Bibliothek 2.0 und Bibliotheksentwicklung

Schweizer Kollegen publizieren eine neue ambitionierte Zeitschrift mit dem Titel "027.7 Zeitschrift für Bibliothekskultur / Journal for Library Culture". Bei mir ist der Untertitel Bibliothekskultur besonders gut angekommen, da ich ja auch gerne von Informationskultur rede. 8-) Außerdem habe ich gerade einen Aufsatz für eine amerikanische Bibliotheks-Zeitschrift über einen der ersten Förderer der Dezimalklassifikation in Deutschland geschrieben, der in seinen Briefen an Mitstreiter DK-Notationen als Ersatz für manche Worte verwendet, wodurch mich der Titel der Zeitschrift zusätzlich angesprochen hat.

Mein Hamburger Kollege Werner Tannhof, der im Blog der Universitätsbibliothek der Helmut-Schmidt-Universität immer wieder interessante Beiträge publiziert, hat zudem einen Artikel mit dem Titel "Das deutsche wissenschaftliche Bibliothekswesen jenseits der Bibliothek 2.0 – Zukunft jetzt gestalten" beigesteuert. Da Werner Tannhof mich im Vorfeld des Artikels nach meiner Sicht gefragt hat, wie die Bewegung zur Bibliothek 2.0 die Bibliotheksentwicklung in Deutschland geprägt habe, erlaube ich mir hier noch ein paar Anmerkungen.

  • Die Existenz eines wirklichen Mehrwertes von Bibliothek-2.0-Aktivitäten für die Nutzenden von Bibliotheken ist sicher schwierig zu messen. So kann man auch für das Blog der TUHH-Bibliothek fragen, wieweit dessen Inhalt wahrgenommen werden – gefühlt manchmal eher weniger! Trotzdem ist es ein wichtiges Instrument des Marketing von Neuigkeiten. Als Bibliothek hat die TU-Bibliothek beim Thema Web 2.0 wahrscheinlich auch die Entwicklung der Universität in Richtung Social Media mit beeinflusst. Die TUHH als Institution Universität fängt erst seit letztem Jahr in diesem Bereich vermehrt Aktivitäten an!
  • Bei vielen Aktivitäten von Bibliotheken im Bereich IT sind Bibliotheken oft Early-Adopter! Und dies gilt teilweise auch für das Thema Web 2.0! So z.B. auch beim eLearning, wo an der TUHH auch die Bibliothek mit eine treibende Kraft war, Lernmanagement-Systeme – und besonders als Open Source Variante – einzuführen. Die von Werner Tannhof in einem Blog-Artikel zitierten Thesen zum Scheitern wissenschaftlicher Bibliotheken von Steve Coffman finde ich zu kritisch. Innovationen brauchen auch Freiräume und ein Aus- und Rumprobieren und kein sofortiges Schielen auf Nachhaltigkeit! Man kann das auch alles anders verkaufen als Coffmann, Bibliotheken sind und waren immer am Puls der Zeit, so beim Erstellen von Webverzeichnissen und bei den Informationsvermittlungsstellen – Bibliotheken sind damit aber auch immer Teil der allgemeinen Entwicklung gewesen. Insgesamt ist es sicher auch viel zu früh, um endgültig über Beiträge der Library 2.0 Bewegung auf die Bibliotheksentwicklung zu sprechen! Spannend und ein positives Beispiel ist übrigens hier auch das Open Science Lab der TIB Hannover.
  • Das Thema Informationskompetenz profitierte für mich von Bibliothek-2.0-Aktivitäten dadurch, dass das Eigentliche oder der Kern von Informationskompetenz schärfer gefasst werden kann. Der ständige Wandel der Informationstechnologie wirft eben die Frage auf, welche Fähigkeiten und Eigenschaften des Individuums im Bereich Informationskompetenz wichtig bleiben. Lambert Heller sieht Informationskompetenz-Förderung als Teil eines veränderten Bibliotheksmarketing, in dem alle in Bibliotheken Arbeitenden ihre eigene Arbeit und die damit verbundenen Herausforderungen öffentlich (beispielsweise in Blogs) darstellen und wirklich selbst Erfahrungen im Web 2.0 sammeln. Nur durch für Interaktion auf Augenhöhe und Mitagieren in virtuellen Gemeinschaften sei es ohne pädagogischen Duktus und in informellem Rahmen möglich, durch Authentizität, Aufbau von Reputation und Nähe zur jeweiligen Gemeinschaft die Entwicklung von Informationskompetenz bei deren potentiellen Mitgliedern zu fördern und gleichzeitig die Reputation der Einrichtung Bibliothek zu erhöhen. Das heisst auch Mitforschen und Mitpublizieren, um aufgrund eigener Erfahrungen Beratung und Publikationsunterstützung geben zu können.
  • Dass das Thema Lernort für Werner Tannhof zu den großen Herausforderungen von Bibliotheken gehört, ist sicher nicht falsch. Es ist als Thema eigentlich aber eher und auch ein Thema für die Universität insgesamt. So gibt es an der TUHH im neuen Hauptgebäude studentische Lern- und Gruppenarbeitsräume, die nichts mit der Bibliothek zu tun haben. Trotzdem hoffe ich und als TU-Bibliothek arbeiten wir ständig daran, dass bei einer Universität als Institution eine Bibliothek weiterhin immer mit gedacht wird.
  • Eindeutig positive Beiträge von Bibliothek 2.0 zur allgemeinen Bibliotheksentwicklung sind natürlich die Web 2.0 Kataloge, heute Discovery-Systeme genannt, aber (!!) genauso wichtig ist heutzutage die Pflege der Knowledge Base von Link Resolvern – das ist fast wichtiger als klassische Katalogisierung bzw. das ist Katalogisierung heute!
  • Ein sehr wichtiger Aspekt von Bibliotheksentwicklung durch Bibliothek 2.0 ist der Einfluss auf die interne Bibliotheksentwicklung. Immer mehr Kolleginnen und Kollegen können sich durch Blog-Beiträge u.a. an dem beteiligen, was man früher Öffentlichkeitsarbeit nannte. Schon lange nutzt die TU-Bibliothek intern ein Wiki, womit Kommunikationsmöglichkeiten und Mitarbeiterinnen-Beteiligung geschaffen wurden, die vorher so kaum möglich waren! In meiner Bibliothek ist das Wiki neben seiner Funktion zur internen Dokumentation Instrument für die Begleitung von Projekten, Planung von Veranstaltungen und manchmal sogar strategischen Diskussionen. Auch die Möglichkeiten für alle in Bibliotheken Arbeitenden auf dem Laufenden zu bleiben, wurden durch Web 2.0 Tools wesentlich erhöht. Klar, nicht jeder nimmt dies zu jeder Zeit wahr, mancher vielleicht auch gar nicht.

Zum Abschluss noch ein paar persönliche Bemerkungen zu Stellen, die mir im Text von Werner Tannhof besonders aufgefallen sind:

  • Werner Tannhof bezeichnet mich als eine "’Gallionsfigur’ der deutschen IK-Vermittlungsszene" (S. 6). Ganz abgesehen davon, dass man Informationskompetenz nicht vermitteln sondern nur fördern kann: In Wikipedia habe ich gelernt, dass Galionsfiguren "ein ‘lebendes Aushängeschild’ eines Vereines oder einer Interessengruppe sind oder eine Führungs- oder Vorreiterfunktion innehaben". Wenn überhaupt dann gilt dies für mich eher im Sinne des ebenfalls bei Wikpedia erwähnten "Aberglauben[s] von Seeleuten", also als jemand, der "den Kurs des Schiffes beobachten[t] und es vor Unglück bewahren[t]". 8-)
     
  • "Wie es deutsche Bibliotheksleitungen und die Referenten in den Länderministerien zulassen können, dass IT-Abteilungen ihrer Kreativität und ihrem Ehrgeiz freien Lauf lassen dürfen und nicht zumindest auf regionaler Ebene (wie in Sachsen) gemeinsam entwickeln, wird sich einem Aussenstehenden wohl kaum vermitteln lassen."(S. 9)

    Hier frage ich mich, wie Kreativität, die in Bibliotheken jetzt und für die Zukunft unabdingbar ist, entstehen soll ohne gewisse individuelle Freiräume. Die Möglichkeiten, eigene Ideen umzusetzen und Erfahrungen zu sammeln (natürlich im weiteren Bereich des eigenen Arbeitsumfeldes), ist für mich legitim, und diese möchte auch ich selbst nicht missen. Sie führen zumindest aufgrund meiner Erfahrungen an der TU-Bibliothek zu sehr guten Ergebnissen bei der Weiterentwicklung der Bibliothek.

    Mangelnde Kreativität führt im deutschen Bibliothekswesen aus meiner Sicht auch dazu, dass bei der "Neuausrichtung überregionaler Informationsservices" lieber auf kommerzielle System gesetzt wird, wie die von Adrian Pohl in einem Blog-Beitrag diskutierten Entscheidungen zu DFG-Anträgen zeigen.

  • "Dezent wird dabei allerdings von der bibliothekarischen Blogger- und Twitterer-Szene ausser Acht gelassen, dass derartige Aktivitäten zu nicht geringen Anteilen während der regulären Arbeitszeiten erfolgen und nicht unmittelbar mit den eigentlichen beruflichen Aufgaben, nämlich dem täglichen Dienst am ‘Kunde König’ zu tun haben …" (S. 7)

    Auch diesen Satz kann ich leider nicht ganz nachvollziehen: Laufende Weiter- und Fortbildung gehören unablässig zum beruflichen Alltag dazu und damit auch das Lesen von Blogs und die Nutzung von Twitter. Und zum Verarbeiten von Information ist es immer noch am besten, diese für sich festzuhalten und im Optimum für andere auch zur Verfügung zu stellen. Insofern halte ich ein Bloggen und Twittern während der Arbeitszeit in einem gewissen Rahmen sogar für notwendig.

    Zudem wird die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit immer diffuser, was positiv empfunden werden kann aber nicht muss (!). Denn dies hat auch große Nachteile. Um diese zu vermeiden, ist Selbstmanagement gefragt, eine Kompetenz, welche zu erlangen nicht immer einfach ist (bei mir jedenfalls ist deren Erlangen immer noch ein laufender Prozess!).

    Klar ist es hier denkbar, dass man zu viel Zeit ins Bloggen und Twittern investiert und Anderes vernachlässigt. Aber die immer vielfältiger werdenden Bedürfnisse von Nutzenden verlangen immer grössere Kompetenzen von in Bibliotheken Arbeitenden, die nur durch ständiges Lernen entwickelt werden können, und dabei kann auch das Bloggen und das Twittern unterstützen.

ANCIL – eine neue wichtige Abkürzung

Aufmerksam wurde ich auf "A New Curriculum for Information Literacy (ANCIL)" wieder einmal durch Sheila Webber’s Blog. Der von ihr initiierte "Information Literacy Journal Club" diskutierte über ANCIL.

ANCIL ist das Ergebnis eines Projektes an der Cambridge University Library. Federführend waren Jane Secker und Emma Coonan. Die Britin Jane Secker wurde gerade einer der Movers and Shakers 2013 des amerikanischen Library Journal.

Das Projekt wurde schon 2011 beendet, wurde von mir aber bisher nicht wahrgenommen. Auf der Projekt-Homepage von ANCIL finden sich mehrere spannende Dokumente:

Das Executive Summary bietet einen ersten Überblick über die 10 "strands" (Fäden) des Curriculums.

  1. Transition from school to higher education
  2. Becoming an independent learner
  3. Developing academic literacies
  4. Mapping and evaluating the information landscape
  5. Resource discovery in your discipline
  6. Managing information
  7. Ethical dimension of information
  8. Presenting and communicating knowledge
  9. Synthesising information and creating new knowledge
  10. Social dimension of information literacy

Hier und in dem weiteren eher theoretischen Papier von Emma Coonan "Teaching learning: perceptions of information literacy (theoretical background)" wird wirklich über den Tellerrand bibliothekarischer Informationskompetenz geschaut. Hier findet sich auch die folgende schöne Definition von Informationskompetenz:

"… information literacy as a continuum of skills, behaviours, approaches and values that is so deeply entwined with the uses of information as to be a fundamental element of learning, scholarship and research."

Im eigentlichen Curriculum "A new curriculum for information literacy: curriculum and supporting documents" findet man dann eine detaillierte Beschreibung zu Inhalten, Lernzielen, Beispiel-Aktivitäten und Bewertungs-Beispielen zu allen zehn Strängen des Curriculums. Dies wirkt alles sehr praktisch und ist sicher hilfreicher als manche Informationskompetenz-Standards. Enthalten ist in diesem Bericht (S. 17-20) dann auch eine schöne Gegenüberstellung von ANCIL zu den Sconul 7 Pillars, den ACRL Stanadrds und den ANZIIL Standards. Letztere bitte nicht mit ANCIL verwechseln! 8-)

Vielleicht kann ANCIL ja helfen, dass eine der sicher teilweise polemischen "Steilen Thesen" mit ernstem Hintergrund von Karsten Schuldt für die Zukunft der Bibliotheks- und Informationsiwssenschaft nicht Wirklichkeit wird:

“In zehn Jahren wird dem Bibliothekswesen klar geworden sein, dass die Behauptungen (a) Informationskompetenz wäre gesellschaftlich wichtig, (b) Informationskompetenz wäre vor allem Recherchefähigkeit und (c) Bibliotheken würden Informationskompetenz fördern, ausserhalb der Bibliotheken kaum ernstgenommen wird. Das Bibliothekswesen wird sich dann zu fragen beginnen, ob These (a) und (b) überhaupt stimmen und sich in diesen Diskussionen verfangen, während die Gesellschaft diese Diskussion weiter ignoriert.”

Zur Zukunft des Reference Service in Bibliotheken

Die englische Bezeichnung dessen, was in deutschen Bibliotheken Information, Auskunft oder auch Auskunfts- oder Informationsdienst genannt wird, umfasste schon immer mehr Service als in Deutschland üblicherweise angeboten wird.

In seinem schönen Beitrag "Preparing to Meet the Future of Reference Service: Leverage Knowledge and Instruction for Tomorrow’s University Library" beschrieb David Michalski, University of California, Davis, 2011 seine Sicht auf die zukünftige Entwicklung.

Hier ein paar, auch aus meiner Sicht programmatische Textausschnitte, die nicht nur auf den Auskunftsdienst zu beziehen sind, sondern auf die gesamte wissenschaftliche Bibliothek, einschliesslich deren Aktivitäten zur Förderung von Informationskompetenz:

"Reference is not an imposition [= lästige Pflicht!]; rather it lays bare what is already integral to the intellectual project of universities. To refer is to provide context, to put into connection, to follow the connection that weaves together social worlds.[...]

The reference librarian thus teaches the archaeology of documents. He or she helps reconstruct how documents come to life, and how they are received in different circumstances. The reference librarian alerts readers to the social life of information by teaching how connections and distinctions take shape within a document’s information network.[...]

… one must get to know one’s patrons by participating in their academic life. Librarians at universities ought to find ways to imagine the social world of students and faculty, perhaps by attending classes and discussing how syllabi are designed. [...]

The accelerated instability of disciplinary boundaries challenges the library.[...]

A paradox of transparency has arisen within the contemporary information environment: while the visibility and access to information expands, the social context of information seems to have become less transparent. The same vast, multidisciplinary digital reserves, which make the discovery of information possible has led to a disembodied form of content presentation. Context is harder to perceive. As such it is harder for both the researcher and librarian to re-situate the social location of information. In this environment, the interpretation, evaluation, and translation of sources becomes a crucial factor in the successful research endeavor. As such, universities require the diffusion of new information literacy skills, those appropriate to a changing infoscape.[...]

The separation between librarian skills and academic research skills no longer holds, but this is not disintermediation.[...]

Librarians need to understand the research process. [...] This knowledge is best acquired through practice.[...]

Reference and collection development are complementary tasks and ought to be thought about and practiced together.[...]

Data information literacy

Das neue HRK-Papier zur Informationskompetenz fordert ihn (S. 16, S.19), den “data librarian”. Forschungsdaten sind ein aktuelles Thema. Bibliotheken bieten immer mehr Stellen im Bereich Datenmanagement auch der eigenen Daten (Metadatenmanagement mit Link-Resolvern, Nutzungsdaten-Management, Publikation von Linked Open Data, Nutzung von Persistent Identifiers für Autoren und Publikationen, Publikationsberatung auch zu Forschungsdaten usw.).

Dass das Thema Daten-Informationskompetenz nicht nur die Kompetenz von Informationsexperten meint, sondern heutzutage für alle wissenschaftlich Forschenden von Belang ist, zeigt das Projekt "Data Information Literacy", an dem unter anderen die Purdue University Libraries beteiligt sind.

Mehr zum Thema Forschungsdaten:

Historisch ist der Data Librarian übrigens in der Chemie früh beschrieben worden:

[Zusatz vom 24.2.2013:]
In einer persönlichen Mail hat mich Anne-Katharina Weilenmann
dankenswerterweise auf weitere sehr interressante Links aufmerksam gemacht:

Discovering – the future library

Eigentlich wollte ich mit diesem Blog-Eintrag nur auf den Open-Access-Artikel von Lorcan Dempsey mit dem Titel "Libraries and the informational future: Some notes" (Information Services and Use 32 (2012) 3-4, 203-214) hinweisen, der nochmals seine Sicht auf die zukünftige Entwicklung von Bibliotheken zusammenfasst. Eine dazu passende Präsentation eines vor kurzem gehaltenen Vortrages von Lorcan Dempsey findet man bei Slideshare.

Erst kurz vor Weihnachten hatte Anne Christensen schon auf einen weiteren Artikel von Lorcan Dempsey hingewiesen, zum Thema Discovery-Systeme. Und nun gibt es in Annes Blog einen weiteren Beitrag zum Thema: "8 hypotheses why librarians don’t like discovery".

Meine nach obigem fast auf der Hand liegenden These: Das Nachdenken über die Vor- und Nachteile von Discovery-Systemen hat viel zu tun mit dem Nachdenken über das Selbstverständnis und die zukünftige Entwicklung von Bibliotheken.

New roles for new times

Die amerikanische Association of Research Libraries (ARL) hat im Dezember in der Reihe "New roles for new times" einen Report "Research Library Services for Graduate Students", geschrieben von Lucinda Covert-Vail und Scott Collard, herausgebracht.

Er fasst relativ knapp für mich nochmals die Herausforderungsbereiche moderner Bibliotheksentwicklung zusammen:

  • Dienstleistungen zielgruppengerecht segmentieren,
  • neue physische (und mentale 8-) – hier wäre das neu gegründete Open Science Lab der TIB Hannover ein Beispiel!) Räume schaffen bzw. für vorhandene Räume neue Möglichkeiten ausprobieren,
  • neue Partnerschaften eingehen
    (bzw. alte wiederaufleben lassen – meinem Empfinden nach fehlt es auf dem Universitätscampus oft an einer Koordination zu Themenbereichen, die diverse Dienstleistungsbereiche wie Bibliothek, Rechenzentrum, Studierenden-Service, Didaktisches Zentrum usw. betreffen) und
  • Organisationsstrukturen (behutsam!) verändern bzw. anpassen.

Besonders interessant finde ich hinsichtlich des ersten obigen Punktes die Orientierung von Services am akademischen Life-Cycle:

  • Reader and learner—trying to become acquainted with a field and its literature
  • Teacher or “becoming teacher”—learning to apply pedagogy to deliver course content
  • Researcher—collecting data in field sites or through available resources
  • Analyzer and synthesizer—processing and analyzing data collected
  • Writer—learning how to stay motivated, finding the space and mutual support from others
  • Proto-author—orienting towards publishing, copyright, and scholarly communications
  • Archiver—depositing data or final products into library (or other) repositories
  • Job hunter—taking the next academic or professional step

(S. 9-10)

Zur Geschichte, Theorie und Praxis von Bibliothekskatalogen

Diese gelungene Mischung an Aufsätzen zu Geschichte, Theorie und Praxis von Bibliothekskatalogen und Discovery-Systemen ist zur Zeit frei verfügbar auf der Website der Zeitschrift Library Trends.

Passend dazu der Aufsatz "Der Katalog : Repräsentation von Medien als Geschichte des Denkens über Wissen, Information, Medien, Nutzerinnen und Nutzern" von Karsten Schuldt in der aktuellen Ausgabe "Bilder, Graphen, Visualisierungen" der Zeitschrift Libreas.

Learning everywhere

Mehr als zwei Monate keinen Blog-Beitrag hier, das ist mir lange nicht passiert. Ich komme immer weniger dazu, hier etwas zu schreiben, versuche aber wenigstens Twitter ab und zu zu nutzen.

“Learning everywhere” war der Titel eines Vortrages, den Michael Stephens am 26.10.2012 an der TU Hamburg-Harburg gehalten hat.

Meine Einführung zu diesem Vortrag dokumentiere ich hier mit den inhaltlichen Passagen nach der Begrüßung und dem Dank an die Beteiligten:

Welcome for Michael Stephens

Hello all together. [...] I have the honour to cordially welcome you all and especially Mr. Michael Stephens, Assistant Professor at the School of Library and Information Science of the San Jose State University in California who will talk this evening about the topic “Learning Everywhere. Transformative Libraries & Services“.

[...] Welcome friends of the TUHH library, a word I can use here also in the sense it is used in Facebook. [...] Let me also mention at this point that this event is part of the national promotion week ‘Meeting Point Library’ starting this week on Wednesday October 24, the day of libraries in Germany.

Thinking about the future of the library has been an ongoing task in the life of the TU library. And this is true also for my own professional life. As a small university library from its beginning the TU library has tried to be innovative. Many of my colleagues in the library have been very busy to stimulate innovation processes since years.

One technical result of today is our discovery system and catalog VuFind, we call it now TUBfind. Another is our new website which integrates TUBfind as well as our weblog using the open-source blog software WordPress: I want also to mention here the use of RFID technology in our library. As I do today all the colleagues in the TU library learn something new every day what means being innovative for yourself.

We will hear a talk by Michael about the future of learning and the role the library in this process of learning. In times when literacy can be defined as “engaging with information in all of its modalities” [this citation from O’Farrill, Ruben Toledano: Information literacy and knowledge management. Preparations for an arranged marriage. In: Libri 58 (2008). p. 155–171, especially p. 167] and when literacy can be viewed as a social activity, libraries play their roles as learning facilitators, promoters of an information culture which should be rich and comprehensive, multifaceted and consciously experienced. The last point, a consciously experienced information culture is the aim of those activities in libraries concerning media and information literacy. Playing and networking are important so-called new media literacies. Also mobile learning, one of the topics of Michael, is really an issue here! The information culture you find in and through libraries is an important complement to the monoculture spread by Google or Facebook.

Let us now learn from Michael Stevens!

In diesem sehr inspirierenden Vortrag, dessen Folien auch im Netz sind und bei dem man nicht merkte, dass nach 60 Minuten knapp 150 Folien gezeigt wurden, war für mich besonders der Hinweis auf das Konzept des Transformative Learning im Rahmen der Erwachsenenbildung von Jack Mezirow spannend. Der aus meiner Sicht wichtigste Satz auf die Bibliotheken bezogen lautete: "Willing to leave out our physical walls".

Mehr von Michael Stephens:

Am meisten lernt man ja auch , wenn man selbst eine Präsentation vorzubereiten hat. Seit August habe ich zwei Präsentationen gegeben, je eine zu den beiden Themen, die mich schwerpunktmäßig interessieren:

Aufsätze und politische Statements zur Informationskompetenz

Drei spannende Aufsätze sind gerade im "Nordic Journal of Information Literacy in Higher Education" erschienen (Vol 4, No 1 (2012), Dank an Sheila Webber für den Hinweis in ihrem Blog):

Während der Beitrag von Sonja Spiranec und Mihaela Banek Zorica vor dem Hintergrund einer "Science 2.0" über veränderte Rahmen und Konzepte von Informationskompetenz nachdenkt, reflektiert Andrew Whitworth über Auswirkungen solch einen Übergangs auf die Theorie und Praxis der didaktischen Vermittlung.

Ein Beispiel für das Thema von Sirje Virkus Beitrag lässt sich auch gerade wieder in Deutschland betrachten, wo die beiden wissenschaftspolitischen Institutionen Wissenschaftsrat und Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sich einen Wettkampf um die Deutungshoheit bei der Weiterentwicklung der Informations-Infrastruktur in Deutschland liefern. 8-) Immerhin ist das Thema Informationskompetenz in beiden Papieren erwähnt:

  • Positionspapier "Die digitale Transformation weiter gestalten – der Beitrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu einer innovativen Informationsinfrastruktur für die Forschung" DFG (Juli 2012).

    "Die Fähigkeit, mit einer steigenden Menge von Informationen und Informationsquellen sowie mit komplexer werdenden Kommunikationsstrukturen umzugehen, bedingt ein hohes Maß an Medien- und Informationskompetenz jenseits einer reinen Recherchekompetenz. Diese Anforderung sollte unter anderem in den Curricula der Graduierten- und Postgraduiertenausbildung verbindlich verankert werden, um gezielte Verbesserungen einer allgemeinen, fächerübergreifenden ebenso wie einer spezifischen, fachnahen Nutzung der modernen digitalen Informationsinfrastruktur zu erreichen."

    (S. 4)

  • Empfehlungen zur Weiterentwickung der wissenschaftlichen Informationsinfrastrukturen in Deutschland bis 2020 (Drs. 2359-12) Wissenschaftsrat (Juli 2012)
  • "Der Wissenschaftsrat spricht sich dafür aus, dass die insbesondere Informations- und Medienkompetenz (Medienbildung) für den digitalen Bereich umfassende Kulturtechnik bereits im schulischen Fachunterricht erworben und im Rahmen jedes grundständigen Studienganges an Hochschulen vertieft wird. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Kulturtechnik ist zudem die Fähigkeit zu reflektieren, ‘inwiefern Medien in ihrer sozialkommunikativen, ästhetischen und technischen Dimension stets zugleich auch mitkonstituieren, was sie nur zu vermitteln bzw. zu transportieren scheinen.’"

    (Abschnitt B.II Zu Nutzungsformen, Teil II.1 Medienbezogene Kulturtechniken und Informationskompetenz, S. 41-42)

    Der Ausdruck Kulturtechnik an dieser Stelle gefällt mir. 8-)

Herausforderungen und Ideen zur Bibliotheksinnovation

Eine gute Grundlage für Ideen und zur Beurteilung der Situation von wissenschaftlichen Bibliotheken ist für mich ein Report des amerikanischen Education Advisory Board [Link am 29.11.2012 auf die verkürzte Version geändert, da vollständige Version des Reports nicht mehr verfügbar!], der z.B. Kanzler und Präsidien von Universitäten berät und auf den ich im Dezember 2011 schon mal im Plan3t.info hingewiesen habe.

Die Hauptpunkte aus meiner Sicht führe ich im Folgenden zusammenfassend auf:

Herausforderungen

  • Traditionelle Kenndaten erfassen nicht den Wert von Bibliotheken für die Universität.
  • Weiter steigende Zeitschriftenpreise machen alternative Publikationsmodelle notwendig.
  • Sinkende Nachfrage nach traditionellen Dienstleistungen
  • Akademische Unterstützungs-Dienstleistungen bedeuten ein “Sich-Einlassen” auf Studierende, Lehrende und Forschende.

Digitale Sammlungen in Schwung bringen

  • eBooks vor dem Durchbruch
  • Digitale Sammlungen in großem Maßstab
  • Nutzungseinschränkungen und das Urheberrrecht bleiben
  • Patron-driven acquisition

Alternative Modelle der Wissenschaftspublikation unterstützen

  • Konsortien nutzen
  • Pay-Per-View ausprobieren
  • Open Access verändert und wirkt weiterhin.
  • Infrastruktur für Open Access ausbauen.

Bibliothek als Raum umwidmen

  • Gedruckte Bestände umfangreich, teuer und wenig genutzt.
  • Virtuelle Discovery-Dienste ersetzen das zufällige Browsing am Regal.
  • Regelmäßiges, systematisches Aussondern von gedruckten Beständen.
  • Gemeinsame Speicherung gedruckter Bestände und gemeinsame Erwerbungsprofile mit anderen Bibliotheken
  • Bibliotheksraum für gemeinschaftliches Lernen zur Verfügung stellen

Bibliothekspersonal neu einsetzen, Organsiation umstrukturieren

  • Auskunfts-Service anders anbieten, auch “Embedded Librarians”
  • Zusammenarbeit mit dem Rechenzentrum verstärken
  • Förderung von Informationskompetenz ernst nehmen

Interessant ist in diesem ganzen Zusammenhang auch eine Nutzerumfrage 2011 der Uni-Bibliothek der TU München