"Informationskompetenzvermittlung ist ein …

… Oxymoron", meint Karsten Schuldt in seinem lesenwerten Beitrag "Zum Kompetenzbegriff von Bibliotheken" in seinem Blog "Bibliotheken als Bildungseinrichtungen", der seine gleichnamige Promotion begleitet hat.

Karsten Schuldt hat übrigens in dem im letzten Jahr erschienenen, im Volltext frei verfügbaren Handbuch Bibliothek 2.0 den Beitrag "Openness: Die Bibliothek als demokratische und demokratiefördernde Einrichtung im Internetzeitalter" publiziert, in dem es im Teil "Lernort und Vorbildfunktion" der Bibliothek (S. 30-31) heisst:

Gleichzeitig kann und muss eine Bibliothek, die als Lernort für eine an Openness orientierte Mediennutzung und Kommunikation gelten will, eine Vorbildfunktion einnehmen. Folgt sie diesem Leitbild, ist es notwendig, dass das Personal der jeweiligen Bibliothek beim Umgang mit dem Web 2.0 kompetent ist, dessen Vorteile und Grenzen in der eigenen Arbeit kennen lernt und an andere vermitteln kann. Zudem sollte das Personal in der Lage sein, diejenigen, welche mit dem Web 2.0 alltäglich umgehen, verstehen zu können: deren Motivation, deren Vorstellungen von einem guten Leben und deren Unverständnis, wenn es darum geht, Medien und Kommunikationsmittel in neu oder herkömmlich zu unterteilen und nicht als Medienvielfalt zu begreifen. Nur wenn eine Bibliothek vermitteln kann, dass sie selber eine kompetente Einrichtung ist, welche im Rahmen ihrer Möglichkeiten den Grundgedanken der Openness folgt, kann sie die nötige Vorbildfunktion erlangen, welche notwendig ist, um als Lernort anerkannt zu werden.

Noch mehr Bücher aus der deutschen Informationsgeschichte, zum "Vater des Hypertexts" und zum Diener

Ebenfalls vor kurzem erschienen ist die deutsche Übersetzung von Michael Bucklands Biografie über Emanuel Goldberg:

Michael Buckland: Vom Mikrofilm zur Wissensmaschine. Emanuel Goldberg zwischen Medientechnik und Politik. Berlin: Avinus, 2010.

Aus der Verlags-Präsentation:

Emanuel Goldberg war Chemiker, Ingenieur und Gründer von Zeiss Ikon. Er beeinflusste maßgeblich die Bildtechnologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. […] 1925 be­reits entwickelte er ein Gerät, das das Suchen, Auffinden und Anzeigen von beliebig vielen Dokumenten möglich machte. In dieser Statistischen Maschine, wie er sie nannte, kamen verschiedenste Technologien auf kreative Art und Weise zusammen: Mikrofilm für das Speichern von Dokumenten; Lochkarten für die Spezifikation der Suchanfragen; Elektronik für das Erkennen von Codie­rungsmustern; Optik; Kinematographie für die beweglichen Teile; und Telefoni­e für die Dateneingabe.

Markus Krajewski hat zum Buch in der Frankfurter Allgemeinen vom 30.12.2010 eine Rezension mit dem Titel "Vater des Hypertexts" veröffentlicht, in der er betont, dass

Emanuel Goldberg und nicht Vannevar Bush als der geistige Vater und auch als erster Konstrukteur einer Dokumentverschaltungs- und Suchmaschine wie der „Memex“ gelten muss. Bereits 1925 präsentiert Goldberg eine bahnbrechende Methode zur Mikrophotographie von Schriftstücken und Bildern, eine Technik, deren Bedeutung Bush immer wieder hervorhob.

Markus Krajewski selbst, Autor von Büchern wie "Zettelwirtschaft" und "Restlosigkeit", hat übrigens vor Kurzem auch ein neues Buch im Bereich der Mediengeschichte veröffentlicht:

Markus Krajewski: Der Diener : Mediengeschichte einer Figur zwischen König und Klient. Frankfurt am Main : Fischer, 2010.

Vom Servant zum Server: Markus Krajewskis Mediengeschichte „Der Diener“ fragt höflich nach, wer eigentlich wen beherrscht. […] Die Nähe von Servant und Server, von klassischem Diener und digitaler Dienstleistungsmaschine, sei keineswegs zufällig, schreibt Markus Krajewski in seiner 700-seitigen, im besten, höfischen Sinne des Wortes raffinierten Mediengeschichte des Dieners.

heisst es in einer Rezension in der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Ausgabe 1, 2011) zu Krajewskis Buch.

Neues Buch zur „information history“

Ende des Jahres ist ein von der Britin Toni Weller herausgegebenes Buch mit Aufsätzen zur Informationsgeschichte erschienen:

Information History in the Modern World : Histories of the Information Age / Edited by Toni Weller. Palgrave Macmillan, 2011.

Auf der Verlagswebsite zum Buch steht das Einführungskapitel als pdf zum Download bereit. Für den Hinweis auf dieses Buch danke ich Boyd Rayward, der auch ein Kapitel beigesteuert hat:

  • Personal Identification as Information Flows in England, 1500–2000. Edward Higgs
  • Information for the Public: Information Infrastructure in the Republic of Letters. W. Boyd Rayward
  • Designing and Gathering Information: Perspectives on Nineteenth-Century Forms. Paul Stiff, Paul Dobraszczyk and Mike Esbester
  • Broadside Ballads, Almanacs and the Illustrated News: Genres and Rhetoric in the Communication of Information in Denmark 1800–1925. Laura Skouvig
  • ‘A Valuable Handbook of Information’: The Staff Magazine in the First Half of the Twentieth Century as a Means of Information Management. Alistair Black
  • Modelling Recent Information History: The ‘Banditry’ of the Lord’s Resistance Army in Uganda. Paul Sturges
  • Rewriting History: The Information Age and the Knowable Past. Luke Tredinnick
  • Conclusion: Information History in the Modern World . Toni Weller

Besonders gespannt bin ich auf das vorletzte Kapitel von Luke Tredinnick.

Digitale Informationskultur und Informationskompetenz

… mit dem Untertitel "Überlegungen zu einem sich wandelnden Konzept", so lautet der Titel meines zum Themablock "Konzepte und Strategien im Wandel" eingereichten Vortrags für den Bibliothekartag 2011. Leider wurde er "auf Grund der Fülle der eingereichten Vorschläge" nicht angenommen. Hier ist mein Abstract:

Ausgehend von einer französischen Übersetzung von "information literacy" als "culture de l´information" wird die Fruchtbarkeit des Kulturbegriffs für den Informationsbereich reflektiert und der Begriff "Informationskultur" als Weiterentwicklung dessen vorgeschlagen, was bisher Informationskompetenz genannt wird. Oft wird Informationskompetenz nur als eine Liste von Fähigkeiten und Fertigkeiten beschrieben. Ganzheitliche Sichtweisen zu „information literacy“ verstehen Informationskompetenz als Meta-Kompetenz (multi-, trans- oder second-order literacy), als eine Form des (lebenslangen) Lernens und sehen diese als Komplex unterschiedlicher Formen, um mit Information umzugehen. Sie betonen die Bedeutung für die sozio-kulturelle Praxis, in der Kontext und persönliche Relevanz entscheidend sind. Mit einem Perspektivwechsel von Informationskompetenz zu Informationskultur nehmen Bibliotheken die Vielfalt neuer, digitaler Kompetenzen, die alle etwas mit Lernen und Informationskompetenz zu tun haben, auf.

Im Rahmen eines kulturellen Verständnisses von Information(skompetenz) kommen Fragen von Authentizität, Gedächtnis und Überlieferung, Gemeinschaft, Identität (auch im Rahmen einer Fach-"Kultur"), Kreativität, Macht oder Vielfalt (im Gegensatz zur Google-"Monokultur") in den Blick, die gerade die moderne Informations- und Kommunikationsgesellschaft prägen. Ein kultureller Blick auf den Wandel des Begriffes Informationskompetenz berücksichtigt das Verhältnis von Informationskompetenz und Wissensmanagement und damit das Thema Informationskompetenz am Arbeitsplatz. Eine kritische Haltung zur uns umgebenden Informationswelt, verbunden mit einem Hintergrund-Wissen über die Entstehung, Arbeitsweise und gesellschaftlich-sozialen Herausforderungen moderner Informations- und Kommunikationsmittel, kann als die wesentliche Essenz aller Bemühungen um Informationskompetenz, Medienkompetenz, digitaler Kompetenz, Informationskultur – wie man es auch immer nennen will – gesehen werden.

Wohl doch alles etwas zu theoretisch und/oder zu kritisch. 😎 Wahrscheinlich wäre ein Vortrag über die langjährige, erfolgreiche Beteiligung der TUHH-Bibliothek am Kinderforscher-Projekt der TU Hamburg-Harburg als Vorschlag erfolgreicher gewesen. Die Vortragsanmeldung sollte für mich äusseren Zwang erzeugen, um meine Gedanken zum Wandel von Informationskompetenz mal systematischer und gründlicher darzustellen, als es bisher in manchen Beiträgen dieses Blogs erfolgte. Nun muss ich doch versuchen, intrinsische Motivation aufzubauen! 😎