Nachdenken über Offenheit #OAWeek2016

Nachdem die Open Access Week auch 2016 wieder zu einer Fülle an Blog-Beiträgen bei vielen Bibliotheken geführt hat, etwa bei der TIB, der Bibliothek der Hochschule Hannover oder meiner tub.tuhh, hier Hinweise auf ein paar Texte, die auch Offenheit als solche reflektieren.

Dass Offenheit durchaus als wissenschaftliche Tugend anzusehen ist, behaupte ich in einem Beitrag im Blog zum wissenschaftlichen Arbeiten an der TUHH.

Der französische Philosoph Michel Serres hat dazu in einem auch sonst sehr lesenswerten Vorwort zu seinem zusammen mit Nayla Farouki herausgegebenen "Thesaurus der exakten Wissenschaften" (Frankfurt a.M.: Zweitausendeins, 2001 – Besprechung) zum Aspekt der Bildung durch und mit Wissenschaft geschrieben:

Bildung ist eine gleichermaßen technische, politische und moralische Frage. Umgekehrt betrifft das erste Problem, das die Wissenschaft aufwirft, deren Verbreitung. Wenn finanzkräftige Unternehmen wissenschaftliche Ergebnisse aufkaufen, werden sie aus Eigeninteresse mit Blick auf einen möglichen Verkauf geheim gehalten und nur noch selektiv publiziert. Alles für Profit und Ruhm, ansonsten herrschte Schweigen, Debatten wären ausgeschlossen. Die bezahlte Veröffentlichung liefe der kostenlosen den Rang ab. Das käme einer Regression auf die archaischen Zustände der vorhomerischen Defintion von aletheia gleich, wonach Wahrheit ihr Maß an der Bekanntheit hätte. Wenn man ansieht, in welchem Maß Forschung von der Finanzierung abhängig geworden ist, welche Blüten die Publikationsbesessenheit treibt und wie die reichsten Gruppen Ergebnisse für sich behalten, scheinen wir solch einer Regression gefährlich nahe zu sein. Hier verbietet der berufliche Ehrenkodex eine Geheimhaltung, die auf kurz oder lang die gesamte Wissenschaft zersetzt und zerstört. Die egalitäre Veröffentlichung allen Wissens, die nichts zurückhält und nichts maßlos forciert und in den Vordergrund spielt, wird damit zur sittlichen Pflicht. Wissen muss öffentlich sein, davon ist nicht nur die Wissenschaft betroffen, sondern auch deren ethische Grundlage.
[Hervorhebung T.H.] S. XXXVII – XXXVIII

Zur (eigenen) Geschichte und Gegenwart des Nachdenkens über Wissenschaft in der Hochschulausbildung

Beim Aufräumen meiner Papierberge 😎 bin ich vor einiger Zeit auf einen Leserbrief von mir gestoßen, der im Mai 1983 in der Berliner Tageszeitung "Der Tagesspiegel" veröffentlicht wurde:

Lernen mit Sinn
In Ihrem Artikel in Nr. 11 432 über die Verteterversammlung des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) kommt eine Widersprüchlichkeit voll zum Ausdruck, die vielen Bildungspolitikern und Pädagogen offenbar immer noch nicht ganz bewußt ist: Einerseits sprach sich der Bundesgeschäftsführer des VBE „dagegen aus, zunehmend gesellschaftliche und politische Probleme in der Schule zu behandeln …“, andererseits sollten Kinder in der Schule „auch Verantwortlichkeit, Kritikfähigkeit und Solidarität“ lernen. Wie aber ist es möglich, diese offensichtlich politischen Ziele zu erreichen, ohne wenigstens einen kleinen Ausschnitt aus der ganzen Problematik unserer Geesellschaft zu entfalten? Richtig dagegen ist meiner Meinung nach, daß sich Lehrer die Zeit nehmen sollten, „nach Grund und Sinn zu fragen, und nicht nur einseitig Fakten weitergeben“. Demnach sollten zum Beispiel in den angeblich politikfreien Naturwissenschaften auch gesellschaftliche Probleme den Unterricht bereichern, etwa durch Behandlung der Umweltproblematik oder Untersuchung der Entstehungsbedingungen der heutigen Naturwissenschaft, die die Natur ausschließlich quantitativ erfaßt und nicht auch qualitativ. Vielleicht kann man damit ‚Dem Lernen einen neuen Sinn geben‘ und die oben erwähnten drei Ziele erreichen.“
Der Tagesspiegel, Berlin, Sonntag, 29. Mai 1983

Für mich ist das Inhaltliche hier noch immer aktuell, und das gilt auch für Hochschulen. Studierende aller Fächer sollten Lehrveranstaltungen besuchen, in denen sich Wissenschaft selbst zum Thema macht, wo also über Wissenschaftlichkeit nachgedacht wird. „Bildung“ als ein Zweck von Wissenschaft (Schummer, Joachim: Wozu Wissenschaft? Neun Antworten auf eine alte Frage. Berlin: Kadmos 2014.) umfasst die Notwendigkeit des Nachdenkens über Wissenschaft auf einer Meta-Ebene, die Reflexion über die eigene Disziplin und deren sozial-gesellschaftliche Einbettung in die moderne Gesellschaft.

Um heutzutage wissenschaftlich begründete Entscheidungen in Alltag (z.B. beim Gesundheitsschutz) und Politik (etwa bzgl. der Umweltproblematik und des Nachhaltigkeits-Imperativs) treffen zu können, müssen Entscheidende, also heutztage eigentlich alle, ein grundlegendes Verständnis des Funktionierens von Wissenschaft haben. Und dies kann auch, zumindest ansatzweise, in Aktivitäten zur Förderung von Informationskompetenz integriert werden, wie ich an anderer Stelle betont habe (hier noch ein Beispiel für eine praktische Auswirkung).

Ein frühe historische Quelle zur Frage der Integration von Wissenschaftstheorie und -geschichte und damit des Nachdenkens über Wissenschaft in die Hochschullehre aller Fächer fand ich beim Füllen von Ausstellungsvitrinen in der TUHH-Bibliothek (zur Ausstellung "Kurz vor Zwölf" mit Heften des „Bulletin of the Atomic Scientists“. Diese Zeitschrift bietet auch so etwas wie einen authentischen Rückblick in die Geschichte des Verhältnisses und der Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Technik, Politik und Umwelt im 20. Jahrhundert. Der Titel der kleinen Ausstellung bezog sich übrigens nicht auf die aktuelle politische Situation in Deutschland. Dazu wurde in einem Beitrag im Philosophie-Magazin (Nr. 3, 2016) von dessen Herausgeber Wolfram Eilenberger den Philosophen Walter Benjamin zitierend das Wichtigste gesagt.

In der [Ausgabe Oktober 1968] des Bulletins sind Vorträge von einem Symposium mit dem Titel "Science and the human condition" publiziert, das im November 1967 in Urbana, Illinois stattfand. Gefordert wurde schon damals, dass im Rahmen von Hochschulausbildung nicht nur die jeweilige Wissenschaft selbst thematisiert wird, sondern immer auch Aspekte, die Wissenschaft selbst zum Thema machen, Teil des Curriculums sind, etwas ein Nachdenken über das Funktionieren von Wissenschaft und ihre Rolle in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

"The central problem of higher education is how to bring up new generations, fit to live as individuals and as citizens. The changing habitat which science is creating for them involves not only education in science, but perhaps even more importantly, education about science – the development of understanding of what science is about; what it can (and what it cannot) do, appreciation of the role of science in past history of its likely role in the future; of how its revolutionary force can be best used in the framework of a stable democratic society and how this society can be adapted to the rapid changes in style, circumstances, accomplishments, and dangers of life as science changes and shapes it.
This calls not merely for wider teaching of physics and chemistry, biology, and anthropology on all levels, but above all, for integration into general education, into the teaching of history, political, and social scienecees, yes, even into philosophical and religious instruction, of the facts, methods, and ideas, promises and dangers, potentialities and limitations of mankind’s first common enterprise, that of scientific exploration of nature."(S. 23)

Einer der Aufsätze, von Jacob Bronowski, trägt den Titel „Science as a humanistic discipline“ und endet mit diesem Absatz (S.33):

"Science has to speak for its humanist heritage as a matter of scientific and human concern together. We have to present man for what he is, the creature through whom nature discloses her laws, and who rules and recreates her (and himself) not by magic but by understandings; and not by will but by need. and we have to do that as scientists, whether we like it or not. For if this new humanism fails to convince and fire the minds of the public, science is cut off from its roots, and becomes a bag of tricks for the service of governments. We really have no choice; we have become the guardians of humanism as a living relation between man and nature, and have to become teachers of it for our own survival."

Ein weiterer Zeitungsartikel aus dem Tagesspiegel, den ich vor Jahrzehnten aufgehoben hatte, trug den schönen Titel "Bildung als ‚Selbstverteidigung‘. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu zum BIldungswesen der Zukunft" (von Dorothee Nolte, Der Tagesspiegel, Nr. 12356, 18.05.1986, S. 40). Bourdieu hatte im Rahmen des Collège de France Vorschläge für das Bildungswesen der Zukunft erarbeitet. Im dritten Abschnitt des Artikels heisst es:

"Als zentrale Idee der Vorschläge bezeichnet Bourdieu die Überlegung, daß die Wissenschaft in der gegenwärtigen Gesellschaft zu einem Machtinstrument geworden sei; den Menschen müßten also ‚Mittel zur Selbstverteidigung‘ an die Hand gegeben werden, mit denen sie sich gegen Manipulation aller Art wehren könnten. Wichtig sei hierfür, daß die Wissenschaften stets innerhalb ihres historischen Zusammenhangs gelehrt würden, damit die geschichtliche Bedingtheit der einzelnen Wissenschaften und auch des Rationalitätsbegriffs offensichtlich würden. Der Unterricht sollte interkulturell angelegt sein und die Pluralität der Kulturen betonen."

Nachdenken über Wissenschaft sollte also Teil jedes Studiums in allen Fächern sein. Eine sehr treffende Charakterisierung von Wissenschaft stammt überraschenderweise vom dänischen Schriftsteller Peter Høeg; überraschend hier auch, dass Unsicherheit und Ungewißheit mit Wissenschaft verbunden wird:

"Das eben haben wir mit Wissenschaft gemeint. Daß das Fragen wie das Antworten mit Ungewißheit verbunden ist und daß beides weh tut. Doch daß es keinen Weg drumherum gibt. Und daß man nichts verbirgt, sondern daß alles offen an Licht kommt.“ (Der Plan von der Abschaffung des Dunkels. Roman. Rowohlt, 1998, S. 25)

Wissenschaft hat also mit Offenheit zu tun!

Eines der aktuell besten Werke, das das Wesen der Wissenschaft und deren Entstehungsbedingungen und Auswirkungen im Kontext von Gesellschaft thematisiert, behandelt die Frage des Funktionierens von Wissenschaft bei wissenschaftlichen Kontroversen: David Harker (Creating scientific controversies. Uncertainty and bias in science and society. Cambridge: Cambridge University Press 2015). Das Buch nimmt quasi das Zitat von Høeg auf und eignet sich bestimmt auch für die Integration der Meta-Reflexion über Wissenschaft im Lehren und Lehren vieler Fächer.

Eher populär gehalten ist eine kleines Büchlein, herausgegeben von österreichischen Rat für Forschung und Technologienentwicklung: Ahne, Verena; Müller, Stefan A. (2016): (Fast) alles über Wissenschaft und Forschung. Wie Forschung funktioniert und was Wissenschaft eigentlich bedeutet. Wien: Holzhausen Verlag.

Gedanken und Fragen zum Rahmenvertrag § 52a

Hier mal ein paar Punkte und Gedanken bzw. Fragen beim und nach dem Lesen des Rahmenvertrages zur Vergütung von Ansprüchen nach § 52a UrhG
(Hochschulen)
zwischen der Kultusministerkonferenz (KMK), dem Bund und der VG WORT.

§ 4 Beitritt: Die Hochschule muss ausdrücklich beitreten. Extra-Erklärung notwendig.

Bedeutet § 3 „Begriffsbestimmungen/Voraussetzungen“ (6), dass Werke, die „vom jeweiligen Rechteinhaber in digitaler Form für die Nutzung im Netz der jeweiligen Einrichtung zu angemessenen Bedingungen angeboten“ werden, gar nicht in Lernmanagementsysteme (LMS) hochgeladen werden dürfen und dass deshalb keine Meldung an die VG Wort erfolgen muss (gemäß § 5 (3)). Oder anders ausgedrückt: Zwingt § 3 (6) zum Verlinken dieser Werke!?

Manche Verlage erlauben je nach Verhandlung der jeweiligen Hochschule das Hochladen in LMS, da muss dann auch nicht gezahlt werden. Aber PDFs von anderen Verlagen darf ich also nicht hochladen? Andersherum gesagt: Nur wenn extra vom Lehrenden etwas digitalisiert wird bzw. das betreffende PDF nicht im Intranet der jewieligen Hochschule verfügbar ist, sind Gebühren fällig?

§ 5 (1) Die Hochschule hat die Wahl, ob sie „das Meldeportal in das/die Lermanagementsystem/e der Hochschule“ implementiert „oder ob die Erfassung und Meldung manuell direkt über das Meldeportal vorgenommen wird“. Gibt es dieses Portal bei der VG Wort schon? Wo gibt es Implementierungslösungen? Es soll ja ein abgespecktes Plugin für Stud.IP vom Osnabrücker Projekt geben!?

§ 5 (2) Meldung spätestens zum Semesterende möglich.

§ 6 (2) Ist das Wintersemester 2016/17 schon Teil des Vertrages?

Die wichtigsten Fragen zum Schluss:

Wo kommt das Geld in den Hochschulen her? Bisher haben die Länder die Pauschalen beim § 52a bezahlt.
Bekommen die Hochschulen vom jeweiligen Land zusätzliche Gelder?
Falls nicht, sollte aus meiner Sicht das Geld aus Mitteln für die Lehre (HSP) bezahlt werden, aber ohne dass Bibliotheksmittel betroffen sind. Das wird noch ein munteres Verhandeln?

Werden Hochschulen evtl. dazu übergehen, den Lehrenden das Einstellen vergütungspflichtiger Werke zu verbieten? Um zum Beispiel zu verhindern, dass Geld unkontrolliert abfliesst. Verträgt sich dies mit dem Grundsatz der Freiheit von Forschung und Lehre?

Was kostet das alles? Hier das schöne Rechenbeispiel zur Illustration von Philipp Zumstein: „0,008 pro Seite _und_ pro Unterrichtsteilnehmer zzgl. MwSt. Beispiel 30 Seiten für 200 TN –> 51,36 €“

Der Aufwand für Lehrende steigt auf jeden Fall durch den Rahmenvertrag. Wird man deshalb auf das Hochladen verzichten und wieder verstärkt Papierkopien verteilen? <sarkasmus>Oder soll nur noch Lehre gemacht werden mit Werken vor Erscheinungsjahr 1920! (§ 7 Ausnahmen) </sarkasmus>.

Positiv gesehen, ist der Rahmenvertrag implizit auch ein Plädoyer für mehr Open Access bzw. Creative-Commons-Lizenzen oder OER. Werke mit Nutzungsmöglichkeiten im Rahmen von "Open Access"-Lizenzen sind nicht Teil des Vertrages (§ 7). Heisst das, dass eine Open-Access-Dokument ohne CC-Lizenz unter den Vertrag fällt, mit CC-Lizenz bei entsprechender Verwendung aber nicht!?

So viel Fragen, so wenig Antworten. [Ein paar Antworten in von mir gesammelten Links in den Kommentaren.]

Schreiben als In-Form-Bringen des Denkens

Die Überschrift dieses Beitrages ist mir vor Kurzem beim eigenen sogenannten Warmschreiben oder Free-Writing im Rahmen des Seminars "Wissenschaftliches Arbeiten" an der TUHH in den Sinn gekommen. Gerne nutze ich immer die Gelegenheit, diese Übung im Seminarteil von Birte Schelling mitzumachen. Ulrike Scheuermann (Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln. 2. Aufl. Opladen: Budrich, 2013) spricht auch von Gedanken- oder Fokussprints (S. 78-79). Man schreibt innerhalb von 5 Minuten ohne abzusetzen alles auf, was einem durch den Kopf geht bzw. man wählt vorab ein Thema und schreibt dann.

Kurz vorher hatte ich ein Buch durchgeblättert und angelesen, dass auch in die Richtung des Themas dieses Textes geht: Hornuff, Daniel: Denken designen. Zur Inszenierung der Theorie. Paderborn: Fink 2014. Es passt auch zu dem schönen Aufsatz von Philipp Mayer "Wissenschaftlich schreiben heißt vor allem denken. Zwölf Techniken für mehr Effizienz. Das Hochschulwesen, 58 (2010) 1, 28-32. Diese Blog-Beitrag befasst sich also mit philosophischen Gedanken zum Schreiben.

Hier mein Text vom Warmschreiben:

„Bibliotheken fördern auch akademische Tugenden und Kompetenzen. Eine der wichtigsten akademischen Kompetenzen ist die Reflexion, die Reflexion über das, was Wissenschaft kennzeichnet und wie wissenschaftliches Wissen entsteht. Kurse zum wissenschaftlichen Arbeiten bieten nicht nur Tipps und Rezepte sondern sollen gerade das Nachdenken anregen, über das, was man selbst tut, die Auswirkungen der eigenen Tätigkeit, und das Schreiben von eigenen Gedanken ist Teil des Denkens, Schreiben ist so etwas wie In-Form-Bringen des eigenen Denkens. Es hat also mit Form und Formalisierung des Denkens zu tun, andererseits wird durch das In-Form-Bringen auch deutlich, dass dadurch Denken trainiert werden kann. Beim Schreiben kommt man auf neue Gedanken, Assoziationen und Ähnliches, die einem vielleicht weiterhelfen, sein Tun fortzuentwickeln. Schreiben erleichtert das Denken durch die Ablage und Speicherung von Gedanken.“

Man kann vielleicht auch sagen, „Schreiben ist In-formation des Denkens“, Information hier benutzt im Sinne einer seiner etymologischen Wurzeln als Einprägen bzw. Formen des Denkens, denkt man an die englische Sprache auch als "Bildung" des Denkens, im Sinne von Anregen des Denkens. Denken wird durch das Schreiben aber eben auch in Form gebracht, formalisiert.

Bei der diesjährigen Kleinen Nacht des wissenschaftlichen Schreibens an der TUHH am 11. Mai 2016 (Kurzbericht zur Podiumsdiskussion am Beginn der Kleinen Nacht von Nadine Stahlberg) gab es überraschenderweise auch einen Vortrag zu einer, wie ich es nennen würde, „"Philosophie des Schreibens", der bei mir zu einer Vielzahl von Assoziationen führte. Der Vortragende Bertrand Schütz gestaltet seit Jahren ein Seminar "Literatur und Kultur" an der TUHH.

Weiterlesen

Standards und/oder Framework zur Informationskompetenz

Nachdem die Association of College & Research Libraries (ACRL) die "Information Literacy Competency Stanards for Higher Education" vor Kurzem außer Kraft gesetzt hat, läuft in den Staaten eine vielfältige Diskussion über den Nutzen der Standards und deren Beziehung zum nun allein gültigen "Framework for Information Literacy for Higher Education".

Über ein Blog zum Framework wird auf eine Mailing-Liste zum Framework hingewiesen, in deren Archiv man die umfangreichen Diskussionen ab dem letzten Drittel des Monats Juni nachvollziehen kann. Den Anstoß zur Diskussion in der Liste gab auch ein Posting von Lisa Janicke Hinchliffe mit ihrem Blog-Beitrag vom 19. Juni. Zwei weitere interessante Stimmen mit eigenen Blog-Beiträgen stammen von Lane Wilkonson ("Framework or Standards? It doesn’t matter") und – dort erwähnt – Emily Drabinski ("What Standards Do and What They Don’t").

In Deutschland wurde das Framework im Rahmen einer Session auf dem Bibliothekskongress in Leipzig im Frühjahr 2016 erstmals offiziell diskutiert. Die amerikanischen Kolleginnen Hazel McClure und Gayle Schaub gaben in ihrem Workshop eine schöne Übersicht zum Framework und dem dahinter liegenden Konzept der Threshold Concepts. In diesem Blog wurde das erste Mal ja schon vor mehr als zwei Jahren auf das Framework hingewiesen. Die Kolleginnen wiesen in ihrer Präsentation auf die kritischen Stimmen zum Framework hin, z.B. auf Lane Wilkinson, der in seinem Blog "Sense and Reference" gerade jetzt wieder damit beginnt, das Framework kritisch zu kommentieren.

Trotz sicher mancher berechtigter Kritik passt für mich das Framework eher als die Standards in eine Zeit, die für Bibliotheken auch aufgrund der Herausforderung Open Access von einer Verstärkung ihrer Beratungsleistungen im Bereich Publizieren geprägt ist, was sich auch auf Forschungsdaten bezieht. Somit spielt die Frage des wissenschaftlichen Arbeitens eine immer größere Rolle, und dies wird gerade bei Frames wie "Authority Is Constructed and Contextual", "Information Creation as a Process", "Information Has Value" und "Scholarship as Conversation" deutlich.

Diese epistemologische Komponente von Informationskompetenz im ACRL Framework stellt indirekt die wichtige Frage "Wie funktioniert eigentlich Forschung?", eigentlich eine wichtige Diskussion für jedes Lernen und Lehren an Hochschulen in allen Fächern.

Trotzdem frage ich mich angesichts der Framework-Diskussion immer wieder mal, warum in Bibliotheken arbeitende Menschen immer so etwas wie Regeln oder einen festen Bezugsrahmen irgendeiner institutionalisierten Autorität benötigen, um zu arbeiten (was ja auch auf mich zutrifft, wenn ich mich beobachte)!?. Und dies scheint nicht nur eine typisch deutsche Mentalität zu sein. 😎

Zum Schluss:

In einem gerade erschienenen, interessanten Buch zur Informationskompetenz von Anthony Anderson und Bill Johnston ("From information literacy to social epistemology. Insights from psychology". Oxford: Chandos 2016) heisst es übrigens im Vorwort, das auch das Framework erwähnt:

"The matter of epistemology, both individual and social, is a key theme for information literacy in the coming years …" (S. VIII)

Dies habe ich sinngemäß auch schon mal gesagt. 😎

Chemie-Information und Forschungsdaten

Am 10. März 2016 nahm ich die Gelegenheit wahr, am ersten Tag der 15. Scifinder-HBZ Tagung in Hamburg teilzunehmen. Organisiert von Vertretern vom Chemical Abstracts Service (CAS) bot diese Veranstaltung Gelegenheit, sich beim Thema Chemie-Information auf dem Laufenden zu halten, was ich lange nicht mehr gemacht habe. Insgesamt sind mir aber auch recht allgemeine spannende Fragen zur wissenschaftlichen Kommunikation aufgefallen, die angesprochen und diskutiert wurden.

CAS als neben Reaxys von Elsevier immer noch wichtigster Anbieter von Chemie-Information, dessen Hauptangebot als fachbezogene bibliografische Referenz-Datenbank weiterhin als Geschäftsmodell gut zu laufen scheint, verändert aus meiner Sicht von den Nuancen her langsam sein Service-Angebot. Gut jede Firma, die am Markt bestehen bleiben will, ist gut beraten, dies zu machen, insofern ist dies nichts Neues.

Aber bei der Vorstellung des Produktes MethodsNow, das ein Tool zur Recherche nach chemischen Synthese- und Analyse-Methoden darstellt, wurde deutlich, dass dieses Informationsangebot zwar auf der bibliografischen Grundlage von CAS beruht, aber das sogenannte "Full Record" auch die detaillierten Anleitungen für die jeweiligen Methoden enthält. Damit entfällt der bisherige Zwang die jeweiligen Original-Artikel zu konsultieren, die ja oft nur in Zeitschriften verfügbar sind, die genauso hochpreisig sind wie die CAS-Produkte.

Von der Tendenz her werden sich also immer mehr Informationsangebote auf dem Markt nur halten k&oouml;nnen (und dies gilt nicht nur für CAS!), die zusätzlichen Mehrwert bieten, indem sie das Arbeiten erleichtern, denn mit bibliografischen Datenbanken allein wird wohl bald kaum noch Geld zu verdienen sein. Auch wenn im Chemiebereich durch die besonderen fachlichen Recherche-Notwendigkeiten (Suche nach Strukturformeln hier nur als Beispiel!) aber auch durch die besondere Bedeutung für die (Chemie-)Wirtschaft sich das Geschäftsmodell noch halten dürfte. CAS bietet mit der möglichen Integration der Daten des Chemischen Zentralblattes (ChemZent) und der Volltext-Ansicht von Patent-Dokumenten (PatentPak) in SciFinder interessante neuere Produkte, die aber insgesamt die Preise noch höher machen.

In zwei weiteren, externen, also nicht von CAS präsentierten Beiträgen auf der Tagung ging es dann um Forschungsdaten.

  • Nicole Jung vom Karlsruhe Institute of Technology (KIT) stellte das Projekt Chemotion, ein "Repository for molecules and research data" vor. Als Teil dieses Projektes wurde auch ein open-source-basiertes elektronisches Laborbuch (electronical laboratory notebook = ELN) entwickelt, das zusammen mit einem Laborinformationssystem (laboratory information management system = LIMS) durch die Nutzung einer SciFinder API auch mit bibliografischen Daten "versorgt" wird bzw. diese recherchierbar sind. Durch das Repository Chemotion selbst werden dann quasi aus dem Laborbuch heraus „bisher nicht publizierte Daten sichtbar“, welche auch mit einem DOI versehen sind.

    Durch den letzten Punkt entstand dann eine spannende Diskussion zu wesentlichen Fragen des wissenschaftlichen Publizierens. Zunächst wurde klargestellt, dass natürlich Daten nicht automatisch aus dem Laborbuch heraus sichtbar werden, sondern das dies eine explizite Entscheidung darstellt. Betont wurde auch, das letztlich die Veröffentlichung in einem Repository wie Chemotion, und damit die Publikation von Fosrchungsdaten selbst, wirklich eine eigene Publikation darstellt. In der Diskussion wurde für mich implizit sichtbar, dass zur Zeit immer noch mit "Publikation" zumeist Veröffentlichung in einem Peer-review-Journal meint (zumindest in der Chemie?!).

    Die Frage nach der Qualität von Publikation von Forschungsdaten ist hier dann natürlich auch zu diskutieren. Gibt es hier zukünftig eine eigene Form von Peer Review, vielleicht auch in Form von Altmetrics?! Oder erfolgt dieses im Zusammenhang mit einer eventuellen parallelen, klassischen Publikation in einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Aber auch hier werden die Grenzen zwischen Zeitschrift und Datenbank verschwimmen bzw. verschwimmen diese schon. Und die Frage ist hier auch, wie die professionellen Informations-Dienstleister wie CAS mit der Publikation von Forschungsdaten umgehen.

    Nebenbei bermerkt: Gerade erst vor Kurzem wurde im Blog zum Seminar "Wissenschaftliches Arbeiten" an der TU Hamburg ein Beitrag zum Thema "Laborbücher" publiziert, sind diese doch in der Lehre ein schönes Beispiel um Aspekte des digitalen Wandels, der Bedeutung von Forschungsdaten, rechtlicher Frage zu Richtlinien zur sogenannten Guten Laborparxis (GLP), und zum „Beweissicheren elektronischen Laborbuch“, zur wissenschaftlichen Integrität und zur Tradition des "Notizen machens" (note-taking) zu reflektieren.

  • Ein umfassendes "Research Data Respository", das im April diesen Jahres in Produktion gehen wird, präsentierte Angelina Kraft von der Technischen Informationsbibliothek (TIB): RADAR, ein DFG-gefördertes Projekt von der TIB zusammen mit dem FIZ Karlsruhe, dem KIT und anderen Institutionen, dient zur Ablage und Nachnutzung von Forschungsdaten, ist als modulare Software Open Source verfügbar und wirkt als sehr professionelles Angebot hinsichtlich Dienstleistungsmodell, Metadaten, Datensicherheit und Nachhaltigkeit. Ähnlich wie beim Gold Open Access zahlen die einstellenden Autoren bzw. Institutionen neben einer Grundgebühr je nach Datenvolumen und je nachdem, ob nur eine Datenarchivierung oder auch einer Datenpublikation gewünscht ist.

Das Denken ausstellen …

Nein, nicht Ausstellen im Sinne von Abstellen, das machen manche "Vereinfacher" und "Selbstdarsteller" – beides tritt häufig zusammen auf – heutzutage genug. Hier soll es um Ausstellungen des Denkens und zum Nachdenken gehen, besonders um Ausstellungen zur Philosophie, die ich letztes Jahr besuchen konnte.

  • Die eine Ausstellung läuft im Garten der Burg Lenzen, einem Besucher- und Tagungszentrum im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg. Ein Besuch lohnt sich, denn hier ist "Ein naturphilosophischer Spaziergang durch die Jahrhunderte" (Broschüre) im dem die Burg umgebenden "Naturpoesiegarten" möglich. In den Garten integrierte Kunstwerke laden ein zum Nachdenken über die Natur.

    Hier fand ich einen meiner Lieblingsphilosophen, Ernst Bloch, wieder, aber auch alle hier hervorgehobenen Philosophen wie etwa Böhme, Comenius, Leibniz, Kant und Schelling findet man in Bloch Schriften, der immer wieder das Verhältnis zur Natur thematisiert: "Unsere bisherige Technik steht in der Natur wie eine Besatzungsarmee im Feindesland, und vom Landesinneren weiß sie nichts.", ein Kernsatz aus einem Hauptwerk "Prinzip Hoffnung". Dass Bloch auch im Zeitalter der Digitalisierung das Denken anregen kann, beweisen Beiträge im Bloch-Blog.

  • Die zweite Ausstellung ging in eine ganz andere philosophische Richtung. Die Universität Wien bot letztes Jahr im Zusammenhang mit ihrem 650-Jahre-Jubiläum die Ausstellung "Der Wiener Kreis – Exaktes Denken am Rand des Untergangs". Der logische Positivismus ist zwar keine Philosophie, die mir nahesteht, aber durch die Beschäftigung mit Wilhelm Ostwald bewegt man sich auch etwas im Dunstkreis dieses Kreises, der in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts bestand und danach einen großen Einfluss auf die Entwicklung insbesondere der Hauptströmungen der anglo-amerikanischen Philosophie hatte. Im Juni 2015 haben die Macher in der Wochenzeitung "Die Zeit" ihre Ausstellung vorgestellt.

    In den von Ostwald herausgegebenen Annalen der Naturphilosophie wurde 1921 der "Tractatus Logico-Philosophicus" des dem Wiener Kreis nahestehenden Ludwig Wittgenstein erstmals publiziert. Jüngst erschien ein Aufsatz zu Ostwald und Carnap (Dahms, Hans-Joachim (2016): Carnap’s Early Conception of a "System of the Sciences": The Importance of Wilhelm Ostwald. In: Christian Damböck (Hg.): Influences on the Aufbau. Cham: Springer International Publishing, S. 163–185).

    Auch der österreichische Wissenschaftstheoretiker und Arbeiter- und Volksbildner Otto Neurath gehörte zum Wiener Kreis. Neuraths Aktivitäten, wie z.B. seine universale Bildsprache Isotype, haben teilweise bis heute Bedeutung. In der von ihm begründeten Schriftenreihe "International Encyclopedia of Unified Science" publizierte Thomas S. Kuhn 1962 sein einflussreiches Buch "The Structure of Scientific Revolutions", das als Meilenstein ein Nachdenken über die Entstehung von Wissen innnerhalb von Wissenschaftsgeschichte und -theorie anregte.

    Faszinierend an der Ausstellung waren die vielfältigen Kontexte und Netzwerke zu ganz unterschiedlichsten Strömungen und Menschen der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. So unterschiedliche Menschen wie Ingeborg Bachmann, Berthold Brecht, Paul Feyerabend, Lászlo Moholy-Nagy, Robert Musil, Karl Popper, Edgar Zilsel u.a. standen in einer Beziehung zum Wiener Kreis.

  • Beim netzbasierten "Nachdenken" 😎 über das Thema dieses Blog-Beitrags bin ich noch auf die faszinierende Ausstellung des französischen Philosophen Jean-François Lyotard "Les Immatériaux" gestoßen, die z.B. von Antonia Wunderlich in ihrem Buch genau beschrieben wird. Die Meson Press der Leuphana Universität Lüneburg hat dazu aktuell einen Open Access zugänglichen Sammelband vorgelegt.

Übrigens auch die Universitätsbibliothek der Technischen Universität Hamburg (TUHH) hat im Rahmen der Nacht des Wissens im letzten Jahr eine Poster-Ausstellung veranstaltet, die zum Nachdenken anregen sollte. Das Thema war Offenheit und damit zusammenhängende Aspekte. Dabei war auch ein Plakat und ein paar Vitrinen "Zur Geschichte der Offenheit von Wissen".

Das Denken kann ja eigentlich auch in Medien wie Büchern oder solchen Blogs wie diesen hier ausgestellt werden. Letztlich kann man Menschen auch via Twitter beim Denken zuschauen. Bei mir z.B. wandern manche Tweets eventuell mal in einen Blog-Beitrag und vom Blog vielleicht auch in eine "richtige" 😎 Publikation.

Das Denken beobachten lässt sich auch auf der Website Edge, auf der John Brockman Wissenschaftlern jährlich eine spannende Frage stellt, die dann vielfältig beantwortet wird. Die Frage von 2015 lautete "What do you think about machines that think?", 2016 soll die Frage "What do you consider the most interesting recent [scientific] news? What maks it important?" beantwortet werden.

Auf deutsch sind gerade die Antworten der Frage von 2014 erschienen: "What scientific idea is ready for retirement?" (Welche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand? /hrsg. von John Brockman. Fischer, 2016. Titel der englischen Buchausgabe: This idea must die. Scientific theories that are blocking progress.)

Mit dabei bei den Antworten sind solche, die auf recht populäre Weise eine Reflexion gerade zum Wesen der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Methode in Gang setzen, u.a.:

  • Einfachheit (Simplicity – A. C. Grayling)
  • Ursache und Wirkung (Cause and Effect – W. Daniel Hillis)
  • Wissenschaft macht Philosophie überflüssig (Science Makes Philosophy Obsolete – Rebecca Newberger Goldstein)
  • "Wissenschaft" („Science“ – Ian Bogost)
  • Unsere enge Definition von Wissenschaft (Our Narrow Definition of „Science“ – Sam Harris)
  • Informationsüberlastung (Information Overload – Jay Rosen)
  • Die Wissenschaft korrigiert sich selbst (Science Is Self-Correcting – Alex Holcombe)
  • Wissenschaftliche Erkenntnis als "Literatur" strukturiert (Scientific Knowledge Should Be Structured as „Literature“ – Brian Christian)
  • Die Art und Weise, wie wir Wissenschaft produzieren und fördern (The Way We Produce And Advance Science – Kathryn Clancy)
  • Nur Wissenschaftler können Wissenschaft betreiben (Only "Scientists" Can Do Science – Kate Mills)
  • Die wissenschaftliche Methode (The Scientific Method – Melanie Swan)
  • Reproduzierbarkeit (Reproducibility – Victoria Stodden)
  • Gewissenheit. Absolute Wahrheit. Genauigkeit (Certainty. Absolute Truth. Exactitude – Richard Saul Wurman)
  • Die Illusion wissenschaftlichen Fortschritts (The Illusion of Scientific Progress – Paul Saffo)

Informationskompetenz beim Österreichischen Bibliothekartag

Beim Österreichischen Bibliothekartag in Wien, bei dem einer der Schwerpunkte beim Thema Offenheit lag (siehe auch Link zu Bericht zum Bibliothekartag im ETH-Bibliotheks-Blog), gab es eine Reihe von Vorträgen zur Informationskompetenz, die ich besucht habe. Nur von diesen berichte ich hier kurz.

Die Britin Jane Secker berichtete von Aktivitäten in Großbritannien, die immer mehr weit über die Hochschulbildung hinausgehen: „Information literacy beyond the academy : recent perspectives from the UK„. Ein besonders erwähnenswertes britisches Projekt ist SADL (Student Ambassadors for Digital Literacy), das sogenanntes „peer-learning“ im Fokus hat.

Der Vortrag von Fabian Franke „Informationskompetenz in Deutschland“ ermöglichte es, die deutsche Situation von außen anders wahrzunehmen. So konnte die Vielfalt der Statements zu Informationskomeptenz von Wissenschaftsorganisationen und Politik in Deutschland (zuletzt z.B. von der HRK) durchaus auch die Entwicklung in Österreich beschleunigen.

Robert Tobwein und Karin Ruhmannseder stellten ihre Lehrveranstaltung „Digitales Wissensmanagement – Survival Kit Bibliothek“ vor, die als ECTS-Kurs an der Universität Salzburg eine Einführung wissenschaftliche Arbeitstechniken bietet und an der, ähnlich wie bei einem Seminar Wissenschaftliches Arbeiten des Berichtenden an der TU Hamburg-Harburg, unterschiedlichste Experten der verschiedensten Institutionen der Universität beteiligt sind. So ist hier sogar die Rechtsabteilung der Uni eingebunden.

Im Rahmen des 2. Forums Informationskompetenz: Standards und Frameworks zur Informationskompetenz diskutierten die Teilnehmenden neue Entwicklungen im anglo-amerikanischen Bereich. Diese wurden zunächst von der Organisatorin des Forums, Karin Lach, kurz vorgestellt:

Danach gab es drei Impulsvorträge von Brigitte Schubnell aus Zürich, Michaela Zemanek aus Wien und vom Berichtenden. Ich thematisierte die unterschiedlichen, sich in der Fachliteratur niederschlagenden (drei) Sichten auf Informationskompetenz (Folien auch bei Slideshare), die ihn auf eher theoretischer Ebene nach dem Kern von Informationskompetenz als Konzept und Praxis fragen lässt. Mit Bezug zum wissenschaftlichen Arbeiten bzw. zum Forschungsprozess werde hier vor dem Hintergrund akademischer Fachkulturen eine erkenntnistheoretische (epistemologische) Komponente sichtbar, eine „epistemic literacy“.

Für Brigitte Schubnell, die die besondere kulturelle, auch sprachlich bedingte Vielfalt der Situation in der Schweiz hervorhob, dienen Standards und Modelle eher zur Verständigung untereinander und weniger als Rechtfertigung nach außen.

Michaela Zemanek betonte, dass Informationskompetenz nicht allein ein Thema von Bibliotheken ist, dass diese im akademischen Kontext auch ein Teil der wissenschaftlichen Sozialisation sei, sowie dass es darauf ankomme, Einsichten zu fördern, und nicht Checklisten zu unterrichten. In Österreich hat das Thema Informationskompetenz einen großen Aufschwung genommen, da seit 2013 eine „Vorwissenschaftliche Arbeit“ Bestandteil der Reifeprüfung ist.

In der weiteren Diskusssion wurden u.a. Fragen diskutiert, wie die Theorie zur Praxis komme, wie Informationskompetenz zu Themen wie Evaluation und Akkreditierung passe u.a.m. Insgesamt gesehen sind die erwähnten Standards und Modelle auch als Angebote zu sehen, um mit Kolleginnen und Kollegen aber auch mit den Lernenden ins Gespräch zu kommen. Es sei vielleicht auch notwendiger, weniger zu diskutieren und mehr (auch intuitiv) zu handeln.

Für den Berichtenden ist deutlich geworden, dass es beim Thema Informationskompetenz international ähnliche Diskussionen gibt und dass der Aspekt der Offenheit (im Sinne Offenheit für andere Ansätze, aber auch im Sinne der Berücksichtigung von Themen der Offenheit innerhalb der Informationskompetenz (Open Access, Open Data; Open Educational Resources) hier sehr gut dazu passt.

Die Folien zu den Vorträgen werden wohl nach und nach auf dem BIB Opus-Publikationsserver veröffentlicht werden.

Open Educational Resources und Bibliotheken

Open Educational Resources (OER) sind "Lehr-, Lern- und Forschungsressourcen in Form jeden Mediums, digital oder anderweitig, die gemeinfrei sind oder unter einer offenen Lizenz veröffentlicht wurden, welche den kostenlosen Zugang sowie die kostenlose Nutzung, Bearbeitung und Weiterverbreitung durch Andere ohne oder mit geringfügigen Einschränkungen erlaubt“ („Leitfaden zu Open Educational Resources in der Hochschulbildung“, hrsg. von der Deutschen UNESCO-Kommission, Bonn 2015, S. 5).

Ein wirklich alle Bereiche von OER betrachtende "Whitepaper zu Open Educational Resources (OER) an Hochschulen in Deutschland" von Markus Deimann, Jan Neumann und Järan Muuß-Merholz fasst den Stand der Diskussion im Frühjahr 2015 zusammen. Der letztere betreibt auch die Transferstelle für OER mit vielen weiteren Infos zum Thema. Auf politischer Ebene gibt es einen Anfang des Jahres von BMBF und KMK publizierten "Bericht der Arbeitsgruppe aus Vertreterinnen und Vertretern der Länder und des Bundes zu OER". Im Rahmen eines vom BMBF geförderten Projektes von Wikimedia Deutschland, Mapping OER, sollen folgende zentrale Herausforderungen von OER untersucht werden:

  • "Wie kann Qualität auch bei offenen und freien Bildungsmaterialien sichergestellt werden?
  • Welche Arten der Weiterbildung bieten sich an, um Lehrende zum Thema OER zu schulen?
  • Welche nachhaltigen Finanzierungsmodelle sind in Bezug auf freie Bildungsmaterialien denkbar?
  • Wie kann die Lizenzierung der Materialien praxisnah gestaltet werden und welche urheberrechtlichen Fallstricke sind zu bedenken?"

OER und Bibliotheken

OER sind spätestens seit dem Aufsatz von Jan Neumann im Bibliotheksdienst auch ein Thema für Bibliotheken (siehe auch das Gespräch dazu zwischen Jöran Muuß-Merholz und Jan Neumann). Auch das oben erwähnte umfangreiche Whitepaper berücksichtigt das Thema Bibliothken in einem eigenen Teilkapitel (S. 48-50). Sichtbar ist dies auch durch die Vorträge von Jürgen Plieninger ("Was sind Open Educational Resources (OER) und was haben Bibliotheken damit zu tun?") und Adrian Pohl ("Metadaten für Open Educational Resources (OER) im deutschsprachigen Raum") auf einer Session zu OER-Metadaten im Rahmen eines Workshops der DINI AG KIM (Kompetenzzentrum Interoperable Metadaten – KIM) im Frühjahr 2015. Jürgen Plieninger hat in einem Wiki Material zum Thema OER und Bibliotheken gesammelt. Hier findet man z.B. auch Überblicke zur Recherche nach OER, vgl. auch eine Übersicht auf deutsche Quellen bei iRights.info von Jöran Muuß-Merholz.

Die OER-Metadaten-Gruppe vom KIM hat "Empfehlungen zur Publikation von OER-Metadaten (Entwurf)" gegeben. Schon 2013 wurde ein Papier "Metadaten für Open Educational Resources (OER). Eine Handreichung für die öffentliche Hand", erstellt von der Technischen Informationsbibliothek (TIB), publiziert.

Gerade die Frage der Metadaten stellt zur Zeit wohl eine große Herausforderung dar, da "große Teile der heute verfügbaren OER nur unzureichend mit Metadaten ausgezeichnet sind, die eine Grundvoraussetzung für das Suchen und Finden von OER darstellen." "Um diesen Missstand zu überwinden ist es deshalb erforderlich, OER mit Metadaten auszuzeichnen, wobei ein institutionsübergreifender einheitlicher Standard verwendet werden sollte. Voraussetzung dafür wäre, dass sich ein einheitlicher Standard entwickelt und in der Praxis etabliert. Der Standard sollte den Anforderungen der Praxis gerecht werden und genügend Felder enthalten, um aussagekräftig zu sein, aber ansonsten so schlank [wie irgend möglich (Hervorhebung T.H.)] sein, dass potentielle Metadatenredakteure [ich denke da eher an die Autoren selbst!] nicht abgeschreckt werden." (Whitepaper, S. 49)

Die Erstellung und das Angebot von Open Educational Ressources ist eine Form der Publikation. Publizieren impliziert dabei immer ein gewisses Qualitätsniveau, einerseits hinsichtlich Inhalt, andererseits aber auch hinsichtlich der technischen Art und Weise des Publizierens. Und hier kommen eben auch Bibliotheken ins Spiel. Weiterlesen

Was unter Informationskompetenz verstanden wird, verändert sich

Was unter Informationskompetenz verstanden wird bzw. wie diese wahrgenommen wird, verändert sich im Bereich der Hochschulbibliotheken auch in Deutschland. Informationskompetenz wird nicht nur aus Sicht von Bibliotheken gesehen. Ein Auslöser dazu war sicher das Papier der Hochschulrektorenkonferenz "Hochschule im digitalen Zeitalter: Informationskompetenz neu begreifen – Prozesse anders steuern".

Die Förderung von Informationskompetenz ist zwar heutzutage essentieller Teil der Dienstleistungen von Bibliotheken. Oliver Schoenbecks Aufsatz "Informationskompetenz als Gestaltungsaufgabe" (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 62 (2015) H. 2. S. 85–93 – Nicht Open Access!) zeigt aber, dass Informationskompetenz nicht immer unter einem pädagogisierenden Blickwinkel gesehen werden muss. Einen vergleichbaren Ansatz bieten Thorsten Bocklage, Julia Rübenstahl und Renke Siems in "Informationskompetenz als Kuratieren von Wissensräumen" (Preprint eines Beitrages zur zweiten Auflage des "Handbuchs Informationskompetenz", hrsg. von Willy Sühl-Strohmenger. Berlin: De Gruyter 2016). Wenn es Bibliotheken im Hochschulbereich vermeiden, ein Sendungsbewusstsein zu entwickeln, dafür aber bedarfsgerecht und anfrageorientiert mit ihren Angeboten auf die Bedürfnisse der Nutzenden reagieren, kann Informationskompetenz als ein Thema der Förderung von Schlüsselkompetenzen durch die Hochschule insgesamt betrachtet werden. Die Angebote der Bibliothek sind also im Optimum vor allem Teil der Aktivitäten der Hochschule.

Hinwendung zur Forschung und zum wissenschaftlichen Arbeiten
Weiterlesen