Das Denken ausstellen …

Nein, nicht Ausstellen im Sinne von Abstellen, das machen manche "Vereinfacher" und "Selbstdarsteller" – beides tritt häufig zusammen auf – heutzutage genug. Hier soll es um Ausstellungen des Denkens und zum Nachdenken gehen, besonders um Ausstellungen zur Philosophie, die ich letztes Jahr besuchen konnte.

  • Die eine Ausstellung läuft im Garten der Burg Lenzen, einem Besucher- und Tagungszentrum im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg. Ein Besuch lohnt sich, denn hier ist "Ein naturphilosophischer Spaziergang durch die Jahrhunderte" (Broschüre) im dem die Burg umgebenden "Naturpoesiegarten" möglich. In den Garten integrierte Kunstwerke laden ein zum Nachdenken über die Natur.

    Hier fand ich einen meiner Lieblingsphilosophen, Ernst Bloch, wieder, aber auch alle hier hervorgehobenen Philosophen wie etwa Böhme, Comenius, Leibniz, Kant und Schelling findet man in Bloch Schriften, der immer wieder das Verhältnis zur Natur thematisiert: "Unsere bisherige Technik steht in der Natur wie eine Besatzungsarmee im Feindesland, und vom Landesinneren weiß sie nichts.", ein Kernsatz aus einem Hauptwerk "Prinzip Hoffnung". Dass Bloch auch im Zeitalter der Digitalisierung das Denken anregen kann, beweisen Beiträge im Bloch-Blog.

  • Die zweite Ausstellung ging in eine ganz andere philosophische Richtung. Die Universität Wien bot letztes Jahr im Zusammenhang mit ihrem 650-Jahre-Jubiläum die Ausstellung "Der Wiener Kreis – Exaktes Denken am Rand des Untergangs". Der logische Positivismus ist zwar keine Philosophie, die mir nahesteht, aber durch die Beschäftigung mit Wilhelm Ostwald bewegt man sich auch etwas im Dunstkreis dieses Kreises, der in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts bestand und danach einen großen Einfluss auf die Entwicklung insbesondere der Hauptströmungen der anglo-amerikanischen Philosophie hatte. Im Juni 2015 haben die Macher in der Wochenzeitung "Die Zeit" ihre Ausstellung vorgestellt.

    In den von Ostwald herausgegebenen Annalen der Naturphilosophie wurde 1921 der "Tractatus Logico-Philosophicus" des dem Wiener Kreis nahestehenden Ludwig Wittgenstein erstmals publiziert. Jüngst erschien ein Aufsatz zu Ostwald und Carnap (Dahms, Hans-Joachim (2016): Carnap’s Early Conception of a "System of the Sciences": The Importance of Wilhelm Ostwald. In: Christian Damböck (Hg.): Influences on the Aufbau. Cham: Springer International Publishing, S. 163–185).

    Auch der österreichische Wissenschaftstheoretiker und Arbeiter- und Volksbildner Otto Neurath gehörte zum Wiener Kreis. Neuraths Aktivitäten, wie z.B. seine universale Bildsprache Isotype, haben teilweise bis heute Bedeutung. In der von ihm begründeten Schriftenreihe "International Encyclopedia of Unified Science" publizierte Thomas S. Kuhn 1962 sein einflussreiches Buch "The Structure of Scientific Revolutions", das als Meilenstein ein Nachdenken über die Entstehung von Wissen innnerhalb von Wissenschaftsgeschichte und -theorie anregte.

    Faszinierend an der Ausstellung waren die vielfältigen Kontexte und Netzwerke zu ganz unterschiedlichsten Strömungen und Menschen der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. So unterschiedliche Menschen wie Ingeborg Bachmann, Berthold Brecht, Paul Feyerabend, Lászlo Moholy-Nagy, Robert Musil, Karl Popper, Edgar Zilsel u.a. standen in einer Beziehung zum Wiener Kreis.

  • Beim netzbasierten "Nachdenken" 😎 über das Thema dieses Blog-Beitrags bin ich noch auf die faszinierende Ausstellung des französischen Philosophen Jean-François Lyotard "Les Immatériaux" gestoßen, die z.B. von Antonia Wunderlich in ihrem Buch genau beschrieben wird. Die Meson Press der Leuphana Universität Lüneburg hat dazu aktuell einen Open Access zugänglichen Sammelband vorgelegt.

Übrigens auch die Universitätsbibliothek der Technischen Universität Hamburg (TUHH) hat im Rahmen der Nacht des Wissens im letzten Jahr eine Poster-Ausstellung veranstaltet, die zum Nachdenken anregen sollte. Das Thema war Offenheit und damit zusammenhängende Aspekte. Dabei war auch ein Plakat und ein paar Vitrinen "Zur Geschichte der Offenheit von Wissen".

Das Denken kann ja eigentlich auch in Medien wie Büchern oder solchen Blogs wie diesen hier ausgestellt werden. Letztlich kann man Menschen auch via Twitter beim Denken zuschauen. Bei mir z.B. wandern manche Tweets eventuell mal in einen Blog-Beitrag und vom Blog vielleicht auch in eine "richtige" 😎 Publikation.

Das Denken beobachten lässt sich auch auf der Website Edge, auf der John Brockman Wissenschaftlern jährlich eine spannende Frage stellt, die dann vielfältig beantwortet wird. Die Frage von 2015 lautete "What do you think about machines that think?", 2016 soll die Frage "What do you consider the most interesting recent [scientific] news? What maks it important?" beantwortet werden.

Auf deutsch sind gerade die Antworten der Frage von 2014 erschienen: "What scientific idea is ready for retirement?" (Welche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand? /hrsg. von John Brockman. Fischer, 2016. Titel der englischen Buchausgabe: This idea must die. Scientific theories that are blocking progress.)

Mit dabei bei den Antworten sind solche, die auf recht populäre Weise eine Reflexion gerade zum Wesen der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Methode in Gang setzen, u.a.:

  • Einfachheit (Simplicity – A. C. Grayling)
  • Ursache und Wirkung (Cause and Effect – W. Daniel Hillis)
  • Wissenschaft macht Philosophie überflüssig (Science Makes Philosophy Obsolete – Rebecca Newberger Goldstein)
  • "Wissenschaft" („Science“ – Ian Bogost)
  • Unsere enge Definition von Wissenschaft (Our Narrow Definition of „Science“ – Sam Harris)
  • Informationsüberlastung (Information Overload – Jay Rosen)
  • Die Wissenschaft korrigiert sich selbst (Science Is Self-Correcting – Alex Holcombe)
  • Wissenschaftliche Erkenntnis als "Literatur" strukturiert (Scientific Knowledge Should Be Structured as „Literature“ – Brian Christian)
  • Die Art und Weise, wie wir Wissenschaft produzieren und fördern (The Way We Produce And Advance Science – Kathryn Clancy)
  • Nur Wissenschaftler können Wissenschaft betreiben (Only "Scientists" Can Do Science – Kate Mills)
  • Die wissenschaftliche Methode (The Scientific Method – Melanie Swan)
  • Reproduzierbarkeit (Reproducibility – Victoria Stodden)
  • Gewissenheit. Absolute Wahrheit. Genauigkeit (Certainty. Absolute Truth. Exactitude – Richard Saul Wurman)
  • Die Illusion wissenschaftlichen Fortschritts (The Illusion of Scientific Progress – Paul Saffo)

Zum Wandel des Publikationsbegriffs in der post-digitalen Wissenschaft

Vor mehreren Wochen fand in Lüneburg an der Leuphana Universität "The Post-Digital Scholar Conference" statt. Veranstalter war das Hybrid Publishing Lab am dortigen Centre for Digital Cultures (Die Gelegenheit, einem anregenden Workshop vom Hybrid Publishing Lab zum Thema Open Access zu besuchen, nutzte ich schon einmal vor einem Jahr.). Vortragende aus Deutschland und der Welt diskutierten die Entwicklung des wissenschaftlichen Publizierens mit Schwerpunkt im Bereich der Kulturwissenschaften. Die Konferenz ist von den Veranstaltenden reich dokumentiert, mit einem Nachbericht in deutscher Sprache, Twitter-Reviews und Blog-Posts mit Berichten nach der Konferenz, aber auch mit Kurz-Interviews mit den Vortragenden vor der Konferenz. Im Januar sollen die Videos der Panels ins Netz gestellt werden.

Hier folgen punktuelle Eindrücke, Entdeckungen und sonstige persönliche Nachwirkungen von der Konferenz. Im beruflichen Alltag war der Besuch einer solchen Konferenz sicher eine Ausnahme, jedoch möchte ich die vielfältigen aus ihr entstandenen und langfristig wirkenden Anregungen und Gedankenhorizonte nicht missen. Trotz eines eigenen Panels zu Bibliotheken waren aus dem deutschen Bibliothekswesen nur sehr wenige vertreten. Alle anderen verpassten die Möglichkeit eine interessante und kritische Gemeinschaft von Forschenden und ihren Themen zur Weiterentwicklung digitaler Kulturwissenschaften kennenzulernen.

Die Konferenz war eine gute Gelegenheit, internationale Wissenschaftler im Bereich kulturwissenschaftlichen Publizierens wie Kathleen Fitzpatrick, David M. Berry, Geert Lovink oder Gary Hall zu hören oder neu zu entdecken. Das Nachdenken über die Entwicklung der wissenschaftlichen Kommunikation findet in den Geistes- und Kulturwissenschaftlen speziell im Rahmen des Themenfeldes "Digital Humanities" statt. Vergleichbare Spezialgebiete sind in den von der digitalen Entwicklung viel früher betroffenen Natur- und Technikwissenschaften die sich nennenden Bereiche "e-Science" und "Science 2.0", die aber beide wesentlich weniger kritisch wirken als manche der Vertretenden der Digital Humanities (zumindest auf dieser Konferenz!) erscheinen.

Am Ende der nachstehenden Punkte folgen noch ein paar Gedanken zur Transformation des Publikationsbegriffes!

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Ein neues Buch über Paul Otlet

Erscheint bald als gedrucktes Buch: Cataloging the world : Paul Otlet and the birth of the information age / Alex Wright (Oxford: Oxford University Press, 2014). Auch Wilhelm Ostwald wird im Buch erwähnt!

Alex Wright hat schon mehrmals etwas zu Otlet veröffentlicht und auch ein Buch zur Geschichte der Information geschrieben!

Weiteres zum neuen Buch von Alex Wright, zu dem es schon eine Menge Ankündigungen in Artikel-Form gibt (Sauberes Marketing, zu dem auch dieser Blog-Text beiträgt! 😎 ):

Information hat Geschichte – Neue Publikationen

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Ein historisch-genetischer Blick auf Suchmaschinen

"Auf den Spuren der Suche" nannte sich ein Projekt von Studierenden im Rahmen der studiengangsübergreifenden Lehre am Department Information der HAW Hamburg, das am Freitag, den 7. Februar 2104, mit seinen Ergebnissen vorgestellt wurde. Das Projekt ist ein Beispiel dafür, dass man aus Geschichte lernen kann, dient Geschichte doch bei diesem Projekt besonders dazu, ein besseres Verständnis der Funktionsweise von Suchmaschinen zu entwickeln.

In seinem Einführungsbeitrag zeigte der Suchmaschinen-Spezialist und Initiator des Projektes Dirk Lewandowski also, dass durch eine Betrachtung der historischen Entwicklung von Suchmaschinen ein besseres Verständnis für deren Nutzung und für die Bedeutung des Themas Suche in unserer modernen Welt insgesamt möglich ist. So fasst etwa eine Betrachtung der Entwicklung des Suchmaschinenranking die noch heute wichtigen Konzepte zum Ranking zusammen: Beginnend mit der Auswertung von statistischen Textanalysen über die Nutzung der Popularität von Links und Klicks wurde nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 der Aktualitätsbezug besonders wichtig und in die Ergebnislisten eingebaut, während seit einigen Jahren auch durch die Nutzung mobiler Geräte die Auswertung des Ortbezug (Lokalität) eine immer bedeutendere Rolle spielt. Auch die vermeintliche Vielfalt heutiger Suchmaschinen kann mit einer historischen Betrachtung der "Search engine relationship Charts von Bruce Clay" dekonstruiert werden.

Idee für das Projekt lieferte nach Lewandowski ein Beitrag von Thomas Dominikowski mit dem Titel "Zur Geschichte der Websuchmaschinen in Deutschland" im von Lewandowski herausgegebenen "Handbuch Internet-Suchmaschinen ; 3 ; Suchmaschinen zwischen Technik und Gesellschaft" (Heidelberg : AKA, Akad. Verl.-Ges., 2013, S. 3-34).

Die gelungene Verbindung von Informationsgeschichte und der Förderung von Informationskompetenz, meine beiden Lieblings-Themen, wurde auch im Versuch eines Nachbaus einer frühen "Suchmaschine" unterstrichen. Die von Michael Buckland in den letzten Jahren und Jahrzehnten aus der Versenkung in der historischen Überlieferung hervorgeholte und damit erneut bewusst gemachte "Statistischen Maschine" von Emanuel Goldberg kann als eine frühe, auch elektrischen Strom nutzende Suchmaschine angesehen werden. Sie ermöglichte mit der damals aktuell vorhandenen Technik der Mikrofotografie die Recherche nach codierten Dokumenten mit einer ihrerseits codierten "Suchanfrage-Lochkarte". Zur Veranschaulichung haben drei Studierende im Rahmen dieses Projektes diese Maschine als Modell nachgebaut. Fotos zur Präsentation von Emanuel Goldbergs "Statistischer Maschine" sowie ein Teilbereich innerhalb der Darstellung auf der Projekt-Website erläutern die Funktionsweise.

Weitere Teilthemen des Projektes waren u.a. die personalisierte Suche, Suchmaschinen und Werbung, Suchmaschinen-Optimierung (SEO) und Kinder-Suchmaschinen.

Zum Schluss noch ein paar Hinweise auf weitere Beiträge zur Geschichte der Suchmaschinen in diesem Blog und ein Tipp zu einer ganz anderen spannenden Diskussion zur Informationsgeschichte zwischen bekannten Historikern wie Paul N. Edwards, Lisa Gitelman, Adrian Johns u.a. mit dem Titel "Historical Perspectives on the Circulation of Information" (publiziert in: The American Historical Review 116(2011)5, 1393-1435).

Zum Zusammenhang zwischen mathematischer Physik und Katalogen (1904)

Der französische Physiker Henri Poincaré erwähnt in seinem zuerst 1904 erschienenen Werk "Wissenschaft und Hypothese" auch Bibliotheken (Auf Poincaré im Zusammenhang mit Bibliotheken bin ich schon vor einiger Zeit beim Lesen eines Aufsatzes von Alex Csiszar gestoßen.)

„Man gestatte mir, die Wissenschaft mit einer Bibliothek zu vergleichen, welche unaufhörlich wachsen soll; der Bibliothekar verfügt für seine Ankäufe nur über ungenügende Mittel; er muß sich bemühen, dieselben nicht zu vergeuden.

Die Experimental-Physik spielt die Rolle des Bibliothekars; sie ist mit den Ankäufen beauftragt; sie allein kann also die Bibliothek bereichern.

Was die mathematische Physik betrifft, so hat sie die Mission, den Katalog herzustellen. Wenn dieser Katalog gut gemacht ist, so wird die Bibliothek deshalb nicht reicher; aber der Katalog ist für den Leser notwendig, um sich die Reichtümer der Bibliothek zu Nutze zu machen.

Indem der Katalog ferner den Bibliothekar auf die Lücken seiner Sammlungen aufmerksam macht, setzt er ihn in den Stand, von seinen Mitteln einen vernünftigen Gebrauch zu machen; und das ist um so wichtiger, als diese Mittel gänzlich ungenügend sind.

Das ist also die Rolle der mathematischen Physik, sie muß die Verallgemeinerang in dem Sinne leiten daß sie, wie ich mich soeben ausdrückte, den Nutzeffekt der Wissenschaft erhöht. …“

(Zitiert nach Henri Poincaré: Wissenschaft und Hypothese. 2., verb. Aufl. Leipzig : Teubner, 1906. S. 146.)

Weil so schön ist, das Ganze auch noch in Englisch:
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Von der Archäologie von "Information literacy" zur "Radical information literacy"

In letzter Zeit wurde ich immer mehr auf die Arbeiten des britischen Erziehungswissenschaftlers Drew Whitworth aufmerksam, der schon 2009 das Buch "Information obesity" (obesity = Fettsucht) publiziert hat, dass in Ausschnitten auch online verfügbar ist.

Aktuell wurde von Whitworth ein frühes Dokument, in dem der Begriff "information literacy" auftaucht, online gestellt und mit einer kommentierenden Einführung versehen: Lee G Burchinal Rede auf der "Texas A & M Library Bicentennial conference" 1976 mit dem Titel "The Communications Revolution: America’s Third Century Challenge".

Interessanterweise sind Whitworths historische Aktivitäten eine Grundlage für ein geplantes Buch mit dem Titel "Radical information literacy". In den Präsentationen von Whitworth auf Prezi findet sich eine sehr spannende Darstellung des geplanten Buches. Whitworths theoretischer Hintergrund ist u.a. der russische Literaturwissenschaftler und Philosoph Michail Bachtin. Auch die Präsentation zu "Information counselling : helping communities visualise and optimise their informational environments" geht über klassische Sichten auf Informationskompetenz hinaus. Hier heisst es zur "Radical information literacy":

"’Radical IL‘ is a wider and more democratic distribution of authority over information; requiring moves in both learning and practice."

Eine weitere sehr interessante Darstellung von Whitworth über wissenschaftliches Arbeiten und Forschung mit dem Titel "Research: an end, a means or a culture?" umfasst ein "triadic model of informational relationships".

Whitworths Arbeiten unterstützen ein notwendiges kritisches Nachdenken über information literacy und darüber hinaus:

" … we need a conception of IL that focuses not only on LEARNING, but on TRANSFORMATION"

(‚Slide‘ 32 von Radical information literacy)

LSD für das wissenschaftliche Arbeiten

Auf Markus Krajewski’s Buch "Lesen Schreiben Denken : zur wissenschaftlichen Abschlussarbeit in 7 Schritten" (Wien: Böhlau / UTB, 2013) war ich sehr gespannt. Obwohl ich ja eigentlich nicht mehr so viel "Stuff" ansammeln will (wobei im gerade verlinkten Text Bücher ausdrücklich ausgenommen sind! 😎 ), wird LSD – nicht LSD – doch Teil meiner Bücherregale werden.

Das Buch bietet mit seinen 7 Schritten – Themenfindung, Recherche, Lektüre, Verzetteln, Verfassen, Zitieren und Formatieren – eine leicht lesbare und kompakte Einführung in modernes Arbeiten in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Aber auch Studierende anderer Fachrichtungen können das Buch mit Gewinn lesen. Bei jedem Schritt werden wichtige Anregungen zum Nachdenken gegeben, aber auch viele kleine Tricks und Kniffe erwähnt. Es gibt sogar ein "Lob von LaTeX" (S.99).

Schon der Titel betont, worauf es beim wissenschaftlichen Arbeiten wirklich ankommt: "Wissenschaftlich schreiben heißt vor allem denken." (Zitat ist Titel eines Aufsatzes mit dem Untertitel "Zwölf Techniken für mehr Effizienz" von Philipp Mayer, in: Das Hochschulwesen, 58 (2010) 1, S. 28-32). Mit dem Band wird für mich auch das Begriffspaar Rezept / Reflexion angesprochen. Damit meine ich das auch in anderen Bereichen wie z.B. der Erziehung oder dem Lehren oft vorkommende Fragen nach (Patent-) Rezepten beim wissenschaftlichen Arbeiten oder eben beim pädagogischen Handeln in der Lehre. Rezepte können als Werkzeug in bestimmten Kontexten hilfreich sein, aber das Wesentliche beim wissenschaftlichen Arbeiten, Lehren usw. ist es aus meiner Sicht, selbst Erfahrungen zu sammeln, sich selbst dabei über die Schulter zu schauen und dann darüber nachzudenken, was man für sich in der konkreten Herausforderung in Zukunft besser machen kann. Das Wesentliche also ist Reflexion über das eigene Handeln.

Natürlich bin ich für eine Beurteilung des Buches voreingenommen, da ich Markus Krajewski schon lange auch persönlich kenne und seine Texte seit seiner Zettelwirtschaft (Link zu einer Rezension, S. 317-318) immer wieder mit Vergnügen lese. Gerade illustrierende Beispiele aus der eigenen Forschung von Krajewski machen dieses Buch für jemanden wie mich, dessen Interessen sehr ähnlich gelagert sind, besonders lebendig.

Was im Buch von Markus Krajewski sicher nicht explizit genug thematisiert wird, ist ein für mich zum Thema „Wissenschaftliches Arbeiten“ gehörendes Nachdenken über Wissenschaft als Institution und damit verbunden über Kennzeichen von wissenschaftlichen Texten oder von Wissenschaftlichkeit. Ergänzend lohnt es sich, hier z.B. in das Bändchen "Wissenschaftssprache : eine Gebrauchsanweisung" von Valentin Groebner (Konstanz : Konstanz Univ. Press, 2012, hier den Teil "Ein bisschen Feldforschung") oder in den Klassiker "Uni-Angst und Uni-Bluff heute : wie studieren und sich nicht verlieren" von Wolf Wagner (Aktualisierte und vollst. überarb. Neueusg., 3. Aufl. der Neuausg. Berlin : Rotbuch-Verl., 2012) zu schauen.

Implizit ist dieses Buch auch eine Einführung in eine Kulturgeschichte wissenschaftlichen Arbeitens, die bisher noch nicht geschrieben wurde. Ich selbst will mich irgendwann mal an so etwas wie eine Geschichte von (vor allem bibliothekarischer) Aktivitäten zur Förderung von Informationskompetenz und wissenschaftlichem Arbeitens machen. Dazu harrt immer noch das Werk "Versuch einer Bibliographie zur bibliothekarischen Wissenschaftspädagogik im deutschsprachigen Gebiet : 1500 – 1970" von Dieter Schmidmaier (Freiberg: Bibliothek der Bergakademie, 1970) auf Auswertung meinerseits in heimatlichen Bücherregal.

Und diese Geschichte begann schon früh, wie nicht nur die eben genannte Bibliografie zeigt. Schon am Ende des 18. Jahrhunderts wurden beispielweise viele Publikationen zur sogenannten Hodegetik, als "Lehre von der Anleitung zum Universitätsstudium" publiziert, zu deren Geschichte ein Mitherausgeber einer auch heute noch publizierten Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten einen schönen Aufsatz geschrieben hat: Joachim Stary: Hodegetik oder "Ein Mittel gegen das Elend der Studierunfähigkeit". Eine historische Betrachtung. (Das Hochschulwesen. 42, 1994, 4, S. 160–164). Nicht zuletzt wird in Krajewskis Buch zum wissenschaftlichen Arbeiten übrigens auch Wilhelm Ostwald erwähnt, der Lesenden dieses Blog nicht unbekannt sein dürfte. Das erwähnte Buch ist übrigens "Die Technik wissenschaftlichen Arbeitens : eine praktische Anleitung" (Norbert Franck und Joachim Stary (Hrsg.) 16., überarb. Aufl. Paderborn: Schöningh, 2011). zu dem auch Krajewski ein Kapitel zu elektronischen Literaturverwaltungen beigesteuert hatte.

Weiteres zum Thema Wissenschaftliches Arbeiten und Wissenschaftliches Schreiben:

Auf den Spuren von Paul Otlet

In der belgischen Zeitschrift "Cahiers de la documentation / Bladen voor documentatie" erschien im Juni 2012 eine Sondernummer mit dem Titel "Sur les traces de… / In het spoor van… Paul Otlet". Die PDFs nicht nur zu Paul Otlet, der in diesem Blog öfters mal erwähnt wird, sind nun frei verfügbar.

Hier die englischen Beiträge in diesem Heft:

Publiziert wird ab diesem Heft unter dem Titel "Bibliografische ondernemingen rond 1900" in mehreren Teilen auch die grundlegende Dissertation von Paul Schneiders, die ursprünglich mit dem Titel "De bibliotheek- en documentatiebeweging 1880-1914; bibliografische ondernemingen rond 1900" (Amsterdam, Univ., Literaturwiss. Fak., Diss., 1982) erschienen ist.