Was es heisst, Informationskompetenz kritisch zu sehen

Was heisst es genau, wenn man Informationskompetenz kritisch sieht? Schaut man nämlich genauer hin, lassen sich verschiedene Ebenen und Aspekte unterscheiden, und es gibt ganz verschiedene kritische Sichten auf Informationskompetenz. Auf ein paar von diesen soll hier hingewiesen werden.

Eigentlich wollte ich einen Beitrag schreiben für einen durch die Gemeinsame Kommission Informationskompetenz von VDB und dbv publizierten "Call for Papers: Themenschwerpunkt Informationskompetenz" zu einem Themenheft der Zeitschrift o-bib. Denn gewünscht wurden "auch durchaus provokative Beiträge […], die neue Impulse in die Diskussion um die Förderung von Informationskompetenz in Deutschland einbringen". Und weiter heisst es, daß "bereits der Titel aus einer aussagekräftigen These bestehen [kann], die dann im Text ausgeführt wird." Toll, Kritik und Kreativität sind also gefragt. Für mich war bei den möglichen Themen, "E-Learning und Gaming, Referenzrahmen und Schwellenkonzepte, IK und Forschungsdaten, Evaluation und Assessment, neue Zielgruppen und Kooperationen, Qualifikationsprofil und Ausbildung, Raumkonzepte, Netzwerke und neue biblio­thekarische Wege" nichts wirklich Provokatives dabei. Ich bin sehr gespannt auf die Aufsätze des Themenheftes. Aus diversen Gründen schaffte ich es leider nicht, einen formalen Aufsatz zu verfassen, daher dieser Blog-Beitrag, der die Frage der Kritik im Rahmen von Informationskompetenz aufnimmt.

Kritische Sichten

Die Diskussion zu einer kritischen Sicht auf Informationskompetenz (Critical Information Literacy = CIL) nimmt, international gesehen, immer mehr zu. Ein aktuelles Review zur CIL stammt von Eamon Tewell.

CIL ist auch als Teil der sogenannten critlib-Bewegung zu sehen. Hinweise auf Literatur zu dieser bietet eine Zotero-Gruppe dieser Gruppe. Eine ähnliche britische Gruppe nennt sich Radical Librarians Collective. Schon lange bekannt ist die Progressive Librarians Guild, die schon seit Jahrzehnten eine eigene Zeitschrift herausgibt. In Deutschland zählt der Arbeitskreis Kritische Bibliothek zu dieser Bewegung, in Österreich der Arbeitskreis kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI).

„Kritisch“ als Begriff hat ja nach dem Griechischen ursprünglich etwas mit scheiden, urteilen bzw. auch unterscheiden zu tun (siehe auch meinen Text in der 2. Auflage des Handbuch Informationskompetenz). Auch die Nähe von Kritik zu Information ist deutlich, wenn man an die bekannte Definition von Bateson denkt: "Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht." Ein anderer französischer Philosoph schreibt "Informieren heisst Differenzen bestimmen" (François Châtelet, 1975) und drückt damit aus, dass eine der Leitmetaphern unserer heutigen Gesellschaft mit Differenz verbunden ist. Ohne Information und damit Differenz ist ein Erkennen, Verarbeiten und damit Aushalten von Unterschieden nicht möglich. Das Zusammenspiel von Information, Kommunikation und Wissen ist eines der wichtigsten Phänomene von Dienstleistungen, Management, Politik und Gesellschaft im Zeitalter der Digitalisierung. Nur Information kann Vielfalt in der Differenz erhalten.

Zu allgemeinen Aspekten des Themas Diversität und Differenz findet man ein sehr schönes Interview mit der Philosophin Steffi Hobuß im Startwochenjournal der Leuphana Universität Lüneburg. Auch das taz.lab hatte sich im April 2016 dem Thema Differenz verschrieben.

Kritisch sein heisst auch zweifeln und hinterfragen, z.B. nach dem „Wozu?“ Kritik ist gleichzeitig – wie Rahel Jaeggi schreibt (Das Ende der Besserwisser : eine Verteidigung der Kritik in elf Schritten. In: Das Kursbuch. Wozu? /hrsg. Armin Nassehi, … 2015, Kursbuch 182, S.78-96, hier S. 85) – Dissoziation wie Assoziation (der Chemiker in mir jubelt! 😎 ), sie unterscheidet, trennt, distanziert, verbindet, setzt in Beziehung und stellt Zusammenhänge her. Oder wie der Kursbuch-Herausgeber schreibt: Kritik kann dafür "sorgen, dass die Dinge auch anders sein können." (Armin Nasssehi: Mehr Kritik, bitte! In: Das Kursbuch. Wozu? /hrsg. Armin Nassehi, … 2015, Kursbuch 182, S.40-58, hier S. 57)

Was umfasst nun also eine kritische Sicht auf Informationskompetenz von, in bzw. aus Bibliotheken?

  • Zunächst kann man infragestellen, warum gerade Bibliotheken von Bedeutung für dieses Thema sind. Die moderne, immer digitaler werdende Welt erfordert Informationskompetenz auf allen Ebenen und ist auch und gerade für Schule, Ausbildung und Hochschule aber auch Arbeitsplatz und Alltag von Relevanz. Bibliotheken als Anbieter von Informations-Infrastrukturen müssen ihre Angebote (Suchmaschinen, Kataloge, Webseiten usw.) so gestalten, dass für deren Benutzung nichts "gelernt" werden muss.
  • Eine kritische Sicht auf IK umfasst ein Hinterfragen der Begriffe. Information und auch Kompetenz werden von unterschiedlichsten Menschen, Gemeinschaften, Institutionen usw. unterschiedlich verstanden. Dienen Kompetenzen nur dazu am Arbeitsplatz zu funktionieren? Sind Software und Technik ein Ausweg aus einer "Kompetenzkatastrophe"? Kann man Kompetenzen lernen oder entstehen diese quasi von selbst beim praktischen Lernen und arbeiten? (In einem Workshop mit dem Titel "Wie digital ist Informationskompetenz?" hatte ich letztes Jahr mal ausprobiert, das gängige Verständnis von Informationskompetenz zu diskutieren und zu hinterfragen.)
  • Ein Perspektivwechsel gehört zu einer kritischen Sicht. So ist es z.B. interessant, eine gerade erschienene Studie "Rethinking the concept of „information literacy: a German perspective“ des amerikanischen Kollegen Rares G. Piloiu zu lesen, der die deutsche Diskussion zur IK als durchaus bereichernd für das amerikanische Bibliothekswesen empfindet. Hier erscheint die deutsche Diskussion als solche schon als kritisches Pendant zur Entwicklung in den Staaten:

    "[T]he German notion of information literacy is still negotiated on an interdisciplinary market of ideas ranging from communication science to didactics and from cultural anthropology to epistemology. An awareness of this international perspective on information literacy is timely, given the recent debates about the legitimacy of the radically new approach to information literacy put forth in the ACRL Framework.[…]
    [T]he multiplicity of concepts that the German academic landscape offers allows the teachers and students alike to understand the complex and contextual nature of the idea of information literacy in general. By entertaining a variety of alternative concepts and terms for “information literacy”, the German academic world acknowledges that we are using a concept with variable geometry, one that is relative to our own changing understanding of what it means to be a competent information user and creator."

  • Man kann aus aus Sicht der kritischen Pädagogik auf das Thema Informationskompetenz schauen, z.B. mit einem Blick von Lane Wilkinson auf Paolo Freire. Auch der Franzose Rancière wäre hier interessant.
  • Kritische Informationskompetenz umfasst auch einen Blick auf Information als Ware. Im akademischen Bereich macht CIL die wechselseitigen sozio-ökonomischen Abhängigkeiten der Beteiligten, Autoren, Datenbankanbieter, Verlage, Bibliotheken usw. bewusst, aber auch dass heutzutage das eigene Informationsverhalten – der Umgang mit der Ware Information – selbst zur Ware wird. Welche Funktion haben die Beteiligten, wie kann diese verändert werden? Ist Informationskompetenz vor allem notwendig, um in der digitalen Dienstleistungsgesellschaft bestehen zu können? Bei Schlagworten wie Offenheit und Open Access schwingt immer auch mit, dass Information möglicht frei als Ware zirkulieren kann, um Geld damit zu verdienen, wie es z.B. Verlage mit Open Access machen.
  • Und man kann Informationskompetenz schlicht als kritisches Denken beschreiben. oder mit Peter Tagtmeyer (Colgate Univ.) "information literacy is the practice of social epistemology" (via ILI-L kam der Hinweis auf dieses Google-Docs-Dokument)). Dies geht in Richtung meines letzten Beitrages im Handbuch Informationskompetenz (Preprint) oder auch des neuen Buches von Anderson und Johnston, das am Ende eines anderen Beitrages in diesem Blog schon erwähnt wurde und auch den Zusammenhang zur "social epistemology" thematisiert.

Unterscheidungen zwischen kritischen und klassischen Sichten auf Informationskompetenz

Man kann schon das neue Framework for Information Literacy der ACRL als eine kritische Sicht auf Informationskompetenz ansehen:

Informationskompetenz klassisch Informationskompetenz kritisch
  • Information finden
  • Information bewerten
  • Information nutzen
  • Wie wird Information geschaffen?
  • Wie wird Information verbreitet bzw. auf sie zugegriffen?
  • Wie funktioniert wissenschaftliche Kommunikation?

Nach: CIL at the Pfau Library (California State University San Bernardino). Critical Information Literacy (CIL) versus Traditional Information Literacy.

Auch in dem neuen Aufsatz von Spiranec, Banek Zorica und Kos (nicht Open Access, siehe die bibliografischen Angaben unten) findet sich eine Abbildung mit einer Gegenüberstellung von klassischer und kritischer Informationskompetenz. Mir erscheint dies etwas zu gegensätzlich. Ich finde die drei Sichten auf Informationkompetenz von C. Addison & E. Meyers (2013, Perspectives on information literacy: a framework for conceptual understanding. Information research 18, 3) etwas inspirierender. Auch A. Whitworth (2013, The Design of Media and Information Literacy. In: Media and Information Literacy for Knowledge Societies. Moscow: Interregional Library Cooperation Centre, 2013. 40-54. S. 47) unterscheidet drei Sichten. Ich habe aus diesen drei Beiträgen mal eine Zusammenfassung aus meiner Sicht gemacht, die verdeutlichen soll, dass zwischen verschiedenen Sichten auf Informationskompetenz fließende Übergänge existieren:

Sichten auf Informationskompetenz – zwischen klassischer und kritischer Informationskompetenz

Mehr oder weniger interessante Dokumente zur CIL

Ein paar Aufsätze und Blog-Beiträge

Neuere Monografien

  • Downey, A. 1. (2016). Critical information literacy. Sacramento, CA: Library Juice Press.
  • Anderson, A., & Johnston, B. (2016). From information literacy to social epistemology. Amsterdam: Elsevier.
  • Nicole Pagowsky & Kelly McElroy, Eds. (2016). Critical Library Pedagogy Handbook : Essays and Workbook Activities. Chicago, IL : ACRL.
  • McNicol, S. (2016). Critical literacy for information professionals. London: Facet Publishing.
  • Swanson, T. A., & Jagman, H. (2015). Not just where to click. Chicago: ACRL.
  • Whitworth, A. (2014). Radical information literacy. Amsterdam: Elsevier, Chandos.

Aktuellere Dissertationen zu CIL

Nachdenken über Offenheit #OAWeek2016

Nachdem die Open Access Week auch 2016 wieder zu einer Fülle an Blog-Beiträgen bei vielen Bibliotheken geführt hat, etwa bei der TIB, der Bibliothek der Hochschule Hannover oder meiner tub.tuhh, hier Hinweise auf ein paar Texte, die auch Offenheit als solche reflektieren.

Dass Offenheit durchaus als wissenschaftliche Tugend anzusehen ist, behaupte ich in einem Beitrag im Blog zum wissenschaftlichen Arbeiten an der TUHH.

Der französische Philosoph Michel Serres hat dazu in einem auch sonst sehr lesenswerten Vorwort zu seinem zusammen mit Nayla Farouki herausgegebenen "Thesaurus der exakten Wissenschaften" (Frankfurt a.M.: Zweitausendeins, 2001 – Besprechung) zum Aspekt der Bildung durch und mit Wissenschaft geschrieben:

Bildung ist eine gleichermaßen technische, politische und moralische Frage. Umgekehrt betrifft das erste Problem, das die Wissenschaft aufwirft, deren Verbreitung. Wenn finanzkräftige Unternehmen wissenschaftliche Ergebnisse aufkaufen, werden sie aus Eigeninteresse mit Blick auf einen möglichen Verkauf geheim gehalten und nur noch selektiv publiziert. Alles für Profit und Ruhm, ansonsten herrschte Schweigen, Debatten wären ausgeschlossen. Die bezahlte Veröffentlichung liefe der kostenlosen den Rang ab. Das käme einer Regression auf die archaischen Zustände der vorhomerischen Defintion von aletheia gleich, wonach Wahrheit ihr Maß an der Bekanntheit hätte. Wenn man ansieht, in welchem Maß Forschung von der Finanzierung abhängig geworden ist, welche Blüten die Publikationsbesessenheit treibt und wie die reichsten Gruppen Ergebnisse für sich behalten, scheinen wir solch einer Regression gefährlich nahe zu sein. Hier verbietet der berufliche Ehrenkodex eine Geheimhaltung, die auf kurz oder lang die gesamte Wissenschaft zersetzt und zerstört. Die egalitäre Veröffentlichung allen Wissens, die nichts zurückhält und nichts maßlos forciert und in den Vordergrund spielt, wird damit zur sittlichen Pflicht. Wissen muss öffentlich sein, davon ist nicht nur die Wissenschaft betroffen, sondern auch deren ethische Grundlage.
[Hervorhebung T.H.] S. XXXVII – XXXVIII

Zur (eigenen) Geschichte und Gegenwart des Nachdenkens über Wissenschaft in der Hochschulausbildung

Beim Aufräumen meiner Papierberge 😎 bin ich vor einiger Zeit auf einen Leserbrief von mir gestoßen, der im Mai 1983 in der Berliner Tageszeitung "Der Tagesspiegel" veröffentlicht wurde:

Lernen mit Sinn
In Ihrem Artikel in Nr. 11 432 über die Verteterversammlung des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) kommt eine Widersprüchlichkeit voll zum Ausdruck, die vielen Bildungspolitikern und Pädagogen offenbar immer noch nicht ganz bewußt ist: Einerseits sprach sich der Bundesgeschäftsführer des VBE „dagegen aus, zunehmend gesellschaftliche und politische Probleme in der Schule zu behandeln …“, andererseits sollten Kinder in der Schule „auch Verantwortlichkeit, Kritikfähigkeit und Solidarität“ lernen. Wie aber ist es möglich, diese offensichtlich politischen Ziele zu erreichen, ohne wenigstens einen kleinen Ausschnitt aus der ganzen Problematik unserer Geesellschaft zu entfalten? Richtig dagegen ist meiner Meinung nach, daß sich Lehrer die Zeit nehmen sollten, „nach Grund und Sinn zu fragen, und nicht nur einseitig Fakten weitergeben“. Demnach sollten zum Beispiel in den angeblich politikfreien Naturwissenschaften auch gesellschaftliche Probleme den Unterricht bereichern, etwa durch Behandlung der Umweltproblematik oder Untersuchung der Entstehungsbedingungen der heutigen Naturwissenschaft, die die Natur ausschließlich quantitativ erfaßt und nicht auch qualitativ. Vielleicht kann man damit ‚Dem Lernen einen neuen Sinn geben‘ und die oben erwähnten drei Ziele erreichen.“
Der Tagesspiegel, Berlin, Sonntag, 29. Mai 1983

Für mich ist das Inhaltliche hier noch immer aktuell, und das gilt auch für Hochschulen. Studierende aller Fächer sollten Lehrveranstaltungen besuchen, in denen sich Wissenschaft selbst zum Thema macht, wo also über Wissenschaftlichkeit nachgedacht wird. „Bildung“ als ein Zweck von Wissenschaft (Schummer, Joachim: Wozu Wissenschaft? Neun Antworten auf eine alte Frage. Berlin: Kadmos 2014.) umfasst die Notwendigkeit des Nachdenkens über Wissenschaft auf einer Meta-Ebene, die Reflexion über die eigene Disziplin und deren sozial-gesellschaftliche Einbettung in die moderne Gesellschaft.

Um heutzutage wissenschaftlich begründete Entscheidungen in Alltag (z.B. beim Gesundheitsschutz) und Politik (etwa bzgl. der Umweltproblematik und des Nachhaltigkeits-Imperativs) treffen zu können, müssen Entscheidende, also heutztage eigentlich alle, ein grundlegendes Verständnis des Funktionierens von Wissenschaft haben. Und dies kann auch, zumindest ansatzweise, in Aktivitäten zur Förderung von Informationskompetenz integriert werden, wie ich an anderer Stelle betont habe (hier noch ein Beispiel für eine praktische Auswirkung).

Ein frühe historische Quelle zur Frage der Integration von Wissenschaftstheorie und -geschichte und damit des Nachdenkens über Wissenschaft in die Hochschullehre aller Fächer fand ich beim Füllen von Ausstellungsvitrinen in der TUHH-Bibliothek (zur Ausstellung "Kurz vor Zwölf" mit Heften des „Bulletin of the Atomic Scientists“. Diese Zeitschrift bietet auch so etwas wie einen authentischen Rückblick in die Geschichte des Verhältnisses und der Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Technik, Politik und Umwelt im 20. Jahrhundert. Der Titel der kleinen Ausstellung bezog sich übrigens nicht auf die aktuelle politische Situation in Deutschland. Dazu wurde in einem Beitrag im Philosophie-Magazin (Nr. 3, 2016) von dessen Herausgeber Wolfram Eilenberger den Philosophen Walter Benjamin zitierend das Wichtigste gesagt.

In der [Ausgabe Oktober 1968] des Bulletins sind Vorträge von einem Symposium mit dem Titel "Science and the human condition" publiziert, das im November 1967 in Urbana, Illinois stattfand. Gefordert wurde schon damals, dass im Rahmen von Hochschulausbildung nicht nur die jeweilige Wissenschaft selbst thematisiert wird, sondern immer auch Aspekte, die Wissenschaft selbst zum Thema machen, Teil des Curriculums sind, etwas ein Nachdenken über das Funktionieren von Wissenschaft und ihre Rolle in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

"The central problem of higher education is how to bring up new generations, fit to live as individuals and as citizens. The changing habitat which science is creating for them involves not only education in science, but perhaps even more importantly, education about science – the development of understanding of what science is about; what it can (and what it cannot) do, appreciation of the role of science in past history of its likely role in the future; of how its revolutionary force can be best used in the framework of a stable democratic society and how this society can be adapted to the rapid changes in style, circumstances, accomplishments, and dangers of life as science changes and shapes it.
This calls not merely for wider teaching of physics and chemistry, biology, and anthropology on all levels, but above all, for integration into general education, into the teaching of history, political, and social scienecees, yes, even into philosophical and religious instruction, of the facts, methods, and ideas, promises and dangers, potentialities and limitations of mankind’s first common enterprise, that of scientific exploration of nature."(S. 23)

Einer der Aufsätze, von Jacob Bronowski, trägt den Titel „Science as a humanistic discipline“ und endet mit diesem Absatz (S.33):

"Science has to speak for its humanist heritage as a matter of scientific and human concern together. We have to present man for what he is, the creature through whom nature discloses her laws, and who rules and recreates her (and himself) not by magic but by understandings; and not by will but by need. and we have to do that as scientists, whether we like it or not. For if this new humanism fails to convince and fire the minds of the public, science is cut off from its roots, and becomes a bag of tricks for the service of governments. We really have no choice; we have become the guardians of humanism as a living relation between man and nature, and have to become teachers of it for our own survival."

Ein weiterer Zeitungsartikel aus dem Tagesspiegel, den ich vor Jahrzehnten aufgehoben hatte, trug den schönen Titel "Bildung als ‚Selbstverteidigung‘. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu zum BIldungswesen der Zukunft" (von Dorothee Nolte, Der Tagesspiegel, Nr. 12356, 18.05.1986, S. 40). Bourdieu hatte im Rahmen des Collège de France Vorschläge für das Bildungswesen der Zukunft erarbeitet. Im dritten Abschnitt des Artikels heisst es:

"Als zentrale Idee der Vorschläge bezeichnet Bourdieu die Überlegung, daß die Wissenschaft in der gegenwärtigen Gesellschaft zu einem Machtinstrument geworden sei; den Menschen müßten also ‚Mittel zur Selbstverteidigung‘ an die Hand gegeben werden, mit denen sie sich gegen Manipulation aller Art wehren könnten. Wichtig sei hierfür, daß die Wissenschaften stets innerhalb ihres historischen Zusammenhangs gelehrt würden, damit die geschichtliche Bedingtheit der einzelnen Wissenschaften und auch des Rationalitätsbegriffs offensichtlich würden. Der Unterricht sollte interkulturell angelegt sein und die Pluralität der Kulturen betonen."

Nachdenken über Wissenschaft sollte also Teil jedes Studiums in allen Fächern sein. Eine sehr treffende Charakterisierung von Wissenschaft stammt überraschenderweise vom dänischen Schriftsteller Peter Høeg; überraschend hier auch, dass Unsicherheit und Ungewißheit mit Wissenschaft verbunden wird:

"Das eben haben wir mit Wissenschaft gemeint. Daß das Fragen wie das Antworten mit Ungewißheit verbunden ist und daß beides weh tut. Doch daß es keinen Weg drumherum gibt. Und daß man nichts verbirgt, sondern daß alles offen an Licht kommt.“ (Der Plan von der Abschaffung des Dunkels. Roman. Rowohlt, 1998, S. 25)

Wissenschaft hat also mit Offenheit zu tun!

Eines der aktuell besten Werke, das das Wesen der Wissenschaft und deren Entstehungsbedingungen und Auswirkungen im Kontext von Gesellschaft thematisiert, behandelt die Frage des Funktionierens von Wissenschaft bei wissenschaftlichen Kontroversen: David Harker (Creating scientific controversies. Uncertainty and bias in science and society. Cambridge: Cambridge University Press 2015). Das Buch nimmt quasi das Zitat von Høeg auf und eignet sich bestimmt auch für die Integration der Meta-Reflexion über Wissenschaft im Lehren und Lehren vieler Fächer.

Eher populär gehalten ist eine kleines Büchlein, herausgegeben von österreichischen Rat für Forschung und Technologienentwicklung: Ahne, Verena; Müller, Stefan A. (2016): (Fast) alles über Wissenschaft und Forschung. Wie Forschung funktioniert und was Wissenschaft eigentlich bedeutet. Wien: Holzhausen Verlag.

Schreiben als In-Form-Bringen des Denkens

Die Überschrift dieses Beitrages ist mir vor Kurzem beim eigenen sogenannten Warmschreiben oder Free-Writing im Rahmen des Seminars "Wissenschaftliches Arbeiten" an der TUHH in den Sinn gekommen. Gerne nutze ich immer die Gelegenheit, diese Übung im Seminarteil von Birte Schelling mitzumachen. Ulrike Scheuermann (Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln. 2. Aufl. Opladen: Budrich, 2013) spricht auch von Gedanken- oder Fokussprints (S. 78-79). Man schreibt innerhalb von 5 Minuten ohne abzusetzen alles auf, was einem durch den Kopf geht bzw. man wählt vorab ein Thema und schreibt dann.

Kurz vorher hatte ich ein Buch durchgeblättert und angelesen, dass auch in die Richtung des Themas dieses Textes geht: Hornuff, Daniel: Denken designen. Zur Inszenierung der Theorie. Paderborn: Fink 2014. Es passt auch zu dem schönen Aufsatz von Philipp Mayer "Wissenschaftlich schreiben heißt vor allem denken. Zwölf Techniken für mehr Effizienz. Das Hochschulwesen, 58 (2010) 1, 28-32. Diese Blog-Beitrag befasst sich also mit philosophischen Gedanken zum Schreiben.

Hier mein Text vom Warmschreiben:

„Bibliotheken fördern auch akademische Tugenden und Kompetenzen. Eine der wichtigsten akademischen Kompetenzen ist die Reflexion, die Reflexion über das, was Wissenschaft kennzeichnet und wie wissenschaftliches Wissen entsteht. Kurse zum wissenschaftlichen Arbeiten bieten nicht nur Tipps und Rezepte sondern sollen gerade das Nachdenken anregen, über das, was man selbst tut, die Auswirkungen der eigenen Tätigkeit, und das Schreiben von eigenen Gedanken ist Teil des Denkens, Schreiben ist so etwas wie In-Form-Bringen des eigenen Denkens. Es hat also mit Form und Formalisierung des Denkens zu tun, andererseits wird durch das In-Form-Bringen auch deutlich, dass dadurch Denken trainiert werden kann. Beim Schreiben kommt man auf neue Gedanken, Assoziationen und Ähnliches, die einem vielleicht weiterhelfen, sein Tun fortzuentwickeln. Schreiben erleichtert das Denken durch die Ablage und Speicherung von Gedanken.“

Man kann vielleicht auch sagen, „Schreiben ist In-formation des Denkens“, Information hier benutzt im Sinne einer seiner etymologischen Wurzeln als Einprägen bzw. Formen des Denkens, denkt man an die englische Sprache auch als "Bildung" des Denkens, im Sinne von Anregen des Denkens. Denken wird durch das Schreiben aber eben auch in Form gebracht, formalisiert.

Bei der diesjährigen Kleinen Nacht des wissenschaftlichen Schreibens an der TUHH am 11. Mai 2016 (Kurzbericht zur Podiumsdiskussion am Beginn der Kleinen Nacht von Nadine Stahlberg) gab es überraschenderweise auch einen Vortrag zu einer, wie ich es nennen würde, „"Philosophie des Schreibens", der bei mir zu einer Vielzahl von Assoziationen führte. Der Vortragende Bertrand Schütz gestaltet seit Jahren ein Seminar "Literatur und Kultur" an der TUHH.

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Was unter Informationskompetenz verstanden wird, verändert sich

Was unter Informationskompetenz verstanden wird bzw. wie diese wahrgenommen wird, verändert sich im Bereich der Hochschulbibliotheken auch in Deutschland. Informationskompetenz wird nicht nur aus Sicht von Bibliotheken gesehen. Ein Auslöser dazu war sicher das Papier der Hochschulrektorenkonferenz "Hochschule im digitalen Zeitalter: Informationskompetenz neu begreifen – Prozesse anders steuern".

Die Förderung von Informationskompetenz ist zwar heutzutage essentieller Teil der Dienstleistungen von Bibliotheken. Oliver Schoenbecks Aufsatz "Informationskompetenz als Gestaltungsaufgabe" (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 62 (2015) H. 2. S. 85–93 – Nicht Open Access!) zeigt aber, dass Informationskompetenz nicht immer unter einem pädagogisierenden Blickwinkel gesehen werden muss. Einen vergleichbaren Ansatz bieten Thorsten Bocklage, Julia Rübenstahl und Renke Siems in "Informationskompetenz als Kuratieren von Wissensräumen" (Preprint eines Beitrages zur zweiten Auflage des "Handbuchs Informationskompetenz", hrsg. von Willy Sühl-Strohmenger. Berlin: De Gruyter 2016). Wenn es Bibliotheken im Hochschulbereich vermeiden, ein Sendungsbewusstsein zu entwickeln, dafür aber bedarfsgerecht und anfrageorientiert mit ihren Angeboten auf die Bedürfnisse der Nutzenden reagieren, kann Informationskompetenz als ein Thema der Förderung von Schlüsselkompetenzen durch die Hochschule insgesamt betrachtet werden. Die Angebote der Bibliothek sind also im Optimum vor allem Teil der Aktivitäten der Hochschule.

Hinwendung zur Forschung und zum wissenschaftlichen Arbeiten
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Systematische Literatur-Reviews

Studierende sollten während ihres Studiums die Forschungslandschaft ihres Faches erkunden, insbesondere den aktuellen Stand der Literatur. Hier kann ein systematischer Literatur-Ansatz sinnvoll sein, damit die Recherche auf einem methodischen Unterbau steht. Ein Mitarbeitender der wirtschaftsorientierten Institute der TUHH hatte mir gegenüber als Weihnachtswunsch 😎 geäussert, die Erstellung systematischer Literatur-Reviews in einem Blog-Beitrag zu behandeln.

Gerade in heutiger Zeit der Informationsflut und in Bereichen inter- bzw. transdisziplinärer Forschung ist ein bewerteter Literaturüberblick zu einem bestimmten Thema oder zu einer definierten Forschungsfrage eine wichtige Voraussetzung am Beginn jedes wissenschaftlichen Arbeitens und Forschens.

Systematische Literatur-Reviews sind besonders in den Fachgebieten der Medizin, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften von Bedeutung, da hier oft für Praxis und Politik "evidenz-basiert" über die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung im Rahmen der Wissenschaftskommunikation berichtet werden soll. Zur Entwicklungsrichtung der evidenzbasierten Medizin werden dabei aber durchaus auch Gegenpositionen eingenommen.

Für "Systematische Literatur-Reviews" ist charakteristisch, dass die Kriterien für die Auswahl der Quellen offen dargelegt wird. Auch das Vorgehen bei der Literatursuche wird ausreichend detailliert erläutert. Als Ergebnis des Reviews soll ersichtlich sein, was bekannt ist hinsichtlich der Fragestellung und was unbekannt ist bzw. wo noch Forschungsbedarf besteht.

Systematische Reviews in den verschiedenen Fachgebieten

Zum Thema "Systematisches Literatur-Review" gibt es in den einzelnen Fachgebieten eine Fülle an Ansätzen.

Es gibt sogar eine Open-Access-Zeitschrift zum Thema "Literature Reviews". Und auch in die Ingenieurwissenschaften dringt das Thema langsam ein:

  • Borrego, Maura; Foster, Margaret J.; Froyd, Jeffrey E. (2014): Systematic Literature Reviews in Engineering Education and Other Developing Interdisciplinary Fields. In: J. Eng. Educ. 103 (1), S. 45–76. DOI: 10.1002/jee.20038 (Paywall).
  • Kitchenham, Barbara; Brereton, Pearl (2013): A systematic review of systematic review process research in software engineering. In: Information and Software Technology 55 (12), S. 2049–2075. DOI: 10.1016/j.infsof.2013.07.010 (Paywall).

Letzter Aufsatz stellt ein systematisches Review über systematische Reviews dar, so wie dieser Blog-Beitrag eine Art narratives Kurz-Review über systematische Reviews darstellt. Bei narrativen Reviews werden die Artikel subjektiv und unsystematisch ausgewählt. 😎 Bei systematischen Reviews wird versucht, diese Subjektivität und Zufälligkeit durch verstärkten methodisch-formalen Aufwand zu verringern. Die Recherche nach interessanten Aufsätzen zum Thema Reviews wird ja etwas erschwert dadurch, dass viele Reviews zu fachlichen Fragen den Begriff ebenfalls mit sich führen und den Ballast bei der Recherche überproportional erhöhen.

Insgesamt erschien mir das Thema sehr "formalisiert", erinnerte es mich doch an die Standards der Informationskompetenz, eine lineare Folge von zu bewältigenden Schritten, um in jedem Kontext trotz der vielfältigen Einfluss-Faktoren ein optimales Ergebnis zu bekommen. Trotzdem kann ein Rahmen für Literatur-Reviews in Form einer einzuhaltenden Abfolge von Schritten eine sinnvolle Hilfestellung beim Einarbeiten in die Literatur darstellen.

Ausserdem verknüpft das Thema „Literatur-Reviews“ das Thema Informationskompetenz mit dem wissenschaftlichen Schreiben, ein Kernpunkt des von mir an der TUHH durchgeführten Seminars zum Wissenschaftlichen Arbeiten. Überzeugt vom Thema hat mich dann eine Gegenüberstellung zum "linking critical reading with self-critical writing" in der oben genannten Website der Cardiff Business School: die Fähigkeit, kritisch die vorhandene Literatur zu bewerten, ist natürlich notwendig, um selbst geschriebene Texte zu erstellen und zu strukturieren, aber auch um diese dann selbstkritisch zu bewerten und zu korrigieren.

Phasen eines systematischen Reviews

Weitere interessante Papers, die – nicht immer einheitlich – die Phasen eines Literatur-Reviews aufführen: Weiterlesen

Zum Wandel des Publikationsbegriffs in der post-digitalen Wissenschaft

Vor mehreren Wochen fand in Lüneburg an der Leuphana Universität "The Post-Digital Scholar Conference" statt. Veranstalter war das Hybrid Publishing Lab am dortigen Centre for Digital Cultures (Die Gelegenheit, einem anregenden Workshop vom Hybrid Publishing Lab zum Thema Open Access zu besuchen, nutzte ich schon einmal vor einem Jahr.). Vortragende aus Deutschland und der Welt diskutierten die Entwicklung des wissenschaftlichen Publizierens mit Schwerpunkt im Bereich der Kulturwissenschaften. Die Konferenz ist von den Veranstaltenden reich dokumentiert, mit einem Nachbericht in deutscher Sprache, Twitter-Reviews und Blog-Posts mit Berichten nach der Konferenz, aber auch mit Kurz-Interviews mit den Vortragenden vor der Konferenz. Im Januar sollen die Videos der Panels ins Netz gestellt werden.

Hier folgen punktuelle Eindrücke, Entdeckungen und sonstige persönliche Nachwirkungen von der Konferenz. Im beruflichen Alltag war der Besuch einer solchen Konferenz sicher eine Ausnahme, jedoch möchte ich die vielfältigen aus ihr entstandenen und langfristig wirkenden Anregungen und Gedankenhorizonte nicht missen. Trotz eines eigenen Panels zu Bibliotheken waren aus dem deutschen Bibliothekswesen nur sehr wenige vertreten. Alle anderen verpassten die Möglichkeit eine interessante und kritische Gemeinschaft von Forschenden und ihren Themen zur Weiterentwicklung digitaler Kulturwissenschaften kennenzulernen.

Die Konferenz war eine gute Gelegenheit, internationale Wissenschaftler im Bereich kulturwissenschaftlichen Publizierens wie Kathleen Fitzpatrick, David M. Berry, Geert Lovink oder Gary Hall zu hören oder neu zu entdecken. Das Nachdenken über die Entwicklung der wissenschaftlichen Kommunikation findet in den Geistes- und Kulturwissenschaftlen speziell im Rahmen des Themenfeldes "Digital Humanities" statt. Vergleichbare Spezialgebiete sind in den von der digitalen Entwicklung viel früher betroffenen Natur- und Technikwissenschaften die sich nennenden Bereiche "e-Science" und "Science 2.0", die aber beide wesentlich weniger kritisch wirken als manche der Vertretenden der Digital Humanities (zumindest auf dieser Konferenz!) erscheinen.

Am Ende der nachstehenden Punkte folgen noch ein paar Gedanken zur Transformation des Publikationsbegriffes!

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Wissenschaft, Datenbanken und Bildung

Auf das Buch „Wozu Wissenschaft“ von Joachim Schummer (Wozu Wissenschaft? Neun Antworten auf eine alte Frage. Berlin: Kulturverlag Kadmos Berlin, 2014 – Einleitung auf der Website des Autors) wurde hier schon mal hingewiesen. Die Frage des Buches wird meistens nur in zweierlei Weise beantwortet: Wissenschaft werde getrieben um ihrer selbst willen oder zur Förderung der technischen Entwicklung. Der Autor entwickelt ausgehend auch von einer historischen Betrachtungsweise neun Zwecke von Wissenschaft: „Weltverbesserung, Methodenentwicklung, Erklärung und Aufklärung, Vorhersage, Innovation, Befriedigung von Neugier, Lebensform, Weltorientierung und Bildung“ (S. 179).

Der folgende Satz im Abschnitt Innovation hat mir besonders gut gefallen: 😎

„Für ein Wissenschaftspolitik, welche die Innovationskultur tatsächlich stärken wollte, ließen sich aus der Geschichte wichtige Schlüsse ziehen. Sie würde sich in erster Linie um das Dokumentationswesen kümmern, also die fachliche Strukturierung und Bereitstellung von Wissen in Bibliotheken, Archiven, Datenbanken und wissenschaftlichen Internetportalen.“ (S. 90-91)

Trotz dieser positiven Sicht auf Datenbanken hinsichtlich der Förderung von Innovation weist der Autor an anderer Stelle auch auf eine Herausforderung hin, bei der Datenbanken die Kreativität von Forschenden negativ beeinflussen können:

„Das Dokumentationswesen in Gestalt der Datenbanken optimiert zwar die Bewertung von Neuheit, bildet aber auch einen subtilen Druck für Forscher, genau diejenigen Untersuchungen durchzuführen, deren Ergebnisse leicht in die Datenstruktur einzufügen sind.“ (S. 100)

Das Buch von Schummer ist auch ein Beispiel dafür, warum historische Betrachtungen nützlich und hilfreich zum Umgang mit gegenwärtigen Herausforderungen sind. Dazu passt ein Hinweis auf das Essay „Mit Leidenschaft – Studiert Geschichte! Jahrelang!“ von Vincent-Immanuel Herr in der Zeit vom 11. September 2014 (S. 15).

Im Abschnitt "Bildung" als Zweck von Wissenschaft betont Joachim Schummer die Notwendigkeit des Nachdenkens über Wissenschaft auf einer Meta-Ebene, die Reflexion über die eigene Disziplin und deren sozial-gesellschaftliche Einbettung in die moderne Gesellschaft:

„Die Integration der Ethik, einschließlich der Entwicklung von geeigneten Lehrmethoden, die zur selbständigen Wertereflexion und zum Verständnis der jeweiligen Fächer in einem größeren Gesellschaftsrahmen befähigen, ist heute das größte Desiderat in der schulischen und disziplinären Bildung.“ (S. 172)

Dies passt zu Thesen, die von mir im Sommer während des Roundtables am Ende einer kleinen Konferenz mit dem Titel "New Directions in Digital History of Science" der IUHPS-DHST Commission on Bibliography and Documentation (CBD) am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin vorgetragen wurden:

The purpose is to argue for a proposal to integrate compulsory courses in the history, philosophy and sociology of the sciences in the curricula of all disciplines in higher education. The realization of this proposal would be a good possibility in all subjects to practice research methods and to develop media and information literacy as well as academic writing skills. A form of “Bildung” for information as information literacy is part of any learning to develop something like a “transformative literacy” which is necessary in a society, whose present and whose future depends on science and technology and which is urged to develop sustainably. This also implies reflection about science – about its characteristics and history, its theories, its methods, its purposes, its visibility and its benefits. Giving alternatives a chance within research and technology appears to be necessary for a transformation to a sustainable society.

Auch in Seminaren zum Wisenschaftlichen Arbeiten gehören Fragen nach dem Wesen von Wissenschaft zumindest am Rande mit in das Lernprogramm.

Sehr schön passt hier übrigens ein fiktiver Film-Dialog zum Thema "Was ist Wissenschaft?" zwischen Einstein, Nietzsche, Mach und anderen im Rahmen einer nun nur noch virtuellen Einstein-Ausstellung des Max-Planck-Institus für Wissenschaftsgeschichte.

Informationskompetenz als Teil wissenschaftlichen Arbeitens

Im Wintersemester 2103/2014 wurde von mir an der TUHH in Zusammenarbeit mit KollegInnen aus der TU-Bibliothek, einer Kollegin vom FinishING-Projekt der TU-Studienberatung, einer Kollegin aus der Arbeitsgruppe Arbeit-Gender-Technik (M-1) der TU sowie einer externen Dozentin ein Seminar zum "Wissenschaftlichen Arbeiten" durchgeführt. Ein Weblog zum Seminar dient als Schaufenster und Einführung in die Seminar-Themen auch für diejenigen, die leider bei der Auslosung der 30 Plätze aus mehr als 150 Interessenten nicht erfolgreich waren. Im Kommentierten Vorlesungsverzeichnis heisst es zum Seminar:

„[Es] bietet eine Hinführung zu den vielfältigen Aspekten wissenschaftlichen Arbeitens: Themenfindung, Fachinformation, Wissensorganisation, Schreiben, Präsentieren, Publizieren. Anregungen zum Nachdenken über eigene Lern-, Informations- und Schreibprozesse – ergänzt durch praktische Empfehlungen und Tipps – erleichtern den Einstieg in die Erstellung von Bachelor- und Masterarbeiten, Arbeiten, die durchaus auch Erfüllung bringen und Spass machen können.“

Durch das Seminar hat sich auch mal wieder mein Blickwinkel auf Informationskompetenz leicht verändert. Pragmatisch gesehen möchten Studierende aus meiner Sicht im Bereich Informationskompetenz primär Antworten auf drei Fragen haben, wenn sie an ihrer Examensarbeit sitzen:

  1. Wie komme ich an Volltexte?
  2. Wie kann ich sicherer sein, nichts Wesentliches übersehen zu haben?
    • Systematische Informationssuche
    • Nutzung von Fach-Datenbanken
  3. Wie bewältige ich die Informationsflut?

Ein weiteres implizites Ziel des Seminars war es, auch mal über das Phänomen "Wissenschaft" als solches nachzudenken. Im Rahmen des normalen Curriculums besonders der Natur- und Ingenieurwissenschaften findet ein solches Reflektieren in der Regel viel zu selten statt. Hier wäre ein Ausbau von Komponenten des "Studium generale" vielerorts sicher wünschenswert. Im Seminar sollten also Rezepte und Reflexion möglichst eine Einheit bilden. Nichtzuletzt sollen, der Schluss des oben zitierten Abstracts zum Seminar deutet dies an, auch negative und positive Gefühle beim wissenschaftlichen Arbeiten nicht verschwiegen werden, wie es auch ein Life-Cycle zur wissenschaftlichen Kommunikation als eine Art von „Advanced Organizer“ zum Seminar verdeutlichen soll.

LSD für das wissenschaftliche Arbeiten

Auf Markus Krajewski’s Buch "Lesen Schreiben Denken : zur wissenschaftlichen Abschlussarbeit in 7 Schritten" (Wien: Böhlau / UTB, 2013) war ich sehr gespannt. Obwohl ich ja eigentlich nicht mehr so viel "Stuff" ansammeln will (wobei im gerade verlinkten Text Bücher ausdrücklich ausgenommen sind! 😎 ), wird LSD – nicht LSD – doch Teil meiner Bücherregale werden.

Das Buch bietet mit seinen 7 Schritten – Themenfindung, Recherche, Lektüre, Verzetteln, Verfassen, Zitieren und Formatieren – eine leicht lesbare und kompakte Einführung in modernes Arbeiten in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Aber auch Studierende anderer Fachrichtungen können das Buch mit Gewinn lesen. Bei jedem Schritt werden wichtige Anregungen zum Nachdenken gegeben, aber auch viele kleine Tricks und Kniffe erwähnt. Es gibt sogar ein "Lob von LaTeX" (S.99).

Schon der Titel betont, worauf es beim wissenschaftlichen Arbeiten wirklich ankommt: "Wissenschaftlich schreiben heißt vor allem denken." (Zitat ist Titel eines Aufsatzes mit dem Untertitel "Zwölf Techniken für mehr Effizienz" von Philipp Mayer, in: Das Hochschulwesen, 58 (2010) 1, S. 28-32). Mit dem Band wird für mich auch das Begriffspaar Rezept / Reflexion angesprochen. Damit meine ich das auch in anderen Bereichen wie z.B. der Erziehung oder dem Lehren oft vorkommende Fragen nach (Patent-) Rezepten beim wissenschaftlichen Arbeiten oder eben beim pädagogischen Handeln in der Lehre. Rezepte können als Werkzeug in bestimmten Kontexten hilfreich sein, aber das Wesentliche beim wissenschaftlichen Arbeiten, Lehren usw. ist es aus meiner Sicht, selbst Erfahrungen zu sammeln, sich selbst dabei über die Schulter zu schauen und dann darüber nachzudenken, was man für sich in der konkreten Herausforderung in Zukunft besser machen kann. Das Wesentliche also ist Reflexion über das eigene Handeln.

Natürlich bin ich für eine Beurteilung des Buches voreingenommen, da ich Markus Krajewski schon lange auch persönlich kenne und seine Texte seit seiner Zettelwirtschaft (Link zu einer Rezension, S. 317-318) immer wieder mit Vergnügen lese. Gerade illustrierende Beispiele aus der eigenen Forschung von Krajewski machen dieses Buch für jemanden wie mich, dessen Interessen sehr ähnlich gelagert sind, besonders lebendig.

Was im Buch von Markus Krajewski sicher nicht explizit genug thematisiert wird, ist ein für mich zum Thema „Wissenschaftliches Arbeiten“ gehörendes Nachdenken über Wissenschaft als Institution und damit verbunden über Kennzeichen von wissenschaftlichen Texten oder von Wissenschaftlichkeit. Ergänzend lohnt es sich, hier z.B. in das Bändchen "Wissenschaftssprache : eine Gebrauchsanweisung" von Valentin Groebner (Konstanz : Konstanz Univ. Press, 2012, hier den Teil "Ein bisschen Feldforschung") oder in den Klassiker "Uni-Angst und Uni-Bluff heute : wie studieren und sich nicht verlieren" von Wolf Wagner (Aktualisierte und vollst. überarb. Neueusg., 3. Aufl. der Neuausg. Berlin : Rotbuch-Verl., 2012) zu schauen.

Implizit ist dieses Buch auch eine Einführung in eine Kulturgeschichte wissenschaftlichen Arbeitens, die bisher noch nicht geschrieben wurde. Ich selbst will mich irgendwann mal an so etwas wie eine Geschichte von (vor allem bibliothekarischer) Aktivitäten zur Förderung von Informationskompetenz und wissenschaftlichem Arbeitens machen. Dazu harrt immer noch das Werk "Versuch einer Bibliographie zur bibliothekarischen Wissenschaftspädagogik im deutschsprachigen Gebiet : 1500 – 1970" von Dieter Schmidmaier (Freiberg: Bibliothek der Bergakademie, 1970) auf Auswertung meinerseits in heimatlichen Bücherregal.

Und diese Geschichte begann schon früh, wie nicht nur die eben genannte Bibliografie zeigt. Schon am Ende des 18. Jahrhunderts wurden beispielweise viele Publikationen zur sogenannten Hodegetik, als "Lehre von der Anleitung zum Universitätsstudium" publiziert, zu deren Geschichte ein Mitherausgeber einer auch heute noch publizierten Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten einen schönen Aufsatz geschrieben hat: Joachim Stary: Hodegetik oder "Ein Mittel gegen das Elend der Studierunfähigkeit". Eine historische Betrachtung. (Das Hochschulwesen. 42, 1994, 4, S. 160–164). Nicht zuletzt wird in Krajewskis Buch zum wissenschaftlichen Arbeiten übrigens auch Wilhelm Ostwald erwähnt, der Lesenden dieses Blog nicht unbekannt sein dürfte. Das erwähnte Buch ist übrigens "Die Technik wissenschaftlichen Arbeitens : eine praktische Anleitung" (Norbert Franck und Joachim Stary (Hrsg.) 16., überarb. Aufl. Paderborn: Schöningh, 2011). zu dem auch Krajewski ein Kapitel zu elektronischen Literaturverwaltungen beigesteuert hatte.

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