"Threshold concepts" statt Standards zur Informationskompetenz

Die ACRL ist dabei ihre "Information Literacy Competency Standards for Higher Education" zu überarbeiten bzw. zu ersetzen. In einer im Februar publizierten Verlautbarung wird ein erster "initial draft" eines "Framework for Information Literacy for Higher Education", also eines Rahmens für Informationskompetenz innerhalb der Hochschulbildung, zur Diskussion gestellt [Inzwischen ist beim angegbenen Link auch der 2. Draft zu finden. T.H. 11.4.2014]. Hintergrund ist der Versuch, aktuelle Entwicklungen moderner Informationsumgebungen aber auch moderne Konzepte aus dem Bereich ganzheitlicherer Betrachtungen von "information literacy" zu berücksichtigen, z.B. Begriffe wie Metaliteracy und Forschungsergebnisse der Wahrnehmung von "information literacy" in unterschiedlichsten Kontexten von Autorinnen wie Kuhlthau, Bruce, Lloyd und anderen.

Wesentlicher Teil des neuen Rahmens sind sogenannte "Threshold concepts", hier so etwas wie "Schwellen-Begriffe" oder eine Menge von "Kern-Begriffen", die notwendig sind, um sich – hier als Anwendung auf den Bereich Informationskompwetenz – in modernen Informationsumwelten zurecht zu finden. Das Nachdenken über "Threshold concepts" allgemein begann im ersten Drittel des letzten Jahrzehntes durch Publikationen der Erziehungswissenschaftler Jan H.F. Meyer und Ray Land. Hintergrund hier war auch das Nachdenken über das Prinzip "less is more" beim Erstellen von Curricula.

"Threshold concepts" haben nach Meyer und Land fünf Eigenschaften: Sie sind "transformative, integrative, irreversible, bounded; and troublesome", wobei die Eigenschaft "boundedness" mutigerweise im geplanten IL Framework gleich wieder fallengelassen wird (S. 5). "Threshold concepts" sind entscheidende Begriffe und Konzepte, von Meyer und Land auch "jewels in the curriculum" genannt, die das fachliche Verständnis nachhaltig verändern. Sie stehen damit selbst an einer Schwelle zwischen fachlichen Inhalten und pädagogisch-didaktischen Aktivitäten. Sie verweisen auf – und thematisieren damit auch – Schwierigkeiten, Unsicherheiten und Ängste, die das Lernen begleiten.

(Nach: Ray Land, Glynis Cousin, Jan H F Meyer & Peter Davies: Threshold concepts and troublesome knowledge (3)*: implications for course design and evaluation. In: Rust, C. (Ed.) (2005): Improving Student Learning Diversity and Inclusivity. Oxford: Oxford Centre for Staff and Learning Development.)

Bisher im Framework formulierte "Threshold concepts" zur "information literacy" umfassen

  • Scholarship is a Conversation
  • Research as Inquiry
  • Format as Process

Dazu kommen weitere in Aufsätzen schon formulierte Beispiele:

  • Information as a commodity
  • Authority is constructed and contextual
  • Primary sources and disciplinarity
  • Metadata = Findability
  • Good searches use database structure
  • Let’s go … to the library

Als erster Eindruck lohnt sich für mich ein Nachdenken über "Threshold concepts", zielen sie doch auf das, was ich schon oft den Kern von Informationskompetenz genannt habe. Sogar eine neue Definition von "information literacy" wird vorgeschlagen (Ob dies notwendig ist, lasse ich hier offen!):

"Information literacy combines a repertoire of abilities, practices, and dispositions focused on expanding one’s understanding of the information ecosystem, with the proficiencies of finding, using and analyzing information, scholarship, and data to answer questions, develop new ones, and create new knowledge, through ethical participation in communities of learning and scholarship." (S. 4)

Zu jedem "Threshold concept" innerhalb des Frameworks (vielleicht auf Deutsch auch als Referenzrahmen zu bezeichnen, wobei dies im Informationskompetenz-Bereich von Andreas Klingenberg als Begriff genutzt wird) gehören cognitive Lernziele ("Knowledge Practicies (Abilities)"), Lernziele mit Bezug auf "metaliteracy" und zu verändernde Einstellungen ("Dispositions") sowie Vorschläge zur Überprüfung der Selbsteinschätzung durch Lernende und zur externen Bewertung des Lernerfolgs.

Sicher wirken die Gedanken der "Threshold concepts" eher abstrakt und es bleibt abzuwarten, was dies für den Bereich Informationskompetenz praktisch bedeutet. Aber Letzteres konnte man auch bei den Standards fragen. Gemeint ist von den Entwicklern des Schwellenbegriffs "Threshold concept" sicher auch kein Handlungsrahmen, um die Welt nun besser mit Informationskompetenz-Aktivitäten beglücken zu können. 8-) Aber die Nutzung von "Threshold concepts" erfordert ein "Listening for understanding", das mich an die gerade populär werdende Nutzung ethnografischer Methoden im Bibliothekswesen erinnert (Vgl. das neueste Heft der Zeitschrift 027.7 zum Thema). Wichtig wäre die Erkundung "(ideally with students) what appear to be the threshold concepts in need of mastery" (Cousin, 2006, S. 5).

Zu fragen ist aber auch, inwieweit die oben aufgeführten "Threshold concepts" wichtig für das lebenslange Lernen sind, das Informationskompetenz ja unterstützen soll, oder ob es nicht teilweise eher Begriffe sind, die aus Sicht der Profession wichtig sind. So wird das letzte der oben aufgeführten "Threshold concepts" zur Informationskompetenz im Aufsatz der Autorinnen auch gleich wieder verworfen (vgl. Townsend, L., Brunetti, K., & Hofer, A. R. (2011). Threshold concepts and information literacy. portal: Libraries and the Academy, 11(3), 853-869).

Nimmt man das neue Framework zur "information literacy" nicht nur als nützliches Werkzeug oder Instrument sondern als ein Angebot oder eine Möglichkeit, um über Erfahrungen in modernen Informationsumgebungen zusammen mit Lernenden zu reflektieren und dabei auch individuelle und fachspezifische Wahrnehmungen kognitiver und affektiver Art zu diskutieren bzw. diese zuzulassen und auszutauschen, dann ginge dies für mich in die richtige Richtung!

Hier ein paar weitere Texte zum Einlesen:

Noch eine Beobachtung aus eigener Erfahrung: Teilnehmende des an der TUHH im Wintersemester durchgeführten Kurses zum "Wissenschaftlichen Arbeiten" haben am Schluss etwa teilweise so formuliert: "Wir haben gemerkt, dass wir mit unseren Problemen und Unsicherheiten bei wissenschaftlichen Arbeiten nicht allein sind." Und dies war für manche "fast" das wichtigste Ergebnis der Teilnahme am Seminar. Ein paar Sätze aus dem kurzen Beitrag von Cousin haben mich daran erinnert:

"Teachers must demonstrate that they can tolerate learner confusion and can ‘hold’ their students through liminal states. Moreover, in our research some students expressed the fear they were the only ones among their peers who did not comprehend difficult concepts. While it became a source of huge relief to discover eventually that other students were similarly confused, this awareness needed to be shared early on in the course. Unless teachers devise activities that uncover this, many students will suffer in silence." (S. 5)

Ein historisch-genetischer Blick auf Suchmaschinen

"Auf den Spuren der Suche" nannte sich ein Projekt von Studierenden im Rahmen der studiengangsübergreifenden Lehre am Department Information der HAW Hamburg, das am Freitag, den 7. Februar 2104, mit seinen Ergebnissen vorgestellt wurde. Das Projekt ist ein Beispiel dafür, dass man aus Geschichte lernen kann, dient Geschichte doch bei diesem Projekt besonders dazu, ein besseres Verständnis der Funktionsweise von Suchmaschinen zu entwickeln.

In seinem Einführungsbeitrag zeigte der Suchmaschinen-Spezialist und Initiator des Projektes Dirk Lewandowski also, dass durch eine Betrachtung der historischen Entwicklung von Suchmaschinen ein besseres Verständnis für deren Nutzung und für die Bedeutung des Themas Suche in unserer modernen Welt insgesamt möglich ist. So fasst etwa eine Betrachtung der Entwicklung des Suchmaschinenranking die noch heute wichtigen Konzepte zum Ranking zusammen: Beginnend mit der Auswertung von statistischen Textanalysen über die Nutzung der Popularität von Links und Klicks wurde nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 der Aktualitätsbezug besonders wichtig und in die Ergebnislisten eingebaut, während seit einigen Jahren auch durch die Nutzung mobiler Geräte die Auswertung des Ortbezug (Lokalität) eine immer bedeutendere Rolle spielt. Auch die vermeintliche Vielfalt heutiger Suchmaschinen kann mit einer historischen Betrachtung der "Search engine relationship Charts von Bruce Clay" dekonstruiert werden.

Idee für das Projekt lieferte nach Lewandowski ein Beitrag von Thomas Dominikowski mit dem Titel "Zur Geschichte der Websuchmaschinen in Deutschland" im von Lewandowski herausgegebenen "Handbuch Internet-Suchmaschinen ; 3 ; Suchmaschinen zwischen Technik und Gesellschaft" (Heidelberg : AKA, Akad. Verl.-Ges., 2013, S. 3-34).

Die gelungene Verbindung von Informationsgeschichte und der Förderung von Informationskompetenz, meine beiden Lieblings-Themen, wurde auch im Versuch eines Nachbaus einer frühen "Suchmaschine" unterstrichen. Die von Michael Buckland in den letzten Jahren und Jahrzehnten aus der Versenkung in der historischen Überlieferung hervorgeholte und damit erneut bewusst gemachte "Statistischen Maschine" von Emanuel Goldberg kann als eine frühe, auch elektrischen Strom nutzende Suchmaschine angesehen werden. Sie ermöglichte mit der damals aktuell vorhandenen Technik der Mikrofotografie die Recherche nach codierten Dokumenten mit einer ihrerseits codierten "Suchanfrage-Lochkarte". Zur Veranschaulichung haben drei Studierende im Rahmen dieses Projektes diese Maschine als Modell nachgebaut. Fotos zur Präsentation von Emanuel Goldbergs "Statistischer Maschine" sowie ein Teilbereich innerhalb der Darstellung auf der Projekt-Website erläutern die Funktionsweise.

Weitere Teilthemen des Projektes waren u.a. die personalisierte Suche, Suchmaschinen und Werbung, Suchmaschinen-Optimierung (SEO) und Kinder-Suchmaschinen.

Zum Schluss noch ein paar Hinweise auf weitere Beiträge zur Geschichte der Suchmaschinen in diesem Blog und ein Tipp zu einer ganz anderen spannenden Diskussion zur Informationsgeschichte zwischen bekannten Historikern wie Paul N. Edwards, Lisa Gitelman, Adrian Johns u.a. mit dem Titel "Historical Perspectives on the Circulation of Information" (publiziert in: The American Historical Review 116(2011)5, 1393-1435).

Informationskompetenz kritisch

Das Wort "kritisch" stammt ja vom Griechischen ab (krínein = scheiden, trennen, unterscheiden, entscheiden, urteilen) und gerade das "Unterscheiden" bzw. "auf Unterschiede achten" ist beim Thema Informationskompetenz eine wichtige Aufgabe. Unterschiede im Kontext und in der Wahrnehmung unterschiedlichster agierender Menschen und Institutionen mit unterschiedlichsten Themen gehören zu diesem Thema. Gerade im Themenfeld von Information und Kommunikation spielen solche Unterschiede wie die zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Stoff und Form, zwischen Stabilität und Veränderung, zwischen Repräsentation und Transformation bzw. Interpretation sowie zwischen Technik und Kultur eine große Rolle.

Die kanadischen Autoren Coleen Addison und Eric Meyers (Perspectives on information literacy: a framework for conceptual understanding. Information research 18 (2013) 3) unterscheiden verschiedene Sichten auf Informationskompetenz unterschieden:

  1. "Acquistion of ‚information age‘ skills" (ACRL, Big6 Skills, …) – dies das aus meiner Sicht in Bibliotheken dominierende Verständnis
  2. "Cultivation of habits of mind" (Kuhlthau, Dervin, …)
  3. "Engagement in information-rich social practices" (Multiliteracies, Lloyd, …)

Natürlich gibt es zwischen diesen Perspektiven Übergänge, aber von oben nach unten werden diese Sichten immer ganzheitlicher gedacht. Die Autoren haben in ihrem Artikel auch deren Vorteile, Herausforderungen und – besonders interessant – auch deren Implikation auf die Rolle von “information professionals” reflektiert.

Karsten Schuldt hat in seinem Beitrag "Anmerkungen zur Information Literacy" im Libreas-Blog auf mehrere Bücher aus dem amerikanischen Verlag Library Juice Press aufmerksam gemacht, die Information Literacy kritisch reflektieren, etwas, was ja auch dieser Blog versucht. Die kritische Sicht der von Karsten Schuldt diskutierten Aufsätze implizit die Berücksichtigung kritischer Pädagogik (z.B. basierend auf Paolo Freire und Henry Giroux). Er übernimmt aber auch die interessante Frage "Ist die Information Literacy neoliberal?", die durchaus zur ersten oben genannten Perspektive auf Informationskompetenz passt.

Hier folgen noch ein paar weitere interessante Beiträge zur "critical information literacy", die mir in letzter Zeit aufgefallen sind:

Informationskompetenz als Teil wissenschaftlichen Arbeitens

Im Wintersemester 2103/2014 wurde von mir an der TUHH in Zusammenarbeit mit KollegInnen aus der TU-Bibliothek, einer Kollegin vom FinishING-Projekt der TU-Studienberatung, einer Kollegin aus der Arbeitsgruppe Arbeit-Gender-Technik (M-1) der TU sowie einer externen Dozentin ein Seminar zum "Wissenschaftlichen Arbeiten" durchgeführt. Ein Weblog zum Seminar dient als Schaufenster und Einführung in die Seminar-Themen auch für diejenigen, die leider bei der Auslosung der 30 Plätze aus mehr als 150 Interessenten nicht erfolgreich waren. Im Kommentierten Vorlesungsverzeichnis heisst es zum Seminar:

“[Es] bietet eine Hinführung zu den vielfältigen Aspekten wissenschaftlichen Arbeitens: Themenfindung, Fachinformation, Wissensorganisation, Schreiben, Präsentieren, Publizieren. Anregungen zum Nachdenken über eigene Lern-, Informations- und Schreibprozesse – ergänzt durch praktische Empfehlungen und Tipps – erleichtern den Einstieg in die Erstellung von Bachelor- und Masterarbeiten, Arbeiten, die durchaus auch Erfüllung bringen und Spass machen können.”

Durch das Seminar hat sich auch mal wieder mein Blickwinkel auf Informationskompetenz leicht verändert. Pragmatisch gesehen möchten Studierende aus meiner Sicht im Bereich Informationskompetenz primär Antworten auf drei Fragen haben, wenn sie an ihrer Examensarbeit sitzen:

  1. Wie komme ich an Volltexte?
  2. Wie kann ich sicherer sein, nichts Wesentliches übersehen zu haben?
    • Systematische Informationssuche
    • Nutzung von Fach-Datenbanken
  3. Wie bewältige ich die Informationsflut?

Ein weiteres implizites Ziel des Seminars war es, auch mal über das Phänomen "Wissenschaft" als solches nachzudenken. Im Rahmen des normalen Curriculums besonders der Natur- und Ingenieurwissenschaften findet ein solches Reflektieren in der Regel viel zu selten statt. Hier wäre ein Ausbau von Komponenten des "Studium generale" vielerorts sicher wünschenswert. Im Seminar sollten also Rezepte und Reflexion möglichst eine Einheit bilden. Nichtzuletzt sollen, der Schluss des oben zitierten Abstracts zum Seminar deutet dies an, auch negative und positive Gefühle beim wissenschaftlichen Arbeiten nicht verschwiegen werden, wie es auch ein Life-Cycle zur wissenschaftlichen Kommunikation als eine Art von “Advanced Organizer” zum Seminar verdeutlichen soll.

Liaison Librarians als Teil des Third Space

Ein Report der amerikanischen Association for Research Libraries (ARL) mit dem Titel "New Roles for New Times: Transforming Liaison Roles in Research Libraries" ist im August 2013 erschienen. Eine deutsche Übersetzung des schönen Begriffs “Liaison Librarian” ist nicht einfach, vielleicht bibliothekarischeR FachspezialistIn. Beschrieben werden in dem Report jedenfalls gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen und Aufgaben, die im deutschen Bibliothekswesen bisher von Fachreferentinnen und Fachreferenten an Bibliotheken erwartet werden, aber sicher nicht auf diese zu beschränken sind.

So gefällt mir die Verschiebung zum Begriff des "functional specialist" sehr, die im Abschnitt "Trend 2: A hybrid model of liaison and functional specialist is emerging" beschrieben wird. Denn damit werden im Bereich der Hochschulbibliotheken in den letzten Jahren verstärkt zu beobachtende Bereiche von Services im Bereich Publizieren (Beispiel Webseite der TUHH-Bibliothek), aber auch von Forschungsdaten und bei der Entwicklung der Wissenschaftskommunikation insgesamt berücksichtigt. Beispiele von Bibliotheken im letzten Bereich stammen u.a. von der TIB in Hannover (Open Science Lab) und der ZBW in Hamburg bzw. Kiel (ZBW Labs), die beide auch beim Forschungsverbund Science 2.0 mit dabei sind.

Diese "functional specialists" bieten Services

"as ‘superliaisons’ to other librarians and to the entire campus. Current specialist areas of expertise include copyright, geographic information systems (GIS), mediaproduction and integration, distributed education or e-learning, data management, emerging technologies,user experience, instructional design, and bioinformatics. This dedication of resources to specific areas of proficiency is an indicator of arenas in which research libraries are assuming leadership, or at least well-defined partnership roles on campus. Libraries are identifying gaps in the services required to support teaching, learning, and research, and are responding in new and critical ways." (S. 7)

Es tut sich also etwas im Bereich der Personalentwicklung an Hochschulen. In seinem Beitrag mit dem Titel “Der Third Space als Handlungsfeld in Hochschulen: Konzept und Perspektive” (In: Barnat, M., Hofhues, S., Kenneweg, A. C., Merkt, M., Salden, P. & Urban, D. (Hrsg.): Junge Hochschul- und Mediendidaktik. Forschung und Praxis im Dialog. Hamburg 2013, S. 27-36) beschreibt Peter Salden, der im Zentrum für Lehre und Lernen an der TU Hamburg-Harburg tätig ist, einen Bereich, in dem "die Grenzen zwischen Verwaltung und Wissenschaft" (S. 27) verschwimmen.

Dieser “dritte” Bereich zwischen dem Administrativen und dem Akademischen "entstehe bei Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen" und agiere als “Übersetzer” (S.30), wie es in dem theoretisch-konzeptionellen Teil über “das Dritte” im Aufsatz heisst. Peter Salden diskutiert in seinem Beitrag aber auch deutlich Herausforderungen des Third Space an Hochschulen. Hier tauchen Sätze auf, die auch für das Fachreferat in Bibliotheken gelten können, wie

"Wenn der Third Space gegenüber der klassischen Verwaltung tatsächlich etwas Anderes sein soll, dann muss auch die konkrete Arbeitsweise eine andere sein. Dazu gehören kreatives und strategisches Arbeiten, nach verbreiteter Auffassung aber auch Wissenschaftlichkeit [...]. Third Space-Beschäftigte müssen demnach die Bereitschaft mitbringen, ihre eigene Tätigkeit wissenschaftlich zu reflektieren und diese Ergebnisse der wissenschaftlichen Diskussion zur Verfügung zu stellen. [...]
Derartige Tätigkeit – die ihren Ausdruck z.B. in Vorträgen und Aufsatzpublikationen finden kann – sollte aber nicht als Privatvergnügen, sondern als Teil der Personalentwicklung verstanden werden. Dies kostet die Hochschulen über die Einräumung von Zeitfenstern hinaus wenig, bedeutet im Gegenzug aber die Erhöhung der Qualität der Arbeitsergebnisse (und nebenbei auch die Sichtbarkeit der eigenen Institution sowie die akademische Glaubwürdigkeit im Inneren)." (S. 34-35)

Aus meiner Sicht sind Bibliotheken bzw. manche in Bibliotheken Arbeitende unbedingt ein Teil dieses "Third Space" bzw. sollten dies sein. Gerade aktuelle Entwicklungen – wie am Anfang dieses Beitrags beschrieben – demonstrieren dies deutlich. Aber auch Entwicklungen wie Dienstleistungs-Kooperationen z.B. an der Leibniz-Universität Hannover im Bereich Lernraum aber auch im Kleinen bei der Durchführung eines Seminars zum “Wissenschaftlichen Arbeiten" (Begleitender Blog) an der TUHH belegen dies. Letzteres wird federführend von der TU-Bibliothek in Kooperation u.a. mit Kolleginnen vom FinishING-Projekt (vormals Endspurt) der Studienberatung der TUHH und von der TU-Arbeitsgruppe Arbeit-Gender-Technik (M-1) durchgeführt. Im Optimum sind Bibliotheken zudem Teil des im Aufsatz erwähnten "Third place", "nach dem first place (= das Zuhause eines Menschen) und dem second place (= der Arbeitsplatz eines Menschen) [als ...] öffentlichen Orte informellen Beisammenseins (Cafés, Kneipen…) [...]" (S. 31).

Nachdenken über Open Access

"Open Up! The Politics and Pragmatics of Open Access" war der Titel eines höchst anregenden Workshops am 4. Oktober auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft vom 3. bis 5. Oktober 2013 in Lüneburg.

Nachdem kurz zuvor in Hamburg die Open-Access-Tage stattfanden (zugehörige Tweets, siehe auch die Zusammenfassung von Christian Heise), wurden in Lüneburg grundsätzliche Fragen des Open Access diskutiert, die im Programm des Hamburger Treffens wohl nur am Rande eine Rolle spielten (Im schönen von Ulrich Herb herausgegebenen Sammelband "Open Initiatives: Offenheit in der digitalen Welt und Wissenschaft" sind übrigens teilweise ebenfalls solche grundsätzlichen Fragestellungen angesprochen.):

  • Was bedeutet Offenheit eigentlich genau? Beim Workshop stellten Marcus Burkhardt und Christian Heise die Open Definition der Open Knowledge Foundation vor. Dass das Konzept der Offenheit auch kritisch zu sehen ist, wurde u.a. durch einen Hinweis auf einen Aufsatz von Nathaniel Tkacz mit dem Titel "From open source to open government: A critique of open politics" (Ephemera 12(2012)4, 386-405) betont. Ein weiterer Text zur Beantwortung der Frage stammt von Michael A. Peters: The Idea of Openness.
  • Angesichts der Entwicklung, dass heutzutage fast jeder Verlag ein Open-Access-Angebot vermarktet, dass es zweitens immer mehr Verlage gibt, deren Geschäftsmodell grenzwertig erscheint (vgl. Beall’s list) bzw. dass drittens die Qualität des Peer Reviews gerade von Open-Access-Journals hinterfragbar ist (vgl. den Hinweis und Kommentar zum aktuellen Special der Zeitschrift Science zur Wissenschaftskommunikation von Fabiana Kubke), wird deutlich, dass etwas gut Gedachtes bzw. Gemeintes auch seine Schattenseiten haben kann.
    Beim Begriff Open Access schwingen immer die Themen Peer Review bzw. Bewertung von Wissenschaft sowie auch geistiges Eigentum bzw. Urheberrecht mit. Hier ist besonders zu betonen, dass das Peer Review auch bei klassischer Verlagspublikation schon lange ein Diskussionsgegenstand ist. Auch bei der Sokal-Debatte Mitte der neunziger Jahres des letzten Jahrhunderts war dies implizit mit thematisiert.
    Ein philosophisches und systematischeres Nachdenken über Offenheit erscheint notwendig, wofür dieser Workshop für mich einen schönen Ausgangspunkt darstellte. (Ob es also die Definition von Offenheit gibt, erscheint mir damit eher fraglich.)
  • In ihrem Workshop-Beitrag mahnte die Britin Janneke Adema eine kritischere Sicht auf Open Access an, die aber nicht gleich negativ sein muss. Sie zeigte am britischen Finch-Report "Accessibility, sustainability, excellence: how to expand access to research publications", dass Open Access auch als neoliberaler Versuch gesehen werden kann, die Effizienz der wissenschaftlichen Kommunikation zu steigern, wie solche Sätze zeigen:

    "Improving the flows of the information and knowledge that researchers produce will promote

    • enhanced transparency, openness and accountability, and public engagement with research
    • closer linkages between research and innovation, with benefits for public policy and services, and for economic growth;
    • improved efficiency in the research process itself, through increases in the amount of information that is readily accessible, reductions in the time spent in finding it, and greater use of the latest tools and services to organise, manipulate and analyse it; and
    • increased returns on the investments made in research, especially the investments from public funds" (S. 5)

    Nach Janneke Ademas Meinungs impliziert "radical open access" auch ein Infragestellen jetziger Institutionen und Praktiken der wissenschaftlichen Kommunikation, des Wesens des Buches sowie des Wesens akademischer Autorenschaft und der Generierung wissenschaftlich relevanten Wissens heute. Die heutigen technischen Möglichkeiten erlauben vielfältiges Experimentieren mit Alternativen. Dabei verwies sie auch auf zwei interessante Projekte "remixthebook" und "Living Books About Life".

  • Der Inder Nishant Shah erinnerte in seinem Beitrag an die heutige Herausforderung "Big Data", in der Offenheit hinsichtlich von Datenschutz und Privatsphäre durchaus kritisch zu sehen ist. Vor kurzem schrieb er in seinem Blog unter dem Titel "Big Data, People’s Lives, and the Importance of Openness" einen Text, der so endet:

    We need to remind ourselves that engagement with data is not a sterile engagement, rendered beautiful through visualizations and infographics that can make reality intelligible. It is perhaps time to realize that Data has replaced People as the central concern of being human, social and political. Time to start re-introducing People back into debates around Data, and acknowledging that Data Informatics is People Informatics and data wars have a direct effect on the ways in which people live. And Die.

  • Mercedes Bunz, die Leiterin des diesen Workshop organisierenden, ambitionierten Projektes Hybrid Publishing Lab der Leuphana Universität, unterschied in der Diskussion nochmals zusammenfassend die unterschiedlichen angesprochenen Kontexte von Offenheit: die politische Verwaltungsebene (Open Data), die forschungs- bzw- wissenschaftsbezogene (Open Access) und die ebenfalls politische, eher veränderungsbezogene Ebene von Offenheit. Darüberhinaus werden durch Open Access größere und erweiterte Öffentlichkeiten erreicht, sowohl vom Umfang her als auch von vermittlungsbezogener, eher populärer Ebene aus gesehen.

Neuere Aufsätze zur Informationskompetenz und darüber hinaus

Was es an neuen Aufsätzen zur Informationskompetenz gibt, ist kaum noch zu verfolgen. Unten sind ein paar Beiträge der letzten Zeit zu finden, die mir besonders auffielen. Und dann steht Ende Oktober auch noch die ECIL 2013, die erste European Conference on Information Literacy, mit spannenden Beiträgen ins Haus. Als Mitglied des Programm-Komitees war ich hier auch am Review-Prozess beteiligt. Leider werde ich aber nicht an der Konferenz teilnehmen können.

Daten-Theorie

Die Dissertation von Jakob Voß mit dem Titel "Describing data patterns – a general deconstruction of metadata standards " ist nun online. Die Arbeit ist ein umfassender Beitrag zu einer Philosophie und Theorie der Daten.

Für mich sind besonders die Kapitel zu den Grundlagen wie zur "Library and information science" und zur "Philosophy" besonders interessant. Man erhält hier wie auch im Kapitel "Semiotics" kurz und knapp gelungene Überblicke zur historischen Entwicklung und zum Stand der theoretisch-philosophischen Diskussion.

Jakobs Verwendung von "Patterns and pattern languages" im Hauptteil seiner Arbeit betont die Nähe von "information science" und Design, die auch in der deutschen Geschichte der Informationswissenschaft eine Rolle spielte. Horst Rittel, der in den fünfziger Jahren an der Hochschule für Gestaltung in Ulm Lehrer war, dann in Berkeley als Professor für Design wirkte, schrieb später mit dem Chemiker Werner Kunz das Buch die "Die Informationswissenschaften : ihre Ansätze, Probleme, Methoden und ihr Ausbau in der Bundesrepublik Deutschland / Kunz, Werner u. Horst Rittel. München: Oldenbourg, 1972. Vgl zur Beziehung zwischen Information und Design auch meinen Aufsatz "Wilhelm Ostwald’s Combinatorics as a Link between In-formation and Form" (Library Trends 61 (2012) 2, 286-303) und das Buch von Claudia Mareis: Design als Wissenskultur : Interferenzen zwischen Design- und Wissensdiskursen seit 1960 (Bielefeld : transcript, 2011).

Zum Zusammenhang zwischen mathematischer Physik und Katalogen (1904)

Der französische Physiker Henri Poincaré erwähnt in seinem zuerst 1904 erschienenen Werk "Wissenschaft und Hypothese" auch Bibliotheken (Auf Poincaré im Zusammenhang mit Bibliotheken bin ich schon vor einiger Zeit beim Lesen eines Aufsatzes von Alex Csiszar gestoßen.)

“Man gestatte mir, die Wissenschaft mit einer Bibliothek zu vergleichen, welche unaufhörlich wachsen soll; der Bibliothekar verfügt für seine Ankäufe nur über ungenügende Mittel; er muß sich bemühen, dieselben nicht zu vergeuden.

Die Experimental-Physik spielt die Rolle des Bibliothekars; sie ist mit den Ankäufen beauftragt; sie allein kann also die Bibliothek bereichern.

Was die mathematische Physik betrifft, so hat sie die Mission, den Katalog herzustellen. Wenn dieser Katalog gut gemacht ist, so wird die Bibliothek deshalb nicht reicher; aber der Katalog ist für den Leser notwendig, um sich die Reichtümer der Bibliothek zu Nutze zu machen.

Indem der Katalog ferner den Bibliothekar auf die Lücken seiner Sammlungen aufmerksam macht, setzt er ihn in den Stand, von seinen Mitteln einen vernünftigen Gebrauch zu machen; und das ist um so wichtiger, als diese Mittel gänzlich ungenügend sind.

Das ist also die Rolle der mathematischen Physik, sie muß die Verallgemeinerang in dem Sinne leiten daß sie, wie ich mich soeben ausdrückte, den Nutzeffekt der Wissenschaft erhöht. …”

(Zitiert nach Henri Poincaré: Wissenschaft und Hypothese. 2., verb. Aufl. Leipzig : Teubner, 1906. S. 146.)

Weil so schön ist, das Ganze auch noch in Englisch:
Weiterlesen

Von der Archäologie von "Information literacy" zur "Radical information literacy"

In letzter Zeit wurde ich immer mehr auf die Arbeiten des britischen Erziehungswissenschaftlers Drew Whitworth aufmerksam, der schon 2009 das Buch "Information obesity" (obesity = Fettsucht) publiziert hat, dass in Ausschnitten auch online verfügbar ist.

Aktuell wurde von Whitworth ein frühes Dokument, in dem der Begriff "information literacy" auftaucht, online gestellt und mit einer kommentierenden Einführung versehen: Lee G Burchinal Rede auf der "Texas A & M Library Bicentennial conference" 1976 mit dem Titel "The Communications Revolution: America’s Third Century Challenge".

Interessanterweise sind Whitworths historische Aktivitäten eine Grundlage für ein geplantes Buch mit dem Titel "Radical information literacy". In den Präsentationen von Whitworth auf Prezi findet sich eine sehr spannende Darstellung des geplanten Buches. Whitworths theoretischer Hintergrund ist u.a. der russische Literaturwissenschaftler und Philosoph Michail Bachtin. Auch die Präsentation zu "Information counselling : helping communities visualise and optimise their informational environments" geht über klassische Sichten auf Informationskompetenz hinaus. Hier heisst es zur "Radical information literacy":

"’Radical IL’ is a wider and more democratic distribution of authority over information; requiring moves in both learning and practice."

Eine weitere sehr interessante Darstellung von Whitworth über wissenschaftliches Arbeiten und Forschung mit dem Titel "Research: an end, a means or a culture?" umfasst ein "triadic model of informational relationships".

Whitworths Arbeiten unterstützen ein notwendiges kritisches Nachdenken über information literacy und darüber hinaus:

" … we need a conception of IL that focuses not only on LEARNING, but on TRANSFORMATION"

(‘Slide’ 32 von Radical information literacy)