Was es heisst, Informationskompetenz kritisch zu sehen

Was heisst es genau, wenn man Informationskompetenz kritisch sieht? Schaut man nämlich genauer hin, lassen sich verschiedene Ebenen und Aspekte unterscheiden, und es gibt ganz verschiedene kritische Sichten auf Informationskompetenz. Auf ein paar von diesen soll hier hingewiesen werden.

Eigentlich wollte ich einen Beitrag schreiben für einen durch die Gemeinsame Kommission Informationskompetenz von VDB und dbv publizierten "Call for Papers: Themenschwerpunkt Informationskompetenz" zu einem Themenheft der Zeitschrift o-bib. Denn gewüscht wurden "auch durchaus provokative Beiträge […], die neue Impulse in die Diskussion um die Förderung von Informationskompetenz in Deutschland einbringen". Und weiter heisst es, daß "bereits der Titel aus einer aussagekräftigen These bestehen [kann], die dann im Text ausgeführt wird." Toll, Kritik und Kreativität sind also gefragt. Für mich war bei den möglichen Themen, "E-Learning und Gaming, Referenzrahmen und Schwellenkonzepte, IK und Forschungsdaten, Evaluation und Assessment, neue Zielgruppen und Kooperationen, Qualifikationsprofil und Ausbildung, Raumkonzepte, Netzwerke und neue biblio­thekarische Wege" nichts wirklich Provokatives dabei. Ich bin sehr gespannt auf die Aufsätze des Themenheftes. Aus diversen Gründen schaffte ich es leider nicht, einen formalen Aufsatz zu verfassen, daher dieser Blog-Beitrag, der die Frage der Kritik im Rahmen von Informationskompetenz aufnimmt.

Kritische Sichten

Die Diskussion zu einer kritischen Sicht auf Informationskompetenz (Critical Information Literacy = CIL) nimmt, international gesehen, immer mehr zu. Ein aktuelles Review zur CIL stammt von Eamon Tewell.

CIL ist auch als Teil der sogenannten critlib-Bewegung zu sehen. Hinweise auf Literatur zu dieser bietet eine Zotero-Gruppe dieser Gruppe. Eine ähnliche britische Gruppe nennt sich Radical Librarians Collective. Schon lange bekannt ist die Progressive Librarians Guild, die schon seit Jahrzehnten eine eigene Zeitschrift herausgibt. In Deutschland zählt der Arbeitskreis Kritische Bibliothek zu dieser Bewegung, in Österreich der Arbeitskreis kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI).

„Kritisch“ als Begriff hat ja nach dem Griechischen ursprünglich etwas mit scheiden, urteilen bzw. auch unterscheiden zu tun (siehe auch meinen Text in der 2. Auflage des Handbuch Informationskompetenz). Auch die Nähe von Kritik zu Information ist deutlich, wenn man an die bekannte Definition von Bateson denkt: "Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht." Ein anderer französischer Philosoph schreibt "Informieren heisst Differenzen bestimmen" (François Châtelet, 1975) und drückt damit aus, dass eine der Leitmetaphern unserer heutigen Gesellschaft mit Differenz verbunden ist. Ohne Information und damit Differenz ist ein Erkennen, Verarbeiten und damit Aushalten von Unterschieden nicht möglich. Das Zusammenspiel von Information, Kommunikation und Wissen ist eines der wichtigsten Phänomene von Dienstleistungen, Management, Politik und Gesellschaft im Zeitalter der Digitalisierung. Nur Information kann Vielfalt in der Differenz erhalten.

Zu allgemeinen Aspekten des Themas Diversität und Differenz findet man ein sehr schönes Interview mit der Philosophin Steffi Hobuß im Startwochenjournal der Leuphana Universität Lüneburg. Auch das taz.lab hatte sich im April 2016 dem Thema Differenz verschrieben.

Kritisch sein heisst auch zweifeln und hinterfragen, z.B. nach dem „Wozu?“ Kritik ist gleichzeitig – wie Rahel Jaeggi schreibt (Das Ende der Besserwisser : eine Verteidigung der Kritik in elf Schritten. In: Das Kursbuch. Wozu? /hrsg. Armin Nassehi, … 2015, Kursbuch 182, S.78-96, hier S. 85) – Dissoziation wie Assoziation (der Chemiker in mir jubelt! 😎 ), sie unterscheidet, trennt, distanziert, verbindet, setzt in Beziehung und stellt Zusammenhänge her. Oder wie der Kursbuch-Herausgeber schreibt: Kritik kann dafür "sorgen, dass die Dinge auch anders sein können." (Armin Nasssehi: Mehr Kritik, bitte! In: Das Kursbuch. Wozu? /hrsg. Armin Nassehi, … 2015, Kursbuch 182, S.40-58, hier S. 57)

Was umfasst nun also eine kritische Sicht auf Informationskompetenz von, in bzw. aus Bibliotheken?

  • Zunächst kann man infragestellen, warum gerade Bibliotheken von Bedeutung für dieses Thema sind. Die moderne, immer digitaler werdende Welt erfordert Informationskompetenz auf allen Ebenen und ist auch und gerade für Schule, Ausbildung und Hochschule aber auch Arbeitsplatz und Alltag von Relevanz. Bibliotheken als Anbieter von Informations-Infrastrukturen müssen ihre Angebote (Suchmaschinen, Kataloge, Webseiten usw.) so gestalten, dass für deren Benutzung nichts "gelernt" werden muss.
  • Eine kritische Sicht auf IK umfasst ein Hinterfragen der Begriffe. Information und auch Kompetenz werden von unterschiedlichsten Menschen, Gemeinschaften, Institutionen usw. unterschiedlich verstanden. Dienen Kompetenzen nur dazu am Arbeitsplatz zu funktionieren? Sind Software und Technik ein Ausweg aus einer "Kompetenzkatastrophe"? Kann man Kompetenzen lernen oder entstehen diese quasi von selbst beim praktischen Lernen und arbeiten? (In einem Workshop mit dem Titel "Wie digital ist Informationskompetenz?" hatte ich letztes Jahr mal ausprobiert, das gängige Verständnis von Informationskompetenz zu diskutieren und zu hinterfragen.)
  • Ein Perspektivwechsel gehört zu einer kritischen Sicht. So ist es z.B. interessant, eine gerade erschienene Studie "Rethinking the concept of „information literacy: a German perspective“ des amerikanischen Kollegen Rares G. Piloiu zu lesen, der die deutsche Diskussion zur IK als durchaus bereichernd für das amerikanische Bibliothekswesen empfindet. Hier erscheint die deutsche Diskussion als solche schon als kritisches Pendant zur Entwicklung in den Staaten:

    "[T]he German notion of information literacy is still negotiated on an interdisciplinary market of ideas ranging from communication science to didactics and from cultural anthropology to epistemology. An awareness of this international perspective on information literacy is timely, given the recent debates about the legitimacy of the radically new approach to information literacy put forth in the ACRL Framework.[…]
    [T]he multiplicity of concepts that the German academic landscape offers allows the teachers and students alike to understand the complex and contextual nature of the idea of information literacy in general. By entertaining a variety of alternative concepts and terms for “information literacy”, the German academic world acknowledges that we are using a concept with variable geometry, one that is relative to our own changing understanding of what it means to be a competent information user and creator."

  • Man kann aus aus Sicht der kritischen Pädagogik auf das Thema Informationskompetenz schauen, z.B. mit einem Blick von Lane Wilkinson auf Paolo Freire. Auch der Franzose Rancière wäre hier interessant.
  • Kritische Informationskompetenz umfasst auch einen Blick auf Information als Ware. Im akademischen Bereich macht CIL die wechselseitigen sozio-ökonomischen Abhängigkeiten der Beteiligten, Autoren, Datenbankanbieter, Verlage, Bibliotheken usw. bewusst, aber auch dass heutzutage das eigene Informationsverhalten – der Umgang mit der Ware Information – selbst zur Ware wird. Welche Funktion haben die Beteiligten, wie kann diese verändert werden? Ist Informationskompetenz vor allem notwendig, um in der digitalen Dienstleistungsgesellschaft bestehen zu können? Bei Schlagworten wie Offenheit und Open Access schwingt immer auch mit, dass Information möglicht frei als Ware zirkulieren kann, um Geld damit zu verdienen, wie es z.B. Verlage mit Open Access machen.
  • Und man kann Informationskompetenz schlicht als kritisches Denken beschreiben. oder mit Peter Tagtmeyer (Colgate Univ.) "information literacy is the practice of social epistemology" (via ILI-L kam der Hinweis auf dieses Google-Docs-Dokument)). Dies geht in Richtung meines letzten Beitrages im Handbuch Informationskompetenz (Preprint) oder auch des neuen Buches von Anderson und Johnston, das am Ende eines anderen Beitrages in diesem Blog schon erwähnt wurde und auch den Zusammenhang zur "social epistemology" thematisiert.

Unterscheidungen zwischen kritischen und klassischen Sichten auf Informationskompetenz

Man kann schon das neue Framework for Information Literacy der ACRL als eine kritische Sicht auf Informationskompetenz ansehen:

Informationskompetenz klassisch Informationskompetenz kritisch
  • Information finden
  • Information bewerten
  • Information nutzen
  • Wie wird Information geschaffen?
  • Wie wird Information verbreitet bzw. auf sie zugegriffen?
  • Wie funktioniert wissenschaftliche Kommunikation?

Nach: CIL at the Pfau Library (California State University San Bernardino). Critical Information Literacy (CIL) versus Traditional Information Literacy.

Auch in dem neuen Aufsatz von Spiranec, Banek Zorica und Kos (nicht Open Access, siehe die bibliografischen Angaben unten) findet sich eine Abbildung mit einer Gegenüberstellung von klassischer und kritischer Informationskompetenz. Mir erscheint dies etwas zu gegensätzlich. Ich finde die drei Sichten auf Informationkompetenz von C. Addison & E. Meyers (2013, Perspectives on information literacy: a framework for conceptual understanding. Information research 18, 3) etwas inspirierender. Auch A. Whitworth (2013, The Design of Media and Information Literacy. In: Media and Information Literacy for Knowledge Societies. Moscow: Interregional Library Cooperation Centre, 2013. 40-54. S. 47) unterscheidet drei Sichten. Ich habe aus diesen drei Beiträgen mal eine Zusammenfassung aus meiner Sicht gemacht, die verdeutlichen soll, dass zwischen verschiedenen Sichten auf Informationskompetenz fließende Übergänge existieren:

Sichten auf Informationskompetenz – zwischen klassischer und kritischer Informationskompetenz

Mehr oder weniger interessante Dokumente zur CIL

Ein paar Aufsätze und Blog-Beiträge

Neuere Monografien

  • Downey, A. 1. (2016). Critical information literacy. Sacramento, CA: Library Juice Press.
  • Anderson, A., & Johnston, B. (2016). From information literacy to social epistemology. Amsterdam: Elsevier.
  • Nicole Pagowsky & Kelly McElroy, Eds. (2016). Critical Library Pedagogy Handbook : Essays and Workbook Activities. Chicago, IL : ACRL.
  • McNicol, S. (2016). Critical literacy for information professionals. London: Facet Publishing.
  • Swanson, T. A., & Jagman, H. (2015). Not just where to click. Chicago: ACRL.
  • Whitworth, A. (2014). Radical information literacy. Amsterdam: Elsevier, Chandos.

Aktuellere Dissertationen zu CIL

Nachdenken über Offenheit #OAWeek2016

Nachdem die Open Access Week auch 2016 wieder zu einer Fülle an Blog-Beiträgen bei vielen Bibliotheken geführt hat, etwa bei der TIB, der Bibliothek der Hochschule Hannover oder meiner tub.tuhh, hier Hinweise auf ein paar Texte, die auch Offenheit als solche reflektieren.

Dass Offenheit durchaus als wissenschaftliche Tugend anzusehen ist, behaupte ich in einem Beitrag im Blog zum wissenschaftlichen Arbeiten an der TUHH.

Der französische Philosoph Michel Serres hat dazu in einem auch sonst sehr lesenswerten Vorwort zu seinem zusammen mit Nayla Farouki herausgegebenen "Thesaurus der exakten Wissenschaften" (Frankfurt a.M.: Zweitausendeins, 2001 – Besprechung) zum Aspekt der Bildung durch und mit Wissenschaft geschrieben:

Bildung ist eine gleichermaßen technische, politische und moralische Frage. Umgekehrt betrifft das erste Problem, das die Wissenschaft aufwirft, deren Verbreitung. Wenn finanzkräftige Unternehmen wissenschaftliche Ergebnisse aufkaufen, werden sie aus Eigeninteresse mit Blick auf einen möglichen Verkauf geheim gehalten und nur noch selektiv publiziert. Alles für Profit und Ruhm, ansonsten herrschte Schweigen, Debatten wären ausgeschlossen. Die bezahlte Veröffentlichung liefe der kostenlosen den Rang ab. Das käme einer Regression auf die archaischen Zustände der vorhomerischen Defintion von aletheia gleich, wonach Wahrheit ihr Maß an der Bekanntheit hätte. Wenn man ansieht, in welchem Maß Forschung von der Finanzierung abhängig geworden ist, welche Blüten die Publikationsbesessenheit treibt und wie die reichsten Gruppen Ergebnisse für sich behalten, scheinen wir solch einer Regression gefährlich nahe zu sein. Hier verbietet der berufliche Ehrenkodex eine Geheimhaltung, die auf kurz oder lang die gesamte Wissenschaft zersetzt und zerstört. Die egalitäre Veröffentlichung allen Wissens, die nichts zurückhält und nichts maßlos forciert und in den Vordergrund spielt, wird damit zur sittlichen Pflicht. Wissen muss öffentlich sein, davon ist nicht nur die Wissenschaft betroffen, sondern auch deren ethische Grundlage.
[Hervorhebung T.H.] S. XXXVII – XXXVIII

Zur (eigenen) Geschichte und Gegenwart des Nachdenkens über Wissenschaft in der Hochschulausbildung

Beim Aufräumen meiner Papierberge 😎 bin ich vor einiger Zeit auf einen Leserbrief von mir gestoßen, der im Mai 1983 in der Berliner Tageszeitung "Der Tagesspiegel" veröffentlicht wurde:

Lernen mit Sinn
In Ihrem Artikel in Nr. 11 432 über die Verteterversammlung des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) kommt eine Widersprüchlichkeit voll zum Ausdruck, die vielen Bildungspolitikern und Pädagogen offenbar immer noch nicht ganz bewußt ist: Einerseits sprach sich der Bundesgeschäftsführer des VBE „dagegen aus, zunehmend gesellschaftliche und politische Probleme in der Schule zu behandeln …“, andererseits sollten Kinder in der Schule „auch Verantwortlichkeit, Kritikfähigkeit und Solidarität“ lernen. Wie aber ist es möglich, diese offensichtlich politischen Ziele zu erreichen, ohne wenigstens einen kleinen Ausschnitt aus der ganzen Problematik unserer Geesellschaft zu entfalten? Richtig dagegen ist meiner Meinung nach, daß sich Lehrer die Zeit nehmen sollten, „nach Grund und Sinn zu fragen, und nicht nur einseitig Fakten weitergeben“. Demnach sollten zum Beispiel in den angeblich politikfreien Naturwissenschaften auch gesellschaftliche Probleme den Unterricht bereichern, etwa durch Behandlung der Umweltproblematik oder Untersuchung der Entstehungsbedingungen der heutigen Naturwissenschaft, die die Natur ausschließlich quantitativ erfaßt und nicht auch qualitativ. Vielleicht kann man damit ‚Dem Lernen einen neuen Sinn geben‘ und die oben erwähnten drei Ziele erreichen.“
Der Tagesspiegel, Berlin, Sonntag, 29. Mai 1983

Für mich ist das Inhaltliche hier noch immer aktuell, und das gilt auch für Hochschulen. Studierende aller Fächer sollten Lehrveranstaltungen besuchen, in denen sich Wissenschaft selbst zum Thema macht, wo also über Wissenschaftlichkeit nachgedacht wird. „Bildung“ als ein Zweck von Wissenschaft (Schummer, Joachim: Wozu Wissenschaft? Neun Antworten auf eine alte Frage. Berlin: Kadmos 2014.) umfasst die Notwendigkeit des Nachdenkens über Wissenschaft auf einer Meta-Ebene, die Reflexion über die eigene Disziplin und deren sozial-gesellschaftliche Einbettung in die moderne Gesellschaft.

Um heutzutage wissenschaftlich begründete Entscheidungen in Alltag (z.B. beim Gesundheitsschutz) und Politik (etwa bzgl. der Umweltproblematik und des Nachhaltigkeits-Imperativs) treffen zu können, müssen Entscheidende, also heutztage eigentlich alle, ein grundlegendes Verständnis des Funktionierens von Wissenschaft haben. Und dies kann auch, zumindest ansatzweise, in Aktivitäten zur Förderung von Informationskompetenz integriert werden, wie ich an anderer Stelle betont habe (hier noch ein Beispiel für eine praktische Auswirkung).

Ein frühe historische Quelle zur Frage der Integration von Wissenschaftstheorie und -geschichte und damit des Nachdenkens über Wissenschaft in die Hochschullehre aller Fächer fand ich beim Füllen von Ausstellungsvitrinen in der TUHH-Bibliothek (zur Ausstellung "Kurz vor Zwölf" mit Heften des „Bulletin of the Atomic Scientists“. Diese Zeitschrift bietet auch so etwas wie einen authentischen Rückblick in die Geschichte des Verhältnisses und der Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Technik, Politik und Umwelt im 20. Jahrhundert. Der Titel der kleinen Ausstellung bezog sich übrigens nicht auf die aktuelle politische Situation in Deutschland. Dazu wurde in einem Beitrag im Philosophie-Magazin (Nr. 3, 2016) von dessen Herausgeber Wolfram Eilenberger den Philosophen Walter Benjamin zitierend das Wichtigste gesagt.

In der [Ausgabe Oktober 1968] des Bulletins sind Vorträge von einem Symposium mit dem Titel "Science and the human condition" publiziert, das im November 1967 in Urbana, Illinois stattfand. Gefordert wurde schon damals, dass im Rahmen von Hochschulausbildung nicht nur die jeweilige Wissenschaft selbst thematisiert wird, sondern immer auch Aspekte, die Wissenschaft selbst zum Thema machen, Teil des Curriculums sind, etwas ein Nachdenken über das Funktionieren von Wissenschaft und ihre Rolle in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

"The central problem of higher education is how to bring up new generations, fit to live as individuals and as citizens. The changing habitat which science is creating for them involves not only education in science, but perhaps even more importantly, education about science – the development of understanding of what science is about; what it can (and what it cannot) do, appreciation of the role of science in past history of its likely role in the future; of how its revolutionary force can be best used in the framework of a stable democratic society and how this society can be adapted to the rapid changes in style, circumstances, accomplishments, and dangers of life as science changes and shapes it.
This calls not merely for wider teaching of physics and chemistry, biology, and anthropology on all levels, but above all, for integration into general education, into the teaching of history, political, and social scienecees, yes, even into philosophical and religious instruction, of the facts, methods, and ideas, promises and dangers, potentialities and limitations of mankind’s first common enterprise, that of scientific exploration of nature."(S. 23)

Einer der Aufsätze, von Jacob Bronowski, trägt den Titel „Science as a humanistic discipline“ und endet mit diesem Absatz (S.33):

"Science has to speak for its humanist heritage as a matter of scientific and human concern together. We have to present man for what he is, the creature through whom nature discloses her laws, and who rules and recreates her (and himself) not by magic but by understandings; and not by will but by need. and we have to do that as scientists, whether we like it or not. For if this new humanism fails to convince and fire the minds of the public, science is cut off from its roots, and becomes a bag of tricks for the service of governments. We really have no choice; we have become the guardians of humanism as a living relation between man and nature, and have to become teachers of it for our own survival."

Ein weiterer Zeitungsartikel aus dem Tagesspiegel, den ich vor Jahrzehnten aufgehoben hatte, trug den schönen Titel "Bildung als ‚Selbstverteidigung‘. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu zum BIldungswesen der Zukunft" (von Dorothee Nolte, Der Tagesspiegel, Nr. 12356, 18.05.1986, S. 40). Bourdieu hatte im Rahmen des Collège de France Vorschläge für das Bildungswesen der Zukunft erarbeitet. Im dritten Abschnitt des Artikels heisst es:

"Als zentrale Idee der Vorschläge bezeichnet Bourdieu die Überlegung, daß die Wissenschaft in der gegenwärtigen Gesellschaft zu einem Machtinstrument geworden sei; den Menschen müßten also ‚Mittel zur Selbstverteidigung‘ an die Hand gegeben werden, mit denen sie sich gegen Manipulation aller Art wehren könnten. Wichtig sei hierfür, daß die Wissenschaften stets innerhalb ihres historischen Zusammenhangs gelehrt würden, damit die geschichtliche Bedingtheit der einzelnen Wissenschaften und auch des Rationalitätsbegriffs offensichtlich würden. Der Unterricht sollte interkulturell angelegt sein und die Pluralität der Kulturen betonen."

Nachdenken über Wissenschaft sollte also Teil jedes Studiums in allen Fächern sein. Eine sehr treffende Charakterisierung von Wissenschaft stammt überraschenderweise vom dänischen Schriftsteller Peter Høeg; überraschend hier auch, dass Unsicherheit und Ungewißheit mit Wissenschaft verbunden wird:

"Das eben haben wir mit Wissenschaft gemeint. Daß das Fragen wie das Antworten mit Ungewißheit verbunden ist und daß beides weh tut. Doch daß es keinen Weg drumherum gibt. Und daß man nichts verbirgt, sondern daß alles offen an Licht kommt.“ (Der Plan von der Abschaffung des Dunkels. Roman. Rowohlt, 1998, S. 25)

Wissenschaft hat also mit Offenheit zu tun!

Eines der aktuell besten Werke, das das Wesen der Wissenschaft und deren Entstehungsbedingungen und Auswirkungen im Kontext von Gesellschaft thematisiert, behandelt die Frage des Funktionierens von Wissenschaft bei wissenschaftlichen Kontroversen: David Harker (Creating scientific controversies. Uncertainty and bias in science and society. Cambridge: Cambridge University Press 2015). Das Buch nimmt quasi das Zitat von Høeg auf und eignet sich bestimmt auch für die Integration der Meta-Reflexion über Wissenschaft im Lehren und Lehren vieler Fächer.

Eher populär gehalten ist eine kleines Büchlein, herausgegeben von österreichischen Rat für Forschung und Technologienentwicklung: Ahne, Verena; Müller, Stefan A. (2016): (Fast) alles über Wissenschaft und Forschung. Wie Forschung funktioniert und was Wissenschaft eigentlich bedeutet. Wien: Holzhausen Verlag.

Schreiben als In-Form-Bringen des Denkens

Die Überschrift dieses Beitrages ist mir vor Kurzem beim eigenen sogenannten Warmschreiben oder Free-Writing im Rahmen des Seminars "Wissenschaftliches Arbeiten" an der TUHH in den Sinn gekommen. Gerne nutze ich immer die Gelegenheit, diese Übung im Seminarteil von Birte Schelling mitzumachen. Ulrike Scheuermann (Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln. 2. Aufl. Opladen: Budrich, 2013) spricht auch von Gedanken- oder Fokussprints (S. 78-79). Man schreibt innerhalb von 5 Minuten ohne abzusetzen alles auf, was einem durch den Kopf geht bzw. man wählt vorab ein Thema und schreibt dann.

Kurz vorher hatte ich ein Buch durchgeblättert und angelesen, dass auch in die Richtung des Themas dieses Textes geht: Hornuff, Daniel: Denken designen. Zur Inszenierung der Theorie. Paderborn: Fink 2014. Es passt auch zu dem schönen Aufsatz von Philipp Mayer "Wissenschaftlich schreiben heißt vor allem denken. Zwölf Techniken für mehr Effizienz. Das Hochschulwesen, 58 (2010) 1, 28-32. Diese Blog-Beitrag befasst sich also mit philosophischen Gedanken zum Schreiben.

Hier mein Text vom Warmschreiben:

„Bibliotheken fördern auch akademische Tugenden und Kompetenzen. Eine der wichtigsten akademischen Kompetenzen ist die Reflexion, die Reflexion über das, was Wissenschaft kennzeichnet und wie wissenschaftliches Wissen entsteht. Kurse zum wissenschaftlichen Arbeiten bieten nicht nur Tipps und Rezepte sondern sollen gerade das Nachdenken anregen, über das, was man selbst tut, die Auswirkungen der eigenen Tätigkeit, und das Schreiben von eigenen Gedanken ist Teil des Denkens, Schreiben ist so etwas wie In-Form-Bringen des eigenen Denkens. Es hat also mit Form und Formalisierung des Denkens zu tun, andererseits wird durch das In-Form-Bringen auch deutlich, dass dadurch Denken trainiert werden kann. Beim Schreiben kommt man auf neue Gedanken, Assoziationen und Ähnliches, die einem vielleicht weiterhelfen, sein Tun fortzuentwickeln. Schreiben erleichtert das Denken durch die Ablage und Speicherung von Gedanken.“

Man kann vielleicht auch sagen, „Schreiben ist In-formation des Denkens“, Information hier benutzt im Sinne einer seiner etymologischen Wurzeln als Einprägen bzw. Formen des Denkens, denkt man an die englische Sprache auch als "Bildung" des Denkens, im Sinne von Anregen des Denkens. Denken wird durch das Schreiben aber eben auch in Form gebracht, formalisiert.

Bei der diesjährigen Kleinen Nacht des wissenschaftlichen Schreibens an der TUHH am 11. Mai 2016 (Kurzbericht zur Podiumsdiskussion am Beginn der Kleinen Nacht von Nadine Stahlberg) gab es überraschenderweise auch einen Vortrag zu einer, wie ich es nennen würde, „"Philosophie des Schreibens", der bei mir zu einer Vielzahl von Assoziationen führte. Der Vortragende Bertrand Schütz gestaltet seit Jahren ein Seminar "Literatur und Kultur" an der TUHH.

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Das Denken ausstellen …

Nein, nicht Ausstellen im Sinne von Abstellen, das machen manche "Vereinfacher" und "Selbstdarsteller" – beides tritt häufig zusammen auf – heutzutage genug. Hier soll es um Ausstellungen des Denkens und zum Nachdenken gehen, besonders um Ausstellungen zur Philosophie, die ich letztes Jahr besuchen konnte.

  • Die eine Ausstellung läuft im Garten der Burg Lenzen, einem Besucher- und Tagungszentrum im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg. Ein Besuch lohnt sich, denn hier ist "Ein naturphilosophischer Spaziergang durch die Jahrhunderte" (Broschüre) im dem die Burg umgebenden "Naturpoesiegarten" möglich. In den Garten integrierte Kunstwerke laden ein zum Nachdenken über die Natur.

    Hier fand ich einen meiner Lieblingsphilosophen, Ernst Bloch, wieder, aber auch alle hier hervorgehobenen Philosophen wie etwa Böhme, Comenius, Leibniz, Kant und Schelling findet man in Bloch Schriften, der immer wieder das Verhältnis zur Natur thematisiert: "Unsere bisherige Technik steht in der Natur wie eine Besatzungsarmee im Feindesland, und vom Landesinneren weiß sie nichts.", ein Kernsatz aus einem Hauptwerk "Prinzip Hoffnung". Dass Bloch auch im Zeitalter der Digitalisierung das Denken anregen kann, beweisen Beiträge im Bloch-Blog.

  • Die zweite Ausstellung ging in eine ganz andere philosophische Richtung. Die Universität Wien bot letztes Jahr im Zusammenhang mit ihrem 650-Jahre-Jubiläum die Ausstellung "Der Wiener Kreis – Exaktes Denken am Rand des Untergangs". Der logische Positivismus ist zwar keine Philosophie, die mir nahesteht, aber durch die Beschäftigung mit Wilhelm Ostwald bewegt man sich auch etwas im Dunstkreis dieses Kreises, der in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts bestand und danach einen großen Einfluss auf die Entwicklung insbesondere der Hauptströmungen der anglo-amerikanischen Philosophie hatte. Im Juni 2015 haben die Macher in der Wochenzeitung "Die Zeit" ihre Ausstellung vorgestellt.

    In den von Ostwald herausgegebenen Annalen der Naturphilosophie wurde 1921 der "Tractatus Logico-Philosophicus" des dem Wiener Kreis nahestehenden Ludwig Wittgenstein erstmals publiziert. Jüngst erschien ein Aufsatz zu Ostwald und Carnap (Dahms, Hans-Joachim (2016): Carnap’s Early Conception of a "System of the Sciences": The Importance of Wilhelm Ostwald. In: Christian Damböck (Hg.): Influences on the Aufbau. Cham: Springer International Publishing, S. 163–185).

    Auch der österreichische Wissenschaftstheoretiker und Arbeiter- und Volksbildner Otto Neurath gehörte zum Wiener Kreis. Neuraths Aktivitäten, wie z.B. seine universale Bildsprache Isotype, haben teilweise bis heute Bedeutung. In der von ihm begründeten Schriftenreihe "International Encyclopedia of Unified Science" publizierte Thomas S. Kuhn 1962 sein einflussreiches Buch "The Structure of Scientific Revolutions", das als Meilenstein ein Nachdenken über die Entstehung von Wissen innnerhalb von Wissenschaftsgeschichte und -theorie anregte.

    Faszinierend an der Ausstellung waren die vielfältigen Kontexte und Netzwerke zu ganz unterschiedlichsten Strömungen und Menschen der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. So unterschiedliche Menschen wie Ingeborg Bachmann, Berthold Brecht, Paul Feyerabend, Lászlo Moholy-Nagy, Robert Musil, Karl Popper, Edgar Zilsel u.a. standen in einer Beziehung zum Wiener Kreis.

  • Beim netzbasierten "Nachdenken" 😎 über das Thema dieses Blog-Beitrags bin ich noch auf die faszinierende Ausstellung des französischen Philosophen Jean-François Lyotard "Les Immatériaux" gestoßen, die z.B. von Antonia Wunderlich in ihrem Buch genau beschrieben wird. Die Meson Press der Leuphana Universität Lüneburg hat dazu aktuell einen Open Access zugänglichen Sammelband vorgelegt.

Übrigens auch die Universitätsbibliothek der Technischen Universität Hamburg (TUHH) hat im Rahmen der Nacht des Wissens im letzten Jahr eine Poster-Ausstellung veranstaltet, die zum Nachdenken anregen sollte. Das Thema war Offenheit und damit zusammenhängende Aspekte. Dabei war auch ein Plakat und ein paar Vitrinen "Zur Geschichte der Offenheit von Wissen".

Das Denken kann ja eigentlich auch in Medien wie Büchern oder solchen Blogs wie diesen hier ausgestellt werden. Letztlich kann man Menschen auch via Twitter beim Denken zuschauen. Bei mir z.B. wandern manche Tweets eventuell mal in einen Blog-Beitrag und vom Blog vielleicht auch in eine "richtige" 😎 Publikation.

Das Denken beobachten lässt sich auch auf der Website Edge, auf der John Brockman Wissenschaftlern jährlich eine spannende Frage stellt, die dann vielfältig beantwortet wird. Die Frage von 2015 lautete "What do you think about machines that think?", 2016 soll die Frage "What do you consider the most interesting recent [scientific] news? What maks it important?" beantwortet werden.

Auf deutsch sind gerade die Antworten der Frage von 2014 erschienen: "What scientific idea is ready for retirement?" (Welche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand? /hrsg. von John Brockman. Fischer, 2016. Titel der englischen Buchausgabe: This idea must die. Scientific theories that are blocking progress.)

Mit dabei bei den Antworten sind solche, die auf recht populäre Weise eine Reflexion gerade zum Wesen der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Methode in Gang setzen, u.a.:

  • Einfachheit (Simplicity – A. C. Grayling)
  • Ursache und Wirkung (Cause and Effect – W. Daniel Hillis)
  • Wissenschaft macht Philosophie überflüssig (Science Makes Philosophy Obsolete – Rebecca Newberger Goldstein)
  • "Wissenschaft" („Science“ – Ian Bogost)
  • Unsere enge Definition von Wissenschaft (Our Narrow Definition of „Science“ – Sam Harris)
  • Informationsüberlastung (Information Overload – Jay Rosen)
  • Die Wissenschaft korrigiert sich selbst (Science Is Self-Correcting – Alex Holcombe)
  • Wissenschaftliche Erkenntnis als "Literatur" strukturiert (Scientific Knowledge Should Be Structured as „Literature“ – Brian Christian)
  • Die Art und Weise, wie wir Wissenschaft produzieren und fördern (The Way We Produce And Advance Science – Kathryn Clancy)
  • Nur Wissenschaftler können Wissenschaft betreiben (Only "Scientists" Can Do Science – Kate Mills)
  • Die wissenschaftliche Methode (The Scientific Method – Melanie Swan)
  • Reproduzierbarkeit (Reproducibility – Victoria Stodden)
  • Gewissenheit. Absolute Wahrheit. Genauigkeit (Certainty. Absolute Truth. Exactitude – Richard Saul Wurman)
  • Die Illusion wissenschaftlichen Fortschritts (The Illusion of Scientific Progress – Paul Saffo)

Rancières "Unwissender Lehrmeister" und Informationskompetenz

Vom französischen Philosophen Jacques Rancière habe ich das erste Mal durch einen Aufsatz von Sönke Ahrens gehört: Ahrens, Sönke: Die Unfähigkeit des Lehrmeisters und die Wirksamkeit des Lehrens (In: Koller, H.-C. ; Reichenbach, R. ; Ricken, N. (Hrsg.): Philosophie des Lehrens. Paderborn : Schöningh, 2012, S. 129–144). Mittlerweile habe ich das in diesem Aufsatz genannte Buch von Rancière gelesen: Rancière, Jacques ; Engelmann, P. (Hrsg.) ; Steurer, R. (Übers.): Der unwissende Lehrmeister: fünf Lektionen über die intellektuelle Emanzipation. 2., überarb. Aufl. Aufl. Wien : Passagen-Verl., 2009.

Am Beispiel des französischen Gelehrten Jean Joseph Jacotot (1770 – 1840) philosophiert Rancière mit Jacotot über "intellektuelle Emanzipation", ein Ziel, das letztendlich auch jeder Förderung von Informationskompetenz innewohnt. Jacotot hatte durch Zufall eine Unterrichtsmethode entwickelt, mit der er niederländischen Studenten die französische Sprache beibrachte, ohne dass Jacotot selbst niederländisch sprechen konnte. Grundlage und Medium seiner Methode war eine zweisprachige Buch-Ausgabe eines Textes eines französischen Schriftstellers, durch den sich die Studenten selbst Französisch beibrachten. Für ihn als "unwissenden Lehrmeister" wurden damit grundlegende Annahmen der Pädagogik in Frage gestellt.

Ich muss gestehen, dass ich beim Hören des Titels zuerst an uns in Bibliotheken Arbeitende gedacht habe, die versuchen, Studierenden, Forschenden und Lernenden die Welt der Information aus Bibliothekssicht zu erklären, oft ohne selbst die Lebenswirklichkeiten hinsichtlich der Informationsgesellschaft dieser Gruppen zu kennen oder erfahren zu haben. In einem gewissen Sinne geben wir uns als unwissende Lehrmeister. Beruhigt hat mich dann ein Satz in Sönke Ahrens‘ Aufsatz: „Rancière ernst zu nehmen, hieße also nicht nur zuzugeben: Jeder kann lernen, sondern auch: Jeder kann lehren.“ (S.132) Richtig verstanden ist hier nämlich auch das Konzept des Peer-to-Peer-Lernen angesprochen.

Das dieses Buch insgesamt fürs Bibliothekswesen nicht nur aus meiner Sicht wichtig sein kann, beweist die Aufnahme in die Liste an Werken im "Manual for the Future of Librarianship" des Centers for the Future of Librarianship der American Library Association. Im Folgenden sollen für mich entscheidende Zitate aus Rancières Text kurz erläutert werden. Letztlich bietet Rancière auch so etwas wie eine Theorie der Kommunikation unter Gleichen!

Zugegeben, das Folgende klingt teilweise ganz schön theoretisch, aber wenn man sich mal darauf einlässt, wird einem Manches bewusster und man sieht Vieles gelassener, auch im Bereich der Förderung von Informationskompetenz. Ein Auseinandersetzen mit dem Denken Rancières bietet sich auch als Grundlage einer kritischen Theorie bzw. Kritik von Informationskompetenz an.
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Nachdenken über Information, Kommunikation und Wissen

"Information" ist seit langem ein vielfältig und oft benutzter Begriff im Alltag. Dessen Bedeutung erscheint dabei so vielfältig wie die Kontexte von dessen Benutzung. Dies ist die veränderte Online-Kurzfassung einer Besprechung, die vor kurzem auch gedruckt erschienen ist (Auskunft 34 (2014) 317-324). Behandelt wird das Buch „Theories of information, communication and knowledge : a multidisciplinary approach„, herausgegeben von Fidelia Ibekwe-SanJuan und Thomas Dousa (Dordrecht: Springer, 2014). Es umfasst Vorträge zu einem Kolloquium mit dem Titel “Colloque sur l’épistémologie comparée des concepts d’information et de communication dans les disciplines scientifiques (EPICIC)“ im Jahre 2011.

Anspruch des Bandes ist ein “multidisziplinärer” Ansatz, “Information” im Zusammenhang mit zwei weiteren wichtigen Schlagworten unserer Zeit, Kommunikation und Wissen, zu diskutieren. Begriffe definieren sich innerhalb von Theorien aber auch in der Praxis oft nur im jeweiligen Gebrauch und jeweiligen Bezug zueinander. Ein eindeutiger Gebrauch oder gar eine Definition der drei Begriffe ist nicht absehbar, wie auch in den Beiträgen dieses Bandes deutlich wird. Insofern greift das Hervorheben der drei genannten Begriffe noch zu kurz. Mindestens drei weitere wären hier zu nennen. In Zeiten von „Big Data“ sind Begriffe wie Daten, Medien und Dokumente genauso wichtig wie Information, Kommunikation und Wissen. All hier genannten Begriffe sind nur in einer "trans- und metadisziplinären" Sicht, welche der Band anstrebt, in ihrem Bedeutungsgefüge zu erfassen.

Die Diskussion um den Informationsbegriff ist einerseits geprägt von Versuchen, einheitliche Informationstheorien zu schaffen. Die ersten drei Beiträge von Søren Brier, Wolfgang Hofkirchner und Luciano Floridi bieten jeweils eher eine sehr einheitliche Sicht auf den Informationsbegriff, was natürlich die Gefahr erhöht, die eigene Sicht zu verabsolutieren und andere Sichten nicht mehr wahrzunehmen, wie Andrew P. Carlin in einer Rezension kritisch bermekt (Journal of the Association for Information Science and Technology 65, Nr. 6 (2014): 1299–1302, S. 1300). Andererseits werden unterschiedliche Informationsbegriffe teilweise pluralistisch und gleichberechtigt nebeneinander diskutiert. Auch Marcia J. Bates hebt in ihrem einschlägigen Enzyklopädie-Artikel das vielfältige Verständnis von Information hervor. Eine philosophische Sicht bietet der Eintrag „Information“ von Peter Adriaans in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2013 Edition).

Über die Verarbeitung von Information kann Wissen erzeugt werden, aus Wissen kann aber auch Information für andere stehen. Geht man davon aus, dass Information und Wissen z.B. in solcher Weise zusammenhängen, kommt man bei theoretischen Überlegungen zu Information und Wissen ohne erkenntnistheoretische (epistemologische) Betrachtungen nicht aus. Weiterlesen

Zum Wandel des Publikationsbegriffs in der post-digitalen Wissenschaft

Vor mehreren Wochen fand in Lüneburg an der Leuphana Universität "The Post-Digital Scholar Conference" statt. Veranstalter war das Hybrid Publishing Lab am dortigen Centre for Digital Cultures (Die Gelegenheit, einem anregenden Workshop vom Hybrid Publishing Lab zum Thema Open Access zu besuchen, nutzte ich schon einmal vor einem Jahr.). Vortragende aus Deutschland und der Welt diskutierten die Entwicklung des wissenschaftlichen Publizierens mit Schwerpunkt im Bereich der Kulturwissenschaften. Die Konferenz ist von den Veranstaltenden reich dokumentiert, mit einem Nachbericht in deutscher Sprache, Twitter-Reviews und Blog-Posts mit Berichten nach der Konferenz, aber auch mit Kurz-Interviews mit den Vortragenden vor der Konferenz. Im Januar sollen die Videos der Panels ins Netz gestellt werden.

Hier folgen punktuelle Eindrücke, Entdeckungen und sonstige persönliche Nachwirkungen von der Konferenz. Im beruflichen Alltag war der Besuch einer solchen Konferenz sicher eine Ausnahme, jedoch möchte ich die vielfältigen aus ihr entstandenen und langfristig wirkenden Anregungen und Gedankenhorizonte nicht missen. Trotz eines eigenen Panels zu Bibliotheken waren aus dem deutschen Bibliothekswesen nur sehr wenige vertreten. Alle anderen verpassten die Möglichkeit eine interessante und kritische Gemeinschaft von Forschenden und ihren Themen zur Weiterentwicklung digitaler Kulturwissenschaften kennenzulernen.

Die Konferenz war eine gute Gelegenheit, internationale Wissenschaftler im Bereich kulturwissenschaftlichen Publizierens wie Kathleen Fitzpatrick, David M. Berry, Geert Lovink oder Gary Hall zu hören oder neu zu entdecken. Das Nachdenken über die Entwicklung der wissenschaftlichen Kommunikation findet in den Geistes- und Kulturwissenschaftlen speziell im Rahmen des Themenfeldes "Digital Humanities" statt. Vergleichbare Spezialgebiete sind in den von der digitalen Entwicklung viel früher betroffenen Natur- und Technikwissenschaften die sich nennenden Bereiche "e-Science" und "Science 2.0", die aber beide wesentlich weniger kritisch wirken als manche der Vertretenden der Digital Humanities (zumindest auf dieser Konferenz!) erscheinen.

Am Ende der nachstehenden Punkte folgen noch ein paar Gedanken zur Transformation des Publikationsbegriffes!

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Kritisches zum neuen Entwurf eines Framework for Information Literacy

Die ACRL ist dabei ihre Standards zu reformieren und ein neues sogenanntes „Framework for Information Literacy for Higher Education“ [Aktuelle Version, Zusatz 21.7.2015] zu entwickeln und zu diskutieren. Es wurde in diesem Blog schon mal darauf hingewiesen. An dieser Stelle wurden auch die Grundpfeiler des Frameworks, sogenannte "Threshold concepts", erläutert.

Im immer wieder lesenswerten Blog „Sense und Reference“ von Lane Wilkinson wurden in den letzten Wochen die „Threshold concepts“ des neuen Framework-Entwurfs einer kritischen Analyse unterzogen. Im letzten Beitrag zum Konzept „Information has value“ sind alle diese noch einmal verlinkt. Hier nochmal die im Framework im aktuellen Entwurf genannten „Threshold Concepts“:

  1. Scholarship is a Conversation
  2. Research as Inquiry
  3. Authority is Contextual and Constructed
  4. Format as a Process
  5. Searching as Exploration
  6. Information has Value

Dies ist eine sehr spannende Entwicklung, geht diese doch in Richtung einer Diskussion zum Kern von Informationskompetenz, wie ich dies z.B. auch in meinem letzten Vortrag mit dem Titel „Informationskompetenz in sich ständig verändernden Informationsumgebungen – zum Kern von Informationskompetenz“ besonders betont habe.

Ich hoffe, die Entwicklung geht nicht erneut hin zu sozusagen festgeschriebenen "Threshold concepts" im Bereich Informationskompetenz. Ich fasse diesen Entwurf als Vorschlag für eine nicht abzuschließende Diskussion auf, und zu dieser sollten im Optimum auch Lernende beitragen. So wie ich "Treshold concepts" verstanden habe, sollten diese möglichst zusammen mit Lernenden, Studierenden bzw. Informationen und Informationssysteme Nutzenden diskutiert und erarbeitet werden.

"Threshold concepts" sind keine Konzepte, die Ausdruck des Denkens eines Berufsstandes oder von Institutionen wie Bibliotheken sein sollten, sondern sie sind das Verständnis eines Fachgebietes oder wie hier den Umgang mit Informationen prägende "Schwellenbegriffe", durch die erst ein tieferes, "wirkliches" (aus wessen Sicht auch immer! 😎 ) Verständnis desselben bzw. hier von Informationsprozessen möglich ist. Berücksichtigt man dies, kann das neue Framework für mich durchaus ein vielversprechender Ansatz sein.

Nachdenken über Wissenschaft – nachhaltig!

Die Fragen "Was ist eigentlich Wissenschaft?" bzw. "Wie funktioniert Wissenschaft?" oder "Wie kommt Wissenschaft zu Wissen?" sollten Teil jeder Lehrveranstaltung zum Thema „"Wissenschaftliches Arbeiten" sein. Genauso sollte eigentlich jedes Studium Gelegenheit bieten, über Wissenschaft im Rahmen von Studienanteilen zur Wissenschaftsforschung, -geschichte, – philosophie, -soziologie und -theorie zu reflektieren.

Gerade aktuell erscheint ein Nachdenken über alternative Veränderungen von Wissenschaft immer wichtiger. Aus wissenschaftlich-technischer Sicht betrifft dies Entwicklungen in Richtung einer „Open Science“ (vgl. Bartling, S. & Friesike, S. (Hrsg.). (2014). Opening Science. The Evolving Guide on How the Internet is Changing Research, Collaboration and Scholarly Publishing. Cham: Springer International Publishing.), aus (umwelt-)politischer Sicht die Frage, wie eine Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft mit Hilfe von Wissenschaft und Technik gelingen kann (Vgl. die Notwendigkeit einer „transformative literacy“, dargestellt von Schneidewind, U. (2013). (Transformative Literacy. Gesellschaftliche Veränderungsprozesse verstehen und gestalten. GAIA – Ecological Perspectives for Science and Society, 22 (2), 82–86).

Für die breite Öffentlichkeit bestimmte Werke zum Phänomen Wissenschaft unterstreichen die aktuelle Bedeutung von Reflexion über Wissenschaft, sind doch gerade in jüngster Zeit eine Reihe von schmalen, leicht zu lesenden Büchern dazu publiziert worden:

  • Zu Kennzeichen und Theorie von Wissenschaft lesenswert:
    • Mühlhölzer, F. (2011). Wissenschaft (Reclam-Taschenbuch). Stuttgart: Reclam.
    • Tetens, H. (2013). Wissenschaftstheorie : eine Einführung. München: Beck.
       
  • Zu Sichtbarkeit und Nutzen von Wissenschaft im Rahmen der gegenwärtigen Gesellschaft ein guter Einstieg:
    • Hoffmann, C. (2013). Die Arbeit der Wissenschaften. Zürich: Diaphanes.
    • Schummer, J. (2014). Wozu Wissenschaft? Neun Antworten auf eine alte Frage. Berlin: Kulturverlag Kadmos Berlin (Im Erscheinen, vgl. auch die Einleitung auf der Website des Autors).

Der Versuch, Wissenschaft zu verstehen, kann auch durch einen historischen Blick auf die Entstehung der verschiedenen Formen wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens unterstützt werden. Hier ein paar interessante Beispiele:

  • Rheinberger, H.-J. (2007). Historische Epistemologie zur Einführung. Hamburg: Junius-Verl. Vgl. zur Frage Was ist und wozu dient die historische Epistemologie? ein Konferenzbericht von 2008. Der Autor des Buches hat auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg im Oktober 2013 einen Vortrag mit dem Titel "Wissenschaftsgeschichte und das Wissen der Medien" (YouTube-Video) gehalten.
  • Daston, L. & Galison, Peter (2007). Objektivität. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Hier werden Abbildungen bzw. Repräsentationen als Ausgangspunkt für die historische Entwicklung des Objektivitätsgedankens in den Wissenschaften genommen. Dabei kommen beim Thema besonders auch die Subjektivität der Wissenschaft Treibenden und deren notwendige wissenschaftliche Tugenden in den Blick.
  • Ziche, P. (2008). Wissenschaftslandschaften um 1900. Philosophie, die Wissenschaften und der nichtreduktive Szientismus. Zürich: Chronos. Zur Geschichte klassifikatorischer Überlegungen zur Grundlegung von Wissenschaft als Teil einer Wissenschaftlichkeitsgeschichte. Vgl. auch folgenden Artikel zum Thema Wissenschaft, an dem der Autor dieses Buches auch beteiligt war: Ziche, Paul; Driel, Joppe van: Wissenschaft, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2011-11-29. URL: http://www.ieg-ego.eu/zichep-drielj-2011-de URN: urn:nbn:de:0159-2011112141