Nachdenken über Aufklärung

Relativ zufällig besuchte ich am 30. Januar einen Vortrag von Manfred Geier über das Thema "Anleitung zum Selbstdenken. Über Aufklärung in hochschulpädagogischer Hinsicht" im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung, die Teil eines Symposiums „Studium Generale – Netzwerk Nord“ an der Leuphana Universität Lüneburg war. Das "Studium Generale – Netzwerk Nord" ist ein Forum für den Informations- und Erfahrungsaustausch, an dem auch die TU Hamburg-Harburg beteiligt ist. Ziel des Netzwerks Nord ist die Förderung fachübergreifender Studienangebote. Es hat sogar ein eigenes Leitbild zum "Studium Generale" entwickelt.

Der anregende Vortrag von Manfred Geier bot eine Übersicht zur Geschichte der Aufklärung, bei der besonders John Locke, Immanuel Kant, Johann Georg Hamann und Wilhelm von Humboldt berücksichtigt wurden.

Kernpunkt der Ausführungen war die Bewusstmachung einer Dialektik der Aufklärung im Sinne des Spannungsverhältnisses zwischen Anleitung und Lernen bzw. zwischen Anleitung zum Denken und Selbstdenken, letztendlich zwischen einem wie immer gearteten Zwang und der individuellen Freiheit.

Im Rahmen der abschliessenden Diskussion wurde die Frage nach der heutigen Stoßrichtung von Aufklärung im Sinne von Emanzipation gestellt. Angesichts der modernen Situation sei zumindest in den Industrieländern Freiheit eher nicht das Thema und massenhaft Wissen über die neuen Medien vorhanden, so dass heutzutage eher Konzentration, Selektivität und Bewertung notwendig sind. Hier war man dann ganz nah beim Thema Medien- und Informationskompetenz im Sinne der Aufklärung, über deren Stellenwert in diesem Zusammenhang man sicher nochmals gründlich nachdenken muss.

Daran anknüpfend wäre es für mich an dieser Stelle auch reizvoll gewesen, die andere "Dialektik der Aufklärung", die von Theodor Adorno und Max Horkheimer, in die Überlegungen mit einzubeziehen.

Und noch ein Aspekt, der mir aufgefallen ist: Man sollte die Aufklärung auch als Teil eines spezifisch europäischen Denkens ansehen und dies in Beziehung setzen zum Denken in anderen Kulturen. Gerade für die heutige Welt ist dies ein wichtiges Thema, das aber noch wichtiger werden wird.

Fachübergreifendes Lernen im Studium Generale sollte daher neben fachkulturen-übergreifenden Aspekten auch kulturenübergreifendes Denken, Reflexion über Interkulturalität als Teil des Studium Generale ansehen. Interkulturelle Kompetenzen, die ja viel gefordert werden, würden sicher auch das Leitbild zum Studium Generale explizit sehr gut ergänzen.

Neue englischsprachige Artikel zur Informationskompetenz

"Human IT", Zeitschrift des schwedischen ITH, Centre for Information Technology Studies as a Human Science and Center for Collaborative Innovation at the University College of Borås, bringt ein Sonderheft zu Information Literacy. Neben der Einleitung erscheint mir besonders dieser Aufsatz interessant:

Dieser fesselnde Vergleich dreier theoretischer Ansätze zur Information Literacy und deren praktische Auswirkungen macht deutlich, dass es Sinn macht, den Begriff eher im Plural, Information Literacies, zu nutzen.

Beim neuesten Heft der Zeitschrift "Communications in Information Literacy" interessieren mich folgende Aufsätze, der erste eher praktisch orientiert, der andere wieder theoretischer:

Zuletzt noch ein Hinweis auf die neueste Ausgabe des "Journal of Information Literacy (JIL)", der Zeitschrift der britischen CILIP Information Literacy Group u.a. mit diesen Beiträgen:

Das Nachdenken über die Auswirkungen mobiler technische Anwendungen wie Smartphones und TouchPads auf das Thema Informationskompetenz hat erst begonnen.

Von der Kunst zur Wissenschaft – eine neue Dissertation über Wilhelm Ostwald

"Von der Kunst zur Wissenschaft und zurück : Farbenlehre und Ästhetik bei Wilhelm Ostwald (1853 – 1932)" ist der Titel einer umfangreichen aber auch inhaltsschweren Dissertation an der Universität Halle von Albrecht Pohlmann aus dem Jahre 2010.

Auch wer sich nicht für Ostwalds Farbenlehre interessiert, findet neben einer Einordnung von Ostwalds Brücke-Aktivitäten im Kapitel "4. 2. 2 Weltmedien: Ostwalds Organisations- und Normungsvorhaben" auch so medienhistorisch interessante Kapitel wie "8.3. Das vervielfältigte Bild" mit dem Unterkapitel "8. 3. 2 Reproduktion, Vervielfältigung, Massenkunst" sowie "8. 4. Praxis der ‚technischen Reproduzierbarkeit’" mit Unterkapiteln "8. 4. 1 Katatypie und Ionographisches Pausverfahren" und zur Fotografie oder "8. 5 Die Zeitlichtkunst: Eine medientechnische Idee".

Zusammenfassung:

"Der 1909 mit dem Nobelpreis für Chemie geehrte Wilhelm Ostwald (1853-1932) gehört zu den Naturwissenschaftlern, welche sich den Grundlagen der visuellen Gestaltung widmeten. Die Dissertation stellt erstmals umfassend die Genese seiner Farbenlehre im naturwissenschaftlichen, kunstpolitischen, kunstgeschichtlichen und ästhetischen Kontext ihrer Zeit dar. Seit 1903 widmete er sich der Maltechnik, um schließlich 1914 im Auftrag des Deutschen Werkbundes einen Farbenatlas zu erarbeiten. Sein Ziel war es, angesichts der verwirrend großen Zahl neuer Farbmittel eine verbindliche Farbenordnung als Verständigungsmittel für Künstler, Gestalter und Architekten zu schaffen. Dafür entwickelte er eine neue Theorie der Körperfarben auf der Grundlage der Vierfarben-Theorie von Ewald Hering, welche es ermöglichte, Farben auf eine einfache Art und Weise zu messen. Zugleich leitete er aus den Ordnungsprinzipien seines Farbsystems (ein Farbkörper in Form eines Doppelkegels) eine Farbenharmonielehre ab. Nach dem Ersten Weltkrieg stieß er damit auf den Protest besonders der expressionistischen Künstler. Interesse fand seine Lehre dagegen bei Konstruktivisten und Funktionalisten, so bei der niederländischen „De-Stijl“-Gruppe, der russischen Avantgarde und am Bauhaus, wo Ostwald 1927 auf Einladung von Walter Gropius lehrte. Hauptziel seiner kunsttechnologischen Forschungen war es, im Zeitalter der zweiten wissenschaftlich-technischen Revolution eine universelle Grammatik der Bildmedien zu schaffen. Daher rührte auch sein Interesse an der Fotografie, am abstrakten Film und an Bildübertragungs-Verfahren. Die Reproduzierbarkeit von Kunstwerken erschien ihm als Gebot einer demokratischen Gesellschaft. Seine praktischen kunsttechnologischen Versuche waren in eine umfassende Kunst- und Medientheorie eingebettet, die Ostwald auf der Grundlage seiner "Energetik" (1891) und seiner positivistischen "Naturphilosophie" (1902) entwickelt hatte."

Zur Geschichte der Globalisierung von Wissen

Das Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte hat 2012 einen von Jürgen Renn herausgegebenen Band mit dem Titel "The Globalization of Knowledge" veröffentlicht, dessen Beiträge auch auf einem Workshop aus dem Jahre 2007 beruhen. Das Werk ist Teil der "Edition Open Access" der "Max Planck Research Library for the History and Development of Knowledge".

Vorbildlicherweise steht die Publikation also Open Access zur Verfügung. Angeboten wird neben einer HTML-Version auch eine Version im PDF- sowie im epub-Format für eBook-Reader. Eine gedruckte Version via Publishing on Demand ist möglich. So sollten moderne elektronische Publikationen aussehen, sofern sie sich wie dieses Werk noch am herkömmlichen Buch orientieren!

Aber auch inhaltlich ist diese Buch eine Fundgrube. Vielleicht liegt es aber auch nur an meinem Hobby als Wissenschaftshistoriker, dass mich die Einlassungen auf die umfassende Entwicklung von Wissen im Laufe der Jahrhunderte so ansprechen. Insgesamt ist das Werk natürlich von kaum jemandem komplett durchzulesen angesichts des Umfangs. Aber auch die philosophisch bzw. wissenschafts- und erkenntnistheoretisch orientierten Teile sind eine genauere Lektüre wert.

Wissen wird hier verstanden …

"… as the capacity of an individual, a group, or a society to solve problems and to mentally anticipate the necessary actions. Knowledge is, in short, a problem-solving potential. Knowledge is often conceived (especially in disciplines such as psychology, philosophy and the cognitive sciences) as something mainly mental and private. But from the historical and social viewpoint, it is necessary to consider knowledge as something that moves from one person to another: something that may be shared by members of a profession, a social class, a geographic region or even an entire civilization." (S. 20)

Die Weitergabe von Wissen über die Zeit umfasst komplexe, vielfältig verwobene Prozesse, die von vielen Faktoren abhängig sind. Beim Browsen durch dieses Werk bekommt man davon eine Ahnung, wobei der Zeitrahmen der Beiträge umfassend ist und dabei viele Fachgebiete angesprochen werden.

Besonders interessant sind für mich noch zwei Entdeckungen in diesem Buch:

New roles for new times

Die amerikanische Association of Research Libraries (ARL) hat im Dezember in der Reihe "New roles for new times" einen Report "Research Library Services for Graduate Students", geschrieben von Lucinda Covert-Vail und Scott Collard, herausgebracht.

Er fasst relativ knapp für mich nochmals die Herausforderungsbereiche moderner Bibliotheksentwicklung zusammen:

  • Dienstleistungen zielgruppengerecht segmentieren,
  • neue physische (und mentale 😎 – hier wäre das neu gegründete Open Science Lab der TIB Hannover ein Beispiel!) Räume schaffen bzw. für vorhandene Räume neue Möglichkeiten ausprobieren,
  • neue Partnerschaften eingehen
    (bzw. alte wiederaufleben lassen – meinem Empfinden nach fehlt es auf dem Universitätscampus oft an einer Koordination zu Themenbereichen, die diverse Dienstleistungsbereiche wie Bibliothek, Rechenzentrum, Studierenden-Service, Didaktisches Zentrum usw. betreffen) und
  • Organisationsstrukturen (behutsam!) verändern bzw. anpassen.

Besonders interessant finde ich hinsichtlich des ersten obigen Punktes die Orientierung von Services am akademischen Life-Cycle:

  • Reader and learner—trying to become acquainted with a field and its literature
  • Teacher or “becoming teacher”—learning to apply pedagogy to deliver course content
  • Researcher—collecting data in field sites or through available resources
  • Analyzer and synthesizer—processing and analyzing data collected
  • Writer—learning how to stay motivated, finding the space and mutual support from others
  • Proto-author—orienting towards publishing, copyright, and scholarly communications
  • Archiver—depositing data or final products into library (or other) repositories
  • Job hunter—taking the next academic or professional step

(S. 9-10)

Daeumlinge, Partisanen und Sammler

Dies sind wir doch alle irgendwie! 😎

Däumlinge ist die Übersetzung des Titel eines neuen Buches des französischen Philosophen und Wissenschaftshistorikers Michel Serres, das es leider nur auf Französisch gibt und dass ich gern mal lesen würde. Mal schauen, wann und ob es auf Deutsch herauskommt. "Petite Poucette" (Éditions Le Pommier 2012) sind für Serres diejenigen, die mit den Daumen ihr Mobiltelfon bedienen und damit aus seiner Sicht die Welt verändern! Zwei der wenigen deutschen Beiträge zum Buch sind von Silke Bartel und Jürgen Kuri, der auf einen FAZ-Beitrag vom Mai letzten Jahres über Serres hinweist.

"Der Leser als Partisan" heisst der frei verfügbare Aufsatz von Philipp Felsch im aktuellen Themenheft "Droge Theorie" der Zeitschrift für Ideengeschichte. Hier geht es hauptsächlich um das theoriebeladene Publikationsprogramm des Berliner Merve-Verlages.

Und wer noch mehr Theorie mag, findet in der Zeitschrift Denkströme, dem Journal der Sächsischen Akademie der Wissenschaften in Leipzig, in Heft 8 (2012) zwei Aufsätze zum Sammeln, zu Sammlungen, Wissenschaft und Bibliotheken:

Zur Geschichte, Theorie und Praxis von Bibliothekskatalogen

Diese gelungene Mischung an Aufsätzen zu Geschichte, Theorie und Praxis von Bibliothekskatalogen und Discovery-Systemen ist zur Zeit frei verfügbar auf der Website der Zeitschrift Library Trends.

Passend dazu der Aufsatz "Der Katalog : Repräsentation von Medien als Geschichte des Denkens über Wissen, Information, Medien, Nutzerinnen und Nutzern" von Karsten Schuldt in der aktuellen Ausgabe "Bilder, Graphen, Visualisierungen" der Zeitschrift Libreas.