Masterarbeit Informationskompetenz-Förderung in der Chemie

Iris Reimann: Erhöhung der Attraktivität einer naturwissenschaftlichen Bibliothek durch die fachspezifische Vermittlung von Informationskompetenz als Chance zur Verbesserung ihrer Akzeptanz innerhalb der Hochschule

von Iris Reimann

Berlin : Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, 2006. (Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft ; 182)

Abstract

Wissenschaftliche Zweigbibliotheken verlieren zunehmend u. a. aufgrund der wachsenden digitalen Verfügbarkeit von Informationen an Attraktivität bei ihren Nutzern. Die vorliegende Arbeit zeigt Möglichkeiten auf, die einer naturwissenschaftlichen Zweigbibliothek helfen können, ihren Platz in der Hochschule neu zu bestimmen und sich im hochschulinternen Umfeld zu behaupten. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Vermittlung von Informationskompetenz. Es wird die Ausgangssituation an der Hochschule beschrieben. Dazu werden die Ergebnisse repräsentativer Studien durch eine eigene Umfrage ergänzt. Anschließend werden die Aspekte ausführlich diskutiert, die für die Organisation und Durchführung von Veranstaltungen zur Vermittlung von Informationskompetenz zu beachten sind. Abschließend wird ein konkretes Konzept zur Vermittlung von Informationskompetenz für Studierende und Graduierte der Chemie beispielhaft skizziert.

Fachbezogene Informationskompetenz in der Chemie

Fachbezogene Informationskompetenz ist eine wichtige Ergänzung allgemeiner Informationskompetenz, hier ein Beispiel aus der Chemie!

Das Ad Hoc Committee on Information Literacy der Special Libraries Association Chemistry Division hat Richtlinien zur Informationskompetenz entwickelt:
Information Competencies for Chemistry Undergraduates : the elements of information literacy

Obwohl stark objektbezogen zeigen diese Richtlinien einerseits die Notwendigkeit fachlicher Bezüge andererseits auch die Existenz einer fachlichen "Kultur".

Kulturelle Kompetenz als Schlüsselkompetenz umfasst nicht nur das Kennenlernen fremder (Landes-)Kulturen und Sprachen, sondern auch ein vernetztes, interdisziplinär orientiertes Verstehen der Kulturen des eigenen Faches sowie fremder Fächer. So hat Informationskompetenz sicherlich auch eine große Bedeutung für so etwas wie "interdisziplinäre Kompetenz". Studierende begreifen sich so als Teil einer fachlichen Diskussions- und Diskurs-Gemeinschaft mit eigenen kulturellen und sozialen Strukturen, die ein gemeinsames Vokabular und eine typische Informationspraxis teilt.

3. Kongress für Information und Bibliothek in Leipzig

Ein paar Eindrücke vom Bibliothekskongress in Leipzig zum Bereich Informationskompetenz:

  • Der Bologna-Prozess führt weiterhin zu vielfältigen Aktivitäten im Bereich Informationskompetenz (IK). Dabei ist neben eigenständigen, teilweise sogar Pflicht-Veranstaltungen von Bibliotheken (z.B. in Konstanz oder Regensburg) die möglichst gestufte Integration von IK-Modulen in verschiedenste Lehrveranstaltungen nicht zu übersehen (z.B. in Bielefeld). "Türöffner" für solche Angebote innerhalb der Universitäten sind Hartnäckigkeit und Präsenz sowie die Bedarfsgerechtigkeit des Angebotes, aber z.B. auch das Thema Plagiate (Silvia Herb Bielefeld).
  • Die Website informationskompetenz.de ist neu gestaltet und wird redaktionell nun von der UB München betreut. Schön, dass die Domain, die ich 2005 an die ULB Bonn weitergegeben hatte, weiterhin die deutschen Aktivitäten zur IK repräsentiert. Unter anderem ist nun auch die AGIK des Gemeinsamen Bibliotheksverbundes (GBV) vertreten! Neu auf informationskompetenz.de ist u.a. der Vorschlag für eine Veranstaltungsstatistik sowie ein Link auf ein neu erstelltes Online-Tutorial zur IK-Förderung aus Nordrhein-Westfalen. Dieses minimalistische, aber sehr nützlich erscheinende "Tutorial" stellt eher eine inhaltliche Zusammenfassung des Bereiches "bibliothekarischer Informationskompetenz" dar. Als inhaltlicher Leitfaden kann und soll das Tutorial als Basis für begleitende Fallbeispiele, Visualisierungen und Animationen sowie interaktive Elemente dienen (Renate Vogt, UB Bonn).
  • Der Begriff "bibliothekarische Informationskompetenz" fiel z.B. in der Session Bologna@Fachreferat und könnte sicher viele Diskussionen anregen: Welche anderen Informationskompetenzen gibt es oder gibt es nur eine, die in Deutschland bisher viel zu viel von BibliothekarInnen geprägt wurde? Auch für die Kunden ist oft nicht klar, was Informationskompetenz eigentlich ist! Dies und ihre Bedeutung für das wissenschaftliche Arbeiten sollte durchaus mit den Kunden diskutiert werden – was im Beitrag von Naoka Iki aus Regensburg kurz durchschimmerte!
  • Das Thema Web 2.0 tauchte bei den Veranstaltungen zur Informationskompetenz so gut wie gar nicht auf. Dessen Einfluss auf Informationskompetenz kann aber gar nicht als zu groß angesehen werden! Im Veranstaltungsblog (gab’s leider nicht!) -block Bibliotheken und Soziale Software kam der beste Beitrag von Edlef Stabenau zum Thema Fachblogs (sowie Weblogs und RSS allgemein). In seiner Präsentation praktizierte Edlef gleichzeitig eine schöne Alternative zu Powerpoint!
  • Das Thema E-Learning in Bibliotheken wurde hauptsächlich als Weg der Förderung von Informationskompetenz diskutiert. Dass das Thema E-learning und Bibliotheken auch eine viel weitergehende sogar strategische Rolle spielt, wurde nur am Rande erwähnt. Wichtig in diesem Veranstaltungsblock war, dass hier die Frage der Bewertung und der Wirkung von IK-Aktivitäten für den Lernerfolg gestellt wurde (Annette Klein, Mannheim), sicher ein sehr schwieriges Thema! Auch die schönen eTutorials bzw. VideoCasts der UB München müssen hier erwähnt werden!
  • Die strategische Komponente, die den Themen Informationskompetenz und E-Learning für Universitätsbibliotheken innewohnt, wurde deutlich im Block "Lern(w)ort Bibliothek" der Fachhochschulbibliotheken, die sehr pragmatisch orientiert nahe am Kunden eine groß Palette zur Förderung von Informationskompetenz anbieten (Übrigens ist der Terminus Förderung besser als der Terminus Vermittlung: Kompetenzen kann man eigentlich nicht vermitteln, sondern nur fördern!), z.B. in Zwickau (Jürgen Manthey) oder in Bielefeld (Antje Kellersohn), wo die Bibliothek mit easy learning die Lernplattform der Hochschule betreut. Brigitte Nottebohm von der Fachhochschule Frankfurt zeigte in ihrem Vortrag, begleitet von die Aufmerksamkeit weckenden Einlagen, wie auch unkonventionelle Aktivitäten helfen, die Bibliothek als Teil des Netzwerkes an einer Hochschule zu etablieren. Eher konventionell dabei der Frankfurter biblio.scout, wohl im Rahmen einer Diplomarbeit entstanden.
  • Zum Schluss soll der Hauptgrund für meine Anwesenheit in Leipzig nicht fehlen: die Beteiligung an der Standbetreuung zum BMBF-Projekt BibTutor.
    Dieses kontextsensitive Assistenz- und Tutorsystem BibTutor ist ein Serviceangebot, bei dem der Nutzer bei der Recherche in Katalogen und Datenbanken am "Point of need" Beratung abfordern kann, als eine Form von "Just-in-time-E-Learning". Ein Angebot alternative Suchbegriffe weist Recherchierende auf die Problematik der Auswahl von Suchbegriffen hin. Direkte Links aus der konkreten Recherchesituation heraus führen unmittelbar zu entsprechenden Seiten mit weiterführenden Informationen in BibTutor, aber auch zu externen Angeboten wie DISCUS oder LOTSE.

Förderung von Informationskompetenz mit Werkzeugen des Web 2.0

Hier einige Beispiele der Nutzung von Werkzeugen des Web 2.0 für die Förderung von Informationskompetenz:

Verbesserung der Lehre an den Hochschulen

In der Wochenzeitung Zeit, Nr. 6 vom 1.2.2007, S. 39, wurde berichtet, dass die Lehre an den Hochschulen stärker in den Vordergrund kommt und sich der Wissenschaftsrat für eine stärkere Ausrichtung der Lehrenden auf die Bedürfnisse der Studierenden engagiert: Kasten „Mehr Lehrer, weniger Forscher : Neuer Typ gefragt“ (Jan-Martin Wiarda). Gleichzeitig gab es ein Interview mit Jürgen Zöllner, Berliner Bildungssenator, und Ulrich Herbert, Mitglied des Wissenschaftsrates, unter der Überschrift „Auch die Lehre soll sich lohnen“.

Dazu folgendes aus einem von mir verfassten, aber leider nicht abgedruckten Leserbrief zum Thema:

Die Beiträge zur unstreitbar notwendigen, verstärkten Schwerpunktsetzung im Bereich der Lehre an den deutschen Hochschulen suggerieren – auch durch das zugehörige Foto – das Verbesserung der Lehre hauptsächlich bedeutet, mehr brilliante Redner, die – perfekt mit Powerpoint umgehend – weiterhin ihre Vorlesungen halten, seien die Lösung, um die Qualität der Lehre in der modernen Massenuniversität zu verbessern.

Verbesserung der Lehre umfasst aber auch das Nachdenken darüber, was in der modernen Informationsgesellschaft gute Lehre eigentlich ist bzw. wie das Lernen der Studierenden, um die es ja eigentlich geht, besser unterstützt werden kann. Hier sind u.a. folgende Punkte zu berücksichtigen:

  1. Ein Perspektivwechsel der Sicht auf Lehrende und Studierende bzw. Lernende ist notwendig. Lehrende moderieren und ermöglichen Lern-Erfahrungen ihrer Studierenden. Studierende sind eher als Mit-Produzenten denn als Kunden der Universitäten aufzufassen, wie es der Präsident der Universität Lüneburg Sascha Spoun einmal in einem Vortrag ausdrückte.
  2. In diesem Sinne umfasst gute Lehre mehr projektorientierte Anteile, in denen nicht nur Fachwissen, sondern auch für die zukünftige Arbeitswelt notwendige Schlüsselkompetenzen benötigt werden. Eine wichtige Schlüsselkompetenz ist z.B. Informationskompetenz, nicht nur verstanden als Methodenkompetenz zur besseren Nutzung der Vielfalt der Informationswelt im Sinne der Kenntnis von Recherche- und Navigationsstrategien, sondern auch als Reflexionskompetenz z.B. zu Fragen des Geistigen Eigentums oder zu Problemen von Datenschutz und Privatsphäre („privacy“) in der Welt des Web 2.0 und sozialer Software. An wieviel deutschen Universitäten ist Letzteres curricular verankerter Teil der Lehre?
  3. Ein verstärkter, didaktisch motivierter Einsatz moderner Technologien ist ein Weg, mehr als nur einen Lerntyp – wie in einer Vorlesung – bei den Studierenden zu erreichen. Sinnvolle Beispiele sind etwa gute Podcasts (siehe den kurzen Beitrag Lernen 2.0 von Julian Hans in Zeit, Nr. 5, 25. Januar 2007), sicher aber nicht die aus der anfänglichen Euphorie beim E-Learning entstandenen Ideen gute Vorlesungen als Video aufzunehmen und an anderen Hochschulen „abzuspielen“.

Ich wünschte mir von der „Zeit“ in der Zukunft mehr Beiträge, die Beispiele für positives Lehren und Lernen an deutschen Universitäten aufzeigen. Ein Beispiel für den Schulbereich war z.B. der ermutigende Artikel „Eine Klasse für sich“ über die fünf mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichneten Schulen (Reinhard Kahl, Zeit, Nr. 51, vom 14.12.2006). Der zur Zeit zu beobachtenden Aufschwung der Hochschuldidaktik sollte derartige positiven Beispiele auch im Hochschulbereich, die es zweifellos auch schon jetzt gibt, vermehren.