Discovering – the future library

Eigentlich wollte ich mit diesem Blog-Eintrag nur auf den Open-Access-Artikel von Lorcan Dempsey mit dem Titel "Libraries and the informational future: Some notes" (Information Services and Use 32 (2012) 3-4, 203-214) hinweisen, der nochmals seine Sicht auf die zukünftige Entwicklung von Bibliotheken zusammenfasst. Eine dazu passende Präsentation eines vor kurzem gehaltenen Vortrages von Lorcan Dempsey findet man bei Slideshare.

Erst kurz vor Weihnachten hatte Anne Christensen schon auf einen weiteren Artikel von Lorcan Dempsey hingewiesen, zum Thema Discovery-Systeme. Und nun gibt es in Annes Blog einen weiteren Beitrag zum Thema: "8 hypotheses why librarians don’t like discovery".

Meine nach obigem fast auf der Hand liegenden These: Das Nachdenken über die Vor- und Nachteile von Discovery-Systemen hat viel zu tun mit dem Nachdenken über das Selbstverständnis und die zukünftige Entwicklung von Bibliotheken.

New roles for new times

Die amerikanische Association of Research Libraries (ARL) hat im Dezember in der Reihe "New roles for new times" einen Report "Research Library Services for Graduate Students", geschrieben von Lucinda Covert-Vail und Scott Collard, herausgebracht.

Er fasst relativ knapp für mich nochmals die Herausforderungsbereiche moderner Bibliotheksentwicklung zusammen:

  • Dienstleistungen zielgruppengerecht segmentieren,
  • neue physische (und mentale 😎 – hier wäre das neu gegründete Open Science Lab der TIB Hannover ein Beispiel!) Räume schaffen bzw. für vorhandene Räume neue Möglichkeiten ausprobieren,
  • neue Partnerschaften eingehen
    (bzw. alte wiederaufleben lassen – meinem Empfinden nach fehlt es auf dem Universitätscampus oft an einer Koordination zu Themenbereichen, die diverse Dienstleistungsbereiche wie Bibliothek, Rechenzentrum, Studierenden-Service, Didaktisches Zentrum usw. betreffen) und
  • Organisationsstrukturen (behutsam!) verändern bzw. anpassen.

Besonders interessant finde ich hinsichtlich des ersten obigen Punktes die Orientierung von Services am akademischen Life-Cycle:

  • Reader and learner—trying to become acquainted with a field and its literature
  • Teacher or “becoming teacher”—learning to apply pedagogy to deliver course content
  • Researcher—collecting data in field sites or through available resources
  • Analyzer and synthesizer—processing and analyzing data collected
  • Writer—learning how to stay motivated, finding the space and mutual support from others
  • Proto-author—orienting towards publishing, copyright, and scholarly communications
  • Archiver—depositing data or final products into library (or other) repositories
  • Job hunter—taking the next academic or professional step

(S. 9-10)

Zur Geschichte, Theorie und Praxis von Bibliothekskatalogen

Diese gelungene Mischung an Aufsätzen zu Geschichte, Theorie und Praxis von Bibliothekskatalogen und Discovery-Systemen ist zur Zeit frei verfügbar auf der Website der Zeitschrift Library Trends.

Passend dazu der Aufsatz "Der Katalog : Repräsentation von Medien als Geschichte des Denkens über Wissen, Information, Medien, Nutzerinnen und Nutzern" von Karsten Schuldt in der aktuellen Ausgabe "Bilder, Graphen, Visualisierungen" der Zeitschrift Libreas.

Learning everywhere

Mehr als zwei Monate keinen Blog-Beitrag hier, das ist mir lange nicht passiert. Ich komme immer weniger dazu, hier etwas zu schreiben, versuche aber wenigstens Twitter ab und zu zu nutzen.

„Learning everywhere“ war der Titel eines Vortrages, den Michael Stephens am 26.10.2012 an der TU Hamburg-Harburg gehalten hat.

Meine Einführung zu diesem Vortrag dokumentiere ich hier mit den inhaltlichen Passagen nach der Begrüßung und dem Dank an die Beteiligten:

Welcome for Michael Stephens

Hello all together. […] I have the honour to cordially welcome you all and especially Mr. Michael Stephens, Assistant Professor at the School of Library and Information Science of the San Jose State University in California who will talk this evening about the topic “Learning Everywhere. Transformative Libraries & Services“.

[…] Welcome friends of the TUHH library, a word I can use here also in the sense it is used in Facebook. […] Let me also mention at this point that this event is part of the national promotion week ‘Meeting Point Library’ starting this week on Wednesday October 24, the day of libraries in Germany.

Thinking about the future of the library has been an ongoing task in the life of the TU library. And this is true also for my own professional life. As a small university library from its beginning the TU library has tried to be innovative. Many of my colleagues in the library have been very busy to stimulate innovation processes since years.

One technical result of today is our discovery system and catalog VuFind, we call it now TUBfind. Another is our new website which integrates TUBfind as well as our weblog using the open-source blog software WordPress: I want also to mention here the use of RFID technology in our library. As I do today all the colleagues in the TU library learn something new every day what means being innovative for yourself.

We will hear a talk by Michael about the future of learning and the role the library in this process of learning. In times when literacy can be defined as “engaging with information in all of its modalities” [this citation from O’Farrill, Ruben Toledano: Information literacy and knowledge management. Preparations for an arranged marriage. In: Libri 58 (2008). p. 155–171, especially p. 167] and when literacy can be viewed as a social activity, libraries play their roles as learning facilitators, promoters of an information culture which should be rich and comprehensive, multifaceted and consciously experienced. The last point, a consciously experienced information culture is the aim of those activities in libraries concerning media and information literacy. Playing and networking are important so-called new media literacies. Also mobile learning, one of the topics of Michael, is really an issue here! The information culture you find in and through libraries is an important complement to the monoculture spread by Google or Facebook.

Let us now learn from Michael Stevens!

In diesem sehr inspirierenden Vortrag, dessen Folien auch im Netz sind und bei dem man nicht merkte, dass nach 60 Minuten knapp 150 Folien gezeigt wurden, war für mich besonders der Hinweis auf das Konzept des Transformative Learning im Rahmen der Erwachsenenbildung von Jack Mezirow spannend. Der aus meiner Sicht wichtigste Satz auf die Bibliotheken bezogen lautete: "Willing to leave out our physical walls".

Mehr von Michael Stephens:

Am meisten lernt man ja auch , wenn man selbst eine Präsentation vorzubereiten hat. Seit August habe ich zwei Präsentationen gegeben, je eine zu den beiden Themen, die mich schwerpunktmäßig interessieren:

Aufsätze und politische Statements zur Informationskompetenz

Drei spannende Aufsätze sind gerade im "Nordic Journal of Information Literacy in Higher Education" erschienen (Vol 4, No 1 (2012), Dank an Sheila Webber für den Hinweis in ihrem Blog):

Während der Beitrag von Sonja Spiranec und Mihaela Banek Zorica vor dem Hintergrund einer "Science 2.0" über veränderte Rahmen und Konzepte von Informationskompetenz nachdenkt, reflektiert Andrew Whitworth über Auswirkungen solch einen Übergangs auf die Theorie und Praxis der didaktischen Vermittlung.

Ein Beispiel für das Thema von Sirje Virkus Beitrag lässt sich auch gerade wieder in Deutschland betrachten, wo die beiden wissenschaftspolitischen Institutionen Wissenschaftsrat und Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sich einen Wettkampf um die Deutungshoheit bei der Weiterentwicklung der Informations-Infrastruktur in Deutschland liefern. 😎 Immerhin ist das Thema Informationskompetenz in beiden Papieren erwähnt:

  • Positionspapier "Die digitale Transformation weiter gestalten – der Beitrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu einer innovativen Informationsinfrastruktur für die Forschung" DFG (Juli 2012).

    "Die Fähigkeit, mit einer steigenden Menge von Informationen und Informationsquellen sowie mit komplexer werdenden Kommunikationsstrukturen umzugehen, bedingt ein hohes Maß an Medien- und Informationskompetenz jenseits einer reinen Recherchekompetenz. Diese Anforderung sollte unter anderem in den Curricula der Graduierten- und Postgraduiertenausbildung verbindlich verankert werden, um gezielte Verbesserungen einer allgemeinen, fächerübergreifenden ebenso wie einer spezifischen, fachnahen Nutzung der modernen digitalen Informationsinfrastruktur zu erreichen."

    (S. 4)

  • Empfehlungen zur Weiterentwickung der wissenschaftlichen Informationsinfrastrukturen in Deutschland bis 2020 (Drs. 2359-12) Wissenschaftsrat (Juli 2012)
  • "Der Wissenschaftsrat spricht sich dafür aus, dass die insbesondere Informations- und Medienkompetenz (Medienbildung) für den digitalen Bereich umfassende Kulturtechnik bereits im schulischen Fachunterricht erworben und im Rahmen jedes grundständigen Studienganges an Hochschulen vertieft wird. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Kulturtechnik ist zudem die Fähigkeit zu reflektieren, ‚inwiefern Medien in ihrer sozialkommunikativen, ästhetischen und technischen Dimension stets zugleich auch mitkonstituieren, was sie nur zu vermitteln bzw. zu transportieren scheinen.’"

    (Abschnitt B.II Zu Nutzungsformen, Teil II.1 Medienbezogene Kulturtechniken und Informationskompetenz, S. 41-42)

    Der Ausdruck Kulturtechnik an dieser Stelle gefällt mir. 😎

Herausforderungen und Ideen zur Bibliotheksinnovation

Eine gute Grundlage für Ideen und zur Beurteilung der Situation von wissenschaftlichen Bibliotheken ist für mich ein Report des amerikanischen Education Advisory Board [Link am 29.11.2012 auf die verkürzte Version geändert, da vollständige Version des Reports nicht mehr verfügbar!], der z.B. Kanzler und Präsidien von Universitäten berät und auf den ich im Dezember 2011 schon mal im Plan3t.info hingewiesen habe.

Die Hauptpunkte aus meiner Sicht führe ich im Folgenden zusammenfassend auf:

Herausforderungen

  • Traditionelle Kenndaten erfassen nicht den Wert von Bibliotheken für die Universität.
  • Weiter steigende Zeitschriftenpreise machen alternative Publikationsmodelle notwendig.
  • Sinkende Nachfrage nach traditionellen Dienstleistungen
  • Akademische Unterstützungs-Dienstleistungen bedeuten ein „Sich-Einlassen“ auf Studierende, Lehrende und Forschende.

Digitale Sammlungen in Schwung bringen

  • eBooks vor dem Durchbruch
  • Digitale Sammlungen in großem Maßstab
  • Nutzungseinschränkungen und das Urheberrrecht bleiben
  • Patron-driven acquisition

Alternative Modelle der Wissenschaftspublikation unterstützen

  • Konsortien nutzen
  • Pay-Per-View ausprobieren
  • Open Access verändert und wirkt weiterhin.
  • Infrastruktur für Open Access ausbauen.

Bibliothek als Raum umwidmen

  • Gedruckte Bestände umfangreich, teuer und wenig genutzt.
  • Virtuelle Discovery-Dienste ersetzen das zufällige Browsing am Regal.
  • Regelmäßiges, systematisches Aussondern von gedruckten Beständen.
  • Gemeinsame Speicherung gedruckter Bestände und gemeinsame Erwerbungsprofile mit anderen Bibliotheken
  • Bibliotheksraum für gemeinschaftliches Lernen zur Verfügung stellen

Bibliothekspersonal neu einsetzen, Organsiation umstrukturieren

  • Auskunfts-Service anders anbieten, auch „Embedded Librarians“
  • Zusammenarbeit mit dem Rechenzentrum verstärken
  • Förderung von Informationskompetenz ernst nehmen

Interessant ist in diesem ganzen Zusammenhang auch eine Nutzerumfrage 2011 der Uni-Bibliothek der TU München

‚Wahrnehmen‘ von Leitung

Da ich ja schon seit einigen Jahren in einer kleineren Universitätsbibliothek eine Leitungsposition innehabe, beschäftigt mich das Thema ‚Wahrnehmen‘ von Leitung eigentlich ständig. Und ‚Wahrnehmen von Leitung‘ bedeutet immer zweierlei, einerseits wie ich selbst meine Leitungsposition wahrnehme, also aktiv gestalte, oder andererseits wie diese von anderen Menschen wahrgenommen wird. Eigentlich kommt noch mehr hinzu:

"Wie eine Person ist, wie sie auf andere wirkt und wie sie sich selbst sieht, sind drei verschiedene Paar Schuhe." (S. 177)

Obigen Satz habe ich einem Buch entnommen, das ich zur Zeit lese und das mir beim Reflektieren über das Thema viel hilft: Führen : Worauf es wirklich ankommt / von Daniel F. Pinnow. 5. Aufl. Wiesbaden : Gabler Verlag / Springer, 2011. Nur der Titel gefällt mir nicht so ganz, Führung als Begriff hat für mich immer noch einen unangenehmen Beigeschmack, Leitung als Begriff klingt sehr handwerklich, da fehlt manches Philosophische, was bei Führung mitschwingt, eigentlich erscheint mir zur Zeit der Begriff Management als der beste.

Am meisten angetan hat mir bisher das 3. Kapitel des Buches mit dem Titel "Systemische Führung. Oder: Eine Welt gestalten, der andere gerne angehören wollen".
Weiterlesen

Diskussionen um Wissenschaftsverlage, Open Access etc.

Ein paar Links zur Diskussion der letzten Tage:

Theoretisch-philosophische Reflexionen zu Bibliothek und Information

Ausgehend von einem Durchblättern des schwergewichtigen Buches "The atlas of new librarianship" von R. David Lankes (Cambridge, Mass.: MIT Press, 2011), zu dem es auch eine spannende Website gibt, suchte ich nach ein paar Rezensionen, fand z.B. die von Dale Askey, und landete in einem Blog mit dem Namen "Sense and Reference".

Dieses enthielt nicht nur eine ausführliche, sehr kritische Besprechung von Lankes‘ Buch, sondern in anderen Beiträgen faszinierende Auseinandersetzungen mit grundsätzlichen philosophischen Fragen zu Bibliothek und Information, so auch einen Lankes‘ Ansatz weiter kritisierenden Beitrag mit dem Titel "Libraries are not in the construction business".

Ich stimme mit dem Autor des Blogs "Sense and Reference", Lane Wilkinson, in vielen Punkten nicht überein – so vertritt er aus meiner Sicht einer zu einseitig realistische Haltung. Trotzdem sind viele Beiträge spannend, um z.B. die eigene Haltung zu schärfen. In der Diskussion zum zuletzt genannten Blog-Beitrag hat Angela Pashia meine Haltung zur Position von Wilkinson so mit ausgedrückt:

We need a middle ground that breeds a healthy skepticism (I like to think of that as information literacy, the ability to evaluate an information resource) without denying either an objective external reality or the influence of social conditions on learned human behavior.

Ein ebenfalls interessanter Blog-Beitrag befasst sich mit den Themen Literacy und Transliteracy.

BTW: Innerhalb einer Umfrage zum Thema Meta-Literacy von Thomas P. Mackey (siehe auch seinen Aufsatz mit Trudy E. Jacobson "Reframing Information Literacy as a Metaliteracy") habe ich übrigens zur Frage "Which of the following literacies do you think are components of information literacy?" – es folgten "Media literacy, Digital literacy, Cyber literacy, Visual literacy, Mobile literacy, Critical literacy, Health literacy, Other (please specify)" – bemerkt:

You can find dozens of discussions which special literacy is part of which other special literacy. It is a question of the viewpoint and socialization of the discussion member. In case you define ‚literacy‘ as „engaging with information in all of its modalities“ like O’Farrill, Ruben Toledano: Information literacy and knowledge management. Preparations for an arranged marriage (In: Libri 58 (2008) p. 155-171, p. 16) all above is literacy! […] but perhaps you should define meta-literacy as ‚reflecting about literacy‘ what I would like.

Wilkinson bietet in seinem Blog auch eine Zusammenstellung von Lektüre zum Thema "Library and Philosophy".

Man müsste auch mal darüber nachdenken, was zum Thema "Theoretisch-philosophische Reflexionen zu Bibliothek und Information" in Deutschland sichtbar ist. Rafael Capurro und auch Uwe Jochum sind mir da sofort eingefallen. Und natürlich der umtriebige Libreas-Blog mit Ben Kaden, der gerade Anfang des Jahres einen Überblick zur Forschung im Bibliotheks- und Informationswissenschaft im Jahre 2011 gegeben hat! Auf dem letzten Bibliothekartag gab es immerhin eine Session zu ethischen Fragen!

Fragen Sie mich übrigens nicht, wann man dann Ganze lesen soll, wenn man als Praktiker in einer Bibliothek arbeitet! Daher hier auch nur ein Hinweis auf die Möglichkeiten, die ich so wahrgenommen habe.