie anregte.

    Faszinierend an der Ausstellung waren die vielfältigen Kontexte und Netzwerke zu ganz unterschiedlichsten Strömungen und Menschen der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. So unterschiedliche Menschen wie Ingeborg Bachmann, Berthold Brecht, Paul Feyerabend, Lászlo Moholy-Nagy, Robert Musil, Karl Popper, Edgar Zilsel u.a. standen in einer Beziehung zum Wiener Kreis.

  • Beim netzbasierten "Nachdenken" 😎 über das Thema dieses Blog-Beitrags bin ich noch auf die faszinierende Ausstellung des französischen Philosophen Jean-François Lyotard "Les Immatériaux" gestoßen, die z.B. von Antonia Wunderlich in ihrem Buch genau beschrieben wird. Die Meson Press der Leuphana Universität Lüneburg hat dazu aktuell einen Open Access zugänglichen Sammelband vorgelegt.

Übrigens auch die Universitätsbibliothek der Technischen Universität Hamburg (TUHH) hat im Rahmen der Nacht des Wissens im letzten Jahr eine Poster-Ausstellung veranstaltet, die zum Nachdenken anregen sollte. Das Thema war Offenheit und damit zusammenhängende Aspekte. Dabei war auch ein Plakat und ein paar Vitrinen "Zur Geschichte der Offenheit von Wissen".

Das Denken kann ja eigentlich auch in Medien wie Büchern oder solchen Blogs wie diesen hier ausgestellt werden. Letztlich kann man Menschen auch via Twitter beim Denken zuschauen. Bei mir z.B. wandern manche Tweets eventuell mal in einen Blog-Beitrag und vom Blog vielleicht auch in eine "richtige" 😎 Publikation.

Das Denken beobachten lässt sich auch auf der Website Edge, auf der John Brockman Wissenschaftlern jährlich eine spannende Frage stellt, die dann vielfältig beantwortet wird. Die Frage von 2015 lautete "What do you think about machines that think?", 2016 soll die Frage "What do you consider the most interesting recent [scientific] news? What makes it important?" beantwortet werden.

Auf deutsch sind gerade die Antworten der Frage von 2014 erschienen: "What scientific idea is ready for retirement?" (Welche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand? /hrsg. von John Brockman. Fischer, 2016. Titel der englischen Buchausgabe: This idea must die. Scientific theories that are blocking progress.)

Mit dabei bei den Antworten sind solche, die auf recht populäre Weise eine Reflexion gerade zum Wesen der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Methode in Gang setzen, u.a.:

  • Einfachheit (Simplicity – A. C. Grayling)
  • Ursache und Wirkung (Cause and Effect – W. Daniel Hillis)
  • Wissenschaft macht Philosophie überflüssig (Science Makes Philosophy Obsolete – Rebecca Newberger Goldstein)
  • "Wissenschaft" („Science“ – Ian Bogost)
  • Unsere enge Definition von Wissenschaft (Our Narrow Definition of „Science“ – Sam Harris)
  • Informationsüberlastung (Information Overload – Jay Rosen)
  • Die Wissenschaft korrigiert sich selbst (Science Is Self-Correcting – Alex Holcombe)
  • Wissenschaftliche Erkenntnis als "Literatur" strukturiert (Scientific Knowledge Should Be Structured as „Literature“ – Brian Christian)
  • Die Art und Weise, wie wir Wissenschaft produzieren und fördern (The Way We Produce And Advance Science – Kathryn Clancy)
  • Nur Wissenschaftler können Wissenschaft betreiben (Only "Scientists" Can Do Science – Kate Mills)
  • Die wissenschaftliche Methode (The Scientific Method – Melanie Swan)
  • Reproduzierbarkeit (Reproducibility – Victoria Stodden)
  • Gewissenheit. Absolute Wahrheit. Genauigkeit (Certainty. Absolute Truth. Exactitude – Richard Saul Wurman)
  • Die Illusion wissenschaftlichen Fortschritts (The Illusion of Scientific Progress – Paul Saffo)