Warum Geschichte?

"Information Systems history: What is history? What is IS history? What IS history? … and why even bother with history?" fragen Antony Bryant, Alistair Black, Frank Land and Jaana Porra in einem frei zugänglichen Beitrag in der Zeitschrift "Journal of Information Technology" der am Anfang von zwei Sonderheften mit dem Motto "Special Issue on History in IS" steht (Journal of Information Technology 28 (2013) 1-17).

Ein paar Kapitel-Überschriften, die vielleicht neugierig darauf machen, über die Frage "Wozu Geschichte?" nachzudenken:

  • History as disciplinary veneer (Fassade!)
  • History as collective memory and identity
  • History as teleology
  • History as a meeting of ourselves as ‘Other’
  • The uses of history

Hier noch zwei Beispiele, wie eine historische Betrachtungsweise Reflexionen aktueller Problemfelder fördern kann:

Noch ein paar Neuerscheinungen zur Informationsgeschichte:

  • Das Buch "International perspectives on the history of information science and technology : proceedings of the ASIS&T 2012 Pre-conference on the History of ASIS&T and Information Science and Technology" hrsg. von Toni Carbo und Trudi Bellardo Hahn (Medford, NJ: Information Today, 2012) erschien anläßlich des 75-jährigen Jubiläums der ASIST, die jetzt nur noch "Association for Information Science and Technology " heisst. Der Band enthält u.a. auch einen Aufsatz zur deutschen Informationsgeschichte: Pioneers of Information Science in Europe: The Œuvre of Norbert Henrichs von Katharina Hauk und Wolfgang G. Stock (S. 151ff). Weitere Beträge beschäftigen sich mit der Geschichte des Annual Review of Information Science and Technology, von Brenda Dervins Sense-making methodology, der französischen Informationswissenschaften, des niederländischen Informationspioniers Donker Duyvis u.a.
  • "Vor Google : eine Mediengeschichte der Suchmaschine im analogen Zeitalter" hrsg. von Thomas Brandstetter, Thomas Hübel und Anton Tantner (Bielefeld : Transcript-Verl., 2012, Einleitung als pdf) U.a. über Staatskalender, Diener, Anzeigenblätter, Vannevar Bushs Memex sowie die frühe Bibliometrie
  • Das Lehrbuch "An introduction to information science" von David Bawden and Lyn Robinson (London: Facet Publ., 2012, Kapitel 1 als pdf) enthält als Kapitel 2 "History of information: The story of documents" eine gute Zusammenfassung zur Geschichte der Information. Im Eingangskapitel gibt es zusätzlich ein paar Abschnitte zur Geschichte der Informationswissenschaft.

    Mit dieser besonderen Betonung der Geschichte unterscheidet sich das Lehrbuch von zwei fast parallel erscheinenden Lehrbüchern zur Informationswissenschaft, die beide historische Zusammenhänge kurz nur in allgemeinen Grundlagen-Kapiteln erwähnen:

    • Introduction to information science and technology / Charles H. Davis and Debora Shaw (Eds.) Medford, NJ : Information Today, 2011 (in Chapter 2: Foundations of Information Science and Technology).
    • Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation : Handbuch zur Einführung in die Informationswissenschaft und -praxis / Rainer Kuhlen, Wolfgang Semar, Dietmar Strauch (Hrsg.) 6., völlig neu gefasste Ausg. Berlin: De Gruyter Saur, 2013 (In Kapitel A.1 Information – Informationswissenschaft).

Andere Perspektiven auf Informationskompetenz

Dass das Thema "Wissenschaftliche Kommunikation" ganz enge Beziehungen zur Informationskompetenz hat, zeigt einmal mehr ein "white paper" mit dem Titel
"Intersections of Scholarly Communication and Information Literacy: Creating Strategic Collaborations for a Changing Academic Environment" der amerikanischen Association of College & Research Libraries (ACRL).

Schon fast klassisch gibt es ja enge Überschneidungen zwischen dem Bereich Wissenschaftliches Arbeiten und Informationskompetenz, hier ist besonders die Literaturverwaltung ein enges Bindesglied. Diskussionen um die Zukunft des Publizierens, zum Beispiel gerade in der Zeitschrift Nature publiziert, die Aktualität von Themen wie Forschungsdaten, Open Access und alternativen Modellen zum Ranking von Forschung sowie die Bedeutung von Urheberrechts-Fragen im elektronischen Alltag zeigen die inhaltliche Bedeutung des Themas dieses Berichtes.

In dem Papier werden drei Wechselwirkungen zwischen wissenschaftlicher Kommunikation und Informationskompetenz besonders hervorgehoben:

  1. "economics of the distribution of scholarship (including access to scholarship, the changing nature of scholarly publishing, the education of students to be knowledgeable content consumers and content creators)
  2. digital literacies (including teaching new technologies and rights issues, and the emergence of
    multiple types of non-textual content)
  3. our changing roles (including the imperative to contribute to the building of new infrastructures for scholarship, and deep involvement with creative approaches to teaching)" (S. 1)

Zwei Dinge sind mir beim Browsen durch das Papier noch besonders aufgefallen:

  • Der Abschnitt 1.6. Publishing as Pedagogy (S. 9) bringt mich auf die Idee, einen Kurs zum wissenschaftlichen Arbeiten einfach mal als Publikationsprojekt auszuprobieren, was sicher schon irgendwo auch in Deutschland ausprobiert wurde.
  • Die Nutzung des Begriffes "Information fluency" (S. 14-15)

Fragen des Life Cyle von Information, speziell wissenschaftlicher Information, führen letztendlich auch zu Fragen darüber, was Wissenschaftlichkeit, was wissenschaftliche Wahrheit oder Wahrheit überhaupt eigentlich ist.

"Informationskompetenz neu konfigurieren" ist auch der Titel einer Präsentation auf dem 5. Bibliothekskongress in Leipzig im März von Lars Müller. Er nutzt u.a. das schöne Bild von zu "figurierenden" Informationslandschaften der Britin Annemaree Lloyd.

Weitere Folien von Vorträgen beim Bibliothekskongress zum Themenfeld "Bibliothekarische Dienstleistungen, Vermittlung von Informationskompetenz, E-Tutorials" sind auf dem BIB-Publikationsserver publiziert.

Aktuelle Präsentationen zum Thema Metaliteracy von Trudi Jacobson und Tom Mackey bieten ebenso andere und neue Perspektiven auf Informationskompetenz wie manche der Beiträge zur britischen Konferenz Librarians’ Information Literacy Annual Conference (LILAC) 2013.

Zur Geschichte der Globalisierung von Wissen

Das Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte hat 2012 einen von Jürgen Renn herausgegebenen Band mit dem Titel "The Globalization of Knowledge" veröffentlicht, dessen Beiträge auch auf einem Workshop aus dem Jahre 2007 beruhen. Das Werk ist Teil der "Edition Open Access" der "Max Planck Research Library for the History and Development of Knowledge".

Vorbildlicherweise steht die Publikation also Open Access zur Verfügung. Angeboten wird neben einer HTML-Version auch eine Version im PDF- sowie im epub-Format für eBook-Reader. Eine gedruckte Version via Publishing on Demand ist möglich. So sollten moderne elektronische Publikationen aussehen, sofern sie sich wie dieses Werk noch am herkömmlichen Buch orientieren!

Aber auch inhaltlich ist diese Buch eine Fundgrube. Vielleicht liegt es aber auch nur an meinem Hobby als Wissenschaftshistoriker, dass mich die Einlassungen auf die umfassende Entwicklung von Wissen im Laufe der Jahrhunderte so ansprechen. Insgesamt ist das Werk natürlich von kaum jemandem komplett durchzulesen angesichts des Umfangs. Aber auch die philosophisch bzw. wissenschafts- und erkenntnistheoretisch orientierten Teile sind eine genauere Lektüre wert.

Wissen wird hier verstanden …

"… as the capacity of an individual, a group, or a society to solve problems and to mentally anticipate the necessary actions. Knowledge is, in short, a problem-solving potential. Knowledge is often conceived (especially in disciplines such as psychology, philosophy and the cognitive sciences) as something mainly mental and private. But from the historical and social viewpoint, it is necessary to consider knowledge as something that moves from one person to another: something that may be shared by members of a profession, a social class, a geographic region or even an entire civilization." (S. 20)

Die Weitergabe von Wissen über die Zeit umfasst komplexe, vielfältig verwobene Prozesse, die von vielen Faktoren abhängig sind. Beim Browsen durch dieses Werk bekommt man davon eine Ahnung, wobei der Zeitrahmen der Beiträge umfassend ist und dabei viele Fachgebiete angesprochen werden.

Besonders interessant sind für mich noch zwei Entdeckungen in diesem Buch:

Diskussionen um Wissenschaftsverlage, Open Access etc.

Ein paar Links zur Diskussion der letzten Tage:

Informationskompetenz für Information Professionals …

.. bietet eine Aggregator-Seite, auf die Sheila Webber gerade in ihrem Blog hingewiesen hat.

Für deutsche Blogs haben Lambert Heller, Christian Hauschke und Edlef Stabenau vor ein paar Wochen ebenfalls eine Aggregator-Website unter dem Namen Plan3t.info ins Netz gestellt. Wohl mehr als 100 deutschsprachige, einschlägige Blogs findet man hier übersichtlich zusammengestellt. Ich habe mich gefreut, dass dieses Blog auch dabei sein darf! 😎

Mehr noch, jeden Tag in der Woche von Montag bis Freitag gibt es unter der Kategorie "Stimmen" ein originales Posting von bloggenden Bibliothekarinnen und Bibliothekaren. Die Vielfalt der Themen ist beeindruckend. Hier ein paar Postings, die mir besonders aufgefallen sind:

Es gibt noch viel mehr im Plan3t.info zu entdecken, darunter auch mein eigener, erster Beitrag bei den "Stimmen" mit dem Titel "Eine Ressource für Informationskompetenz damals".

Das britische Netzwerk für Forschungs-Information

Angeregt durch einen Hinweis von Sheila Webber in ihrem Blog auf einen Guide zum Thema Peer Review habe ich die Website des britischen Research Information Networks (RIN) etwas genauer angeschaut, wahrlich eine Fundgrube (vgl. z.B. die "current news"). Schade, dass es so etwas nicht in Deutschland gibt!

Themen des RIN sind:

  • Using and accessing information resources
  • Communicating and disseminating research
  • Data management and curation
  • Research funding: policy and guidance
  • Researcher development and skills

Challenges for academic libraries in difficult economic times heisst zum Beispiel ein Report, der erst vor kurzem veröffentlicht wurde!

Die Wurzeln des Social Web bei Paul Otlet

Der Niederländer Charles van den Heuvel beschreibt die Wurzeln des Social Web bei Paul Otlet in einem Aufsatz, der auch als Pre-Publication zur Verfügung steht:

"Web 2.0 and the Semantic Web in research from a Historical Perspective. The designs of Paul Otlet (1868-1944) for telecommuniication and machine readable documentation to organize research and society" Knowledge Organization, 36 (4) 214-226

Aus dem Abstract:

Tim Berners-Lee described in Weaving the Web his future vision of the World Wide Web in two parts. In the first one, nowadays called Web 2.0, people collaborate and enrich data together in a shared information space. … Most historical studies of World Wide Web begin with the American roots of the Internet in ARPANET or follow a historiographical line of post war information revolutionaries, from Vannevar Bush to Tim Berners-Lee. This paper follows an alternative line. At the end of the nineteenth and in the first decades of the twentieth century various European scholars, like Patrick Geddes, Paul Otlet, Otto Neurath, Wilhelm Ostwald explored the organisation, enrichment and dissemination of knowledge on a global level to come to a peaceful, universal society. We focus on Paul Otlet (1868-1944) who developed a knowledge infrastructure to update information mechanically and manually in collaboratories of scholars. … the relevance of Otlet’s knowledge infrastructure will be assessed for Web 2.0 and Semantic Web applications for research. The hypothesis will be put forward that the instruments and protocols envisioned by Otlet to enhance collaborative knowledge production, can still be relevant for current conceptualizations of ’scientific authority‘ in data sharing and annotation in Web 2.0 applications and the modeling of the Semantic Web.

Der im Abstract erwähnte Wilhelm Ostwald schrieb schon 1908 in englischer Übersetzung von 1911 über das "Netz":

„No matter how limited the circle of his knowledge, it is a part of the great net, and therefore possesses the quality by virtue of which the other parts readily join it as soon as they reach the consciousness and knowledge of the individual. The man who thus enters the realm of science acquires advantages which may be compared to those of a telephone in his residence. If he wishes to, he may be connected with every body else, though he will make extremely limited use of his privilege, since he will try to reach only those with whom he has personal relations. But once such relations have been established, the possibility of telephone communication is simultaneously and automatically established. Similarly, every bit of knowledge that the individual appropriates will prove to be a regular part of the central organization, the entire extent of which he can never cover, though each individual part has been made accessible to him, provided he wants to take cognizance of it.“

(Ostwald, W. (1911) Natural philosophy. Translated by Thomas Seltzer, with the author’s special revision for the American edition. London : Williams and Norgate, pp. 7f)

Warum nutze ich Web 2.0 Tools?

In einem Gespräch an der TUHH kam wieder einmal die Frage auf, warum und aus welchen Beweggründen so viele das Web 2.0 nutzen? Es ist anscheinend immer noch nicht für jeden vorstellbar, Web 2.0 Dienste zu nutzen. Sicher nutzen viele das Web 2.0 auch, ohne dass ihnen dies bewusst ist. Dies gilt z.B. vielelicht für Wikipedia. Und sicher müsste man zunächst klären, was genau nun das Web 2.0 ist und was Nutzung genau meint.

Aus meiner persönlichen Sicht möchte ich dies einfach mal für mich aus praktischem Erleben heraus zusammenfassen und in meinen Blog stellen. Ich möchte dazu meine Gedanken auf verschiedenen Ebenen bzw. aus unterschiedlichen Sichten darlegen. Die Frage, die jetzt sofort auftaucht, warum mache ich diese nun in meinem Blog und schicke meine Gedanken nicht nur an die Teilnehmenden der erwähnten Gesprächsrunde? Ein Grund dafür ist sicher, dass diese vielleicht auch für andere interessant sind (hoffe ich zumindestens! 😎 )!

Warum nutze ich Web 2.0 Tools …

  • aus der Sicht der persönlichen Informations- und Ideengewinnung?
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Konvergenzen, der dritte Eintrag: Historisches und aktuelles Informationswesen

In der Reihe ‚Konvergenzen‘ ein weiterer Blog-Eintrag mit zwei Aufsätzen, die das thematisieren, was mich persönlich regelmäßig fasziniert, der Zusammenhang zwischen historisch zu beobachtenden Entwicklungen und aktuellen Diskussionen im modernen Informationswesen.

  • Beyond the legacy of the Enlightenment? Online encyclopaedias as digital heterotopias von Jutta Haider, Olof Sundin in First Monday, Volume 15, Number 1 – 4 January 2010.

    Aus dem Abstract:

    This article explores how we can understand contemporary participatory online encyclopaedic expressions, particularly Wikipedia, in their traditional role as continuation of the Enlightenment ideal, as well as in the distinctly different space of the Internet.

  • The Politics of Organizing Information on the Web: Computing Centres and Natural Languages von Peter Jakobsson, Fredrik Stiernstedt mit ihrem Beitrag auf der Media in transition Conference 6 im April 2009 im Rahmen der Konferenzen des MIT Communications Forum

    Aus dem Abstract:

    This paper is an exploration of the methodologies, economics and politics of organizing information on the web, through a historical-comparative analysis of Google. The paper centres on two cases that reveal interesting tensions in contemporary attempts at organizing knowledge and information. The first case deals with natural and artificial languages as tools for knowledge, working with the historical case of Gottfried Wilhelm Leibniz and his interest in a universal language as well as his pioneering contributions to etymology. The second case looks at the dialectics of centralization and decentralization as illustrated by the early 20th-century project of bibliographer Paul Otlet. Together they are used to evaluate Google’s utilization of techniques from computer science to extract knowledge from search queries and unstructured web-data, both of which are stored and indexed in Google’s computing centres.

Derek de Solla Price und die Geschichte der Scientometrie

Themenheft der Zeitschrift Research Trends des Verlages Elsevier bzw. seiner Tochter Scopus zum Wissenschaftswissenschaftler Derek de Solla Price, der besonders durch sein Buch „Little Science, Big Science“ bekannt wurde. Price hatte einigen Einfluss auf die Entwicklung von Scientometrie, Informetrie bzw. Bibliometrie.